Gropius-Bau : Gandhara: Das versteckte Paradies

Gandhara steht für eine ganze Kultur. Hier verbreitete sich ab dem 1. Jahrhundert nach Christus der Buddhismus und wirkte bis nach Afghanistan, später bis nach China fort. Kunstschätze aus der Taliban-Region sind nun im Berliner Gropius-Bau zu sehen.

Christina Tilmann
Buddha
Jenseits im Diesseits. Ein Buddha-Feld von Mohammed Nari aus dem Zentralmuseum in Lahore. -Foto: Katalog

Eine Region, die jeder kennt. Als Ort des Kriegs und der Krisen. Anschläge, Tod und Zerstörung, Attentate und Armeeeinsätze, Fundamentalismus, Taliban, Scharia – die Nachrichten, die fast täglich aus Afghanistan kommen, sind Negativschlagzeilen, seit Jahren. Eine abgelegene Bergregion, ein verschlossenes Land. Das schwarze Loch der Weltpolitik.

Eine Region, die keiner kennt. Als Ort des Friedens und der Völkerverständigung, der kulturellen Vielfalt, der religiösen Toleranz – und einer Hochkultur, in deren Erzeugnissen sich griechische, indische und asiatische Einflüsse mischten. Gandhara, das ist eine Region im Nordwesten Pakistans, an der Grenze zu Afghanistan. Gandhara steht gleichzeitig für eine ganze Kultur. Hier verbreitete sich ab dem 1. Jahrhundert nach Christus der Buddhismus und wirkte bis nach Afghanistan, später bis nach China fort. Die Ausstellung der Bundeskunsthalle, die nach ihrer ersten Station in Bonn nun auch in Berlin gezeigt wird, bringt diese Kultur erstmals umfassend nach Europa.

Es müssen paradiesische Zustände gewesen sein im malerischen Swat-Tal. Städte, Klöster und Kultstätten entstehen, die Seidenstraße sorgt für Handel und Reichtum, führt Händler aus aller Welt durch die Region. Dabei hatte es kriegerisch begonnen: Alexander der Große kam auf seinem Asienfeldzug auch über den Khaiberpass, bis Monsunregen und meuternde Soldaten ihn zur Umkehr zwangen. Sein Nachfolger, Seleukos, tauschte das Land gegen 500 Kriegselefanten. Doch der griechische Einfluss, in Kultur und Skulptur, blieb im Land.

Heute ist das Swat-Tal wieder in den Händen der Taliban, und die Ausstellungsmacher sehen sich in Berlin mit besorgten Fragen konfrontiert, wie es denn vor Ort um die Reste buddhistischer Kultur bestellt sei. Kurator Michael Jansen von der Hochschule Aachen berichtet, wie schwierig es schon vor einem Jahr war, die ausgewählten Objekte außer Landes zu bekommen. Heute, beruhigt der pakistanische Botschafter Shahid Kamal, sei die Lage im Swat-Tal wieder entspannter, das Leben beginne neu. Auch Fazal Dad Kakar, Direktor der Archäologie-Verwaltung in Islamabad, wiegelt ab: Kein Objekt habe Schaden genommen, so weit man weiß. Man bemühe sich in Pakistan nach Kräften, die Kulturgüter zu schützen und zu erhalten. Michael Jansen hofft optimistisch, bald wieder ins Swat-Tal reisen zu können.

Ein diplomatischer Eiertanz. Und gleichzeitig ein Beweis, wie ungemein wichtig diese Unternehmungen sind. Archäologen, Wissenschaftler, Museumsleute als Instrumente auswärtiger Kulturpolitik – diese Rolle bewährt sich immer wieder, sei es im Irak, in Jordanien oder in Afghanistan. Weil es in der Zusammenarbeit mit den Kollegen im Land eben nicht um Politik geht, sondern um die gemeinsame Arbeit an der Erhaltung der Weltkultur. Ein Nebeneffekt der Ausstellung ist ein Ausbildungsprogramm für pakistanische Restauratoren.

Kultur von Weltrang ist nun in Berlin zu sehen, und zwar erstmals im Westen in dieser Fülle. Die Entdeckung der Gandhara-Kultur ist tatsächlich eine Überraschung: feinstens gearbeitete Skulpturen aus dem charakteristischen schwarzgrünen Schiefer-Stein und eine Formsprache, die zwischen Antike und Asien oszilliert. Deutlich hellenistische Züge tragen die Skulpturen aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. mit ihrem klassischen Faltenwurf, den Dionysos- und Atlas-Motiven. Doch bald schon wandeln sich die Bedeutungen. Die weintrinkenden Paare werden Bittsteller, die Blumenspenden zum Buddha bringen, Amor und Psyche anonymisieren sich als Liebespaar, Athene und Aphrodite bekommen schwerere Glieder, breitere Hüften, Fußschmuck. Buddha, von dem in den frühen Reliefs nur der Fußabdruck zu sehen war, gewinnt immer schönere Gestalt: als stehender, segnender, meditierender Buddha mit elegantem Faltenkleid, kunstvollem Haarknoten, feinem Gesicht.

Mit der Blüte des Buddhismus erreicht die Skulptur in Gandhara ihren Höhepunkt zwischen dem 2. und 4. Jahrhundert. In Gandhara entsteht eine Sonderform des Stupa, des buddhistischen Reliquientempels, bei dem der Reliquienraum außen mit einem skulpturengeschmückten Fries umgeben ist, der – ähnlich einer mittelalterlichen Bilderbibel – Szenen aus dem Leben Buddhas erzählt. Die Empfängnis des Buddha in Form eines weißen Elefanten, ein Streit des Frühgereiften mit den Lehrern in der Schule, Heirat, glückliches Leben im Harem und dann der Auszug in Einsamkeit und Askese, Predigt und Nirvana. Figurenreich, detailfreudig sind diese Szenen auf 36 Reliefs, mit naiver Lust an der Emotion. So ist der Abschied des Buddha von seinem Pferd Kanthaka oder die Rückkehr des Dieners in den Palast für jeden Besucher unmittelbar zu erkennen. Religionsgeschichte als Kunstanschauung – auch in dieser Hinsicht ist die außerordentliche Ausstellung ein Glücksfall.

Höhepunkt der Schau in Berlin ist der einem Stupa nachgebildete Zentralraum. Es folgen Abteilungen zu Architektur und Alltagskultur, die von der hohen kunsthandwerklichen Kultur Gandharas zeugen – mit feinen Goldarbeiten, kostbaren Steinornamenten und dem erstmals komplett präsentierten, 1999 entdeckten Tor von Zar Dheri. Ab dem 6. Jahrhundert erlischt die Kultur – und lebt doch fort, bis in die Weiten Afghanistans.

Dort, im Tal von Bamiyan, endet die Ausstellung, mit einem Menetekel. Die gigantischen Buddha-Skulpturen, Spätformen der Gandhara-Kultur, wurden im Frühjahr 2001 von den Taliban gesprengt. Bis heute arbeitet, unter Schirmherrschaft der Unesco, ein deutsches Forscherteam an der Sicherung der Reste. Michael Jansen präsentiert ein 3-D-Modell des kleineren Buddha, der es ermöglichen soll, die gesprengten Statuen irgendwann einmal zu rekonstruieren – wenn die afghanische Regierung das will.

Hier ist der Wissenschaftler sehr vorsichtig, sehr diplomatisch. Er verweist auf die innerafghanischen Auseinandersetzungen und möchte die ohnehin gefährdeten Anwohner im Tal von Bamiyan nicht durch übergroße „Sensationalisierung“ noch mehr belasten. Sie hätten Ruhe und Frieden verdient. Da ist man, nach einer atemberaubenden Zeitreise, wieder in der Gegenwart angekommen.

Gandhara. Das buddhistische Erbe Pakistans, Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7, bis 10. Aug. , Kat. (Walther König) 29 €

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