Hamburger Bahnhof : Schweizer Kracher

Kunst, die zündelt: der Bildhauer Roman Signer im Hamburger Bahnhof.

Nicola Kuhn
Signer-Ausstellung
Splatter-Vergnügen. Signers "Wasserstiefel" von 1986.Foto: Marek Rogowiec

Auf einem Drehstuhl, wie man ihn aus gewöhnlichen Büros kennt, aber kaum in der freien Natur erwartet, sitzt ein Mann mit ausgebreiteten Armen, die Beine von sich gestreckt. Plötzlich pufft und zischt es aus dem einen Ärmel, der Stuhl beginnt zu kreisen. Kurz darauf explodiert auch im zweiten Ärmel ein Feuerwerk, so dass sich der Sitzende immer schneller dreht. Sekunden später ist der Funkenflug erloschen, der rotierende Stuhl verliert an Schwung.

Die Versuchsanordnung hat etwas Absurdes – klar, dass sich der Sitzende mittels Raketenantrieb irgendwann um die eigene Achse dreht. Und doch reibt man sich verdutzt die Augen: So war das Prinzip der Zentrifugalkraft noch nicht zu sehen. Alltagsgegenstände, Pyrotechnik und die Natur als Setting – das sind die Faktoren, aus denen Roman Signers Kunst besteht. Der Schweizer Bildhauer erfreut sich im Ausstellungsbetrieb höchster Popularität. Bei ihm gibt es immer etwas zu staunen. Dass eigentlich eine andere Idee als die der Zerstreuung dahinter steckt, beginnt der Besucher des Hamburger Bahnhofs nach wenigen Skulpturen, Filmen, Fotografien zu ahnen. Die aus den Beständen der Flick-Collection zusammengestellte Werkschau zeigt den 68-jährigen Künstler als feinen Philosophen, der es gerne krachen lässt.

Signer rüttelt an den Grundfesten des Lebens, hinterfragt mit anarchischem Humor die Regeln und bedient sich dazu der Elemente der Natur – Feuer, Wasser, Wind. In seiner Beharrlichkeit, die Welt aus den Angeln zu heben und sich doch nicht vom Fleck zu bewegen, hat er etwas Ur-Schweizerisches an sich. Den Eintritt in die Künstlerexistenz markiert vor über dreißig Jahren sein Umzug vom Geburtsort Appenzell nach St. Gallen, wo er noch heute lebt. Über die Entfernung von 20,6 Kilometern legt er eine Zündschnur, die über einen Zeitraum von 35 Tagen langsam abbrennt. Die Nabelschnur war gekappt und eine andere Lunte gelegt.

Mag Signers Arbeiten in der Natur auch an die amerikanischen Land-Artisten erinnern, sein Werk verschwindet im Moment des Entstehens und ist deshalb doch nicht mit den Stone-Circles eines Richard Long oder dem Spiral Jetty eines Robert Smithson zu vergleichen. Zurück bleiben beim Schweizer Vetter Filmmaterial und Fotografien, die jedoch eine solche poetische Kraft besitzen, dass sie wie Bilder einer Wunschwelt wirken: etwa die waagerecht durch einen Wald rasende Rakete, die zwischen den Bäumen eine Feuerlinie hinterlässt, oder der goldene Funkenregen in den Fenstern eines Kurhauses, der durch die gleichzeitige Zündung mehrerer Raketen hinter den schweren Fensterläden entstanden ist.

Im Verhältnis zu den lakonischen Versuchsanordnungen im Film, den zauberischen Fotografien wirken Signers Skulpturen plump, denn sie konfrontieren einen zu offensichtlich mit der Banalität des Materials. Der Witz wirkt nur noch platt, nicht mehr sophisticated, wenn er einen Fahrradreifen in einem Betonfuß zur Unbeweglichkeit verdammt oder zwei Ventilatoren einander gegenüber stellt, von denen der eine elektrisch läuft, der andere vom erzeugten Wind angetrieben wird. Der Bildhauer Signer besitzt dort seine Qualität, wo er gerade nicht mit den gängigen Begriffen von Skulptur operiert und dem Ausstellungsbesucher etwas Greifbares offeriert. Seine Stärke liegt im Ephemeren – wenn alles vorüber ist. So hielt er mit Schutzhandschuhen einfach eine Rakete fest, statt sie in die Höhe schießen zu lassen. Das Ergebnis sind Explosionsbilder mit einer tragikomischen Seite.

Ein ähnliches Ergebnis hat sich wohl auch der Hamburger Bahnhof gewünscht, als er den erklärten Vulkan-Liebhaber zum künstlichen Feuerberg im Wörlitzer Landschaftsgarten führte. Ausnahmsweise durfte Signer dieses Naturspielzeug des Fürsten von Anhalt-Dessau erneut zum Glühen bringen. Statt Feuer und Flammen spuckt der Vesuv nun einen roten Plastikball aus.

Die Rechnung geht jedoch nicht auf, denn hier konkurrieren zwei künstlerische Prinzipien miteinander: das heute nur verschroben wirkende künstliche Naturschauspiel des 18. Jahrhunderts und Signers schon am Stromboli erprobte Konfrontation zwischen Naturgewalt und einem kindlichen Ballon. Gerade darin besteht der aberwitzige Charme von Signers Werken: dass sie sich dem Erwartbaren nicht beugen, sondern stur Eigensinn bezeugen. Wie jener Kajakfahrer, den Signer selbst gibt, der nicht den Fluss benutzt, sondern sich auf dem Parallelweg von einem Auto ziehen lässt. Bis der Unterboden weggescheuert ist.

Hamburger Bahnhof, Invalidenstr. 50-51, bis 27. 1.; Katalog 20 €. Eröffnung morgen 20 Uhr.

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