Haus der Kulturen : Cool bleiben

Gefühl, sortiert: Die Ausstellung "Über Wut" im Berliner Haus der Kulturen zeigt kanalisierte Emotionen.

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Selten so viel Wut im Bauch gehabt: einem Mercedes den Stern abgeknickt, auf der Straße eine Mülltonne umgekippt, auf der Demo gegen Hartz IV skandiert, im Supermarkt die Verkäuferin schikaniert. Nur wo, bitte, ist in der „Wut“-Ausstellung der Ort, um sich mal richtig abzureagieren? Von Aggression, ausgelebtem Zorn, Rache gar ist im Haus der Kulturen wenig zu sehen. Hier sind die Gefühle bereits kanalisiert, die sich Tag für Tag durch die Nachrichten in die Welt verströmen: die geballte Wut des iranischen Volks gegen das Ergebnis der Präsidentschaftswahl, die Attacken der Steinewerfer, die abgefackelten Autos in der Pariser Banlieue. Künstler haben sie domestiziert, in Installationen verwandelt, zu Videobildern ästhetisiert oder in Performances gegen sich selbst umgeleitet.

Wenn sich die Kolumbianerin Regina José Galindo heute Abend die ins makellose Gebiss eingesetzten Plomben aus südamerikanischem Gold inmitten des Eröffnungspublikums herausbohren lässt, dann spürt wohl jeder den Schmerz. Aber die Wut verpufft. Der am eigenen Leib nachinszenierte Raubbau an ihrer Heimat durch Fremdherren demonstriert vor allem: Ohnmacht. Schuldgefühle jedenfalls beim Publikum, weil sich am Schauplatz der Ausstellung einst die Nazis am Zahngold der Juden brutal bereicherten, erzeugt die Aktion kaum – auch wenn die Künstlerin sich dies als Nebeneffekt ihrer Aktion wünscht.

Bis auf Galindas spektakulären Akt, von dem nach der Vernissage nur noch Videobilder, die extrahierten Plomben und der leere Behandlungsstuhl zeugen, gibt sich die Ausstellung „Über Wut“ im Haus der Kulturen eher leise und reflektiert. Von der Kuratorin Valerie Smith war das auch kaum anders zu erwarten. Die aus New York stammende Kunst-Chefin am Haus der Kulturen der Welt hatte Ende 2008 mit der kammerspielartigen Schau „Rational / Irrational“ debütiert. Wenige Künstler, Vertiefung einer komplizierten These mit umfangreichem Begleitprogramm, Lectures und Film: So lautet ihr Konzept, das sie auch diesmal trotzig gegen alle populären Ausstellungen beibehält.

Der knallige Titel hat zu früh Lust auf Remmidemmi gemacht. Allerdings ist das Wutpotenzial in der Bundesrepublik auch eher gering, selbst angesichts wachsender Armut, Arbeitslosigkeit, Gewalt gegen Schwächere. Wut ist Valerie Smith umso mehr aus den Ländern entgegengeschwappt, aus denen ihre Künstler stammen – Südamerika, Iran, Pakistan, Libanon, wo existenzielle Probleme noch heftiger brennen. Das Haus der Kulturen der Welt soll nun als Ort dienen, um über diese hitzigen Gefühle zu verhandeln, ihnen eine konstruktive Kraft abzugewinnen. Genau dies war in den Jahren des Kalten Krieges ursprünglich die Funktion der von den Amerikanern Berlin geschenkten Kongresshalle. Geredet, nicht gekämpft werden soll hier.

Diese Funktion spiegelt die ins Foyer platzierte Box der Künstlergruppe „reloading images“ zurück, die mit Silberfolie überzogen ist. Innen sind exakt jener Konferenztisch, Mikrofone, Arbeitsunterlagen präsentiert, an denen Schauspieler Politiker im UN-Sicherheitsrat imitierten. Auf einem Video ist zu sehen, wie sie sich zunehmend in die Haare geraten, bis Rollenspiel und eigene Lebenserfahrung kaum noch auseinanderzuhalten sind.

Spätestens wenn zum Ausstellungsende ein realer Wut-Gipfel mit Panels, Wechseldialogen und Re-readings von Schlüsseltexten von Bataille bis Che Guevara stattfinden wird, wird sich so mancher einen realen Aufschrei wünschen, nicht das stille Leiden, wie es etwa in der Installation der polnischen Theaterlegende Tadeusz Kantor spürbar ist. Sein Alter Ego sitzt als Gliederpuppe an einer Schulbank, lässt still all die Indoktrinationen und Manipulationen über sich ergehen. Der Besucher drückt sich an den staubigen Fenstern der „Toten Klasse“, so der Titel des berühmten Bühnenbilds, entlang und entdeckt erst bei genauerem Hinsehen das aufgestellte Kreuz auf dem benachbarten Bankplatz.

Die Ausstellung demonstriert leider auch die Richtigkeit eines Satzes von Peter Sloterdijk im Programmheft: „Sollte das starke Merkmal der aktuellen psychopolitischen Weltlage in einem Satz ausgedrückt werden, er müsste lauten: Wir sind in eine Ära ohne Zornsammelstellen mit Weltperspektive eingetreten. Weder im Himmel noch auf der Erde weiß man mit der gerechten Wut des Volkes noch etwas Rechtes anzufangen.“ Ein Bild dafür hat das Architektenkollektiv ifau gefunden: ein Karree aus verschraubten Konferenztischen und zu breiten Bänken, aus denen sich der Benutzer, sitzt er erst einmal, kaum mehr herauswinden kann. Was für die Unentrinnbarkeit der eigenen Emotion stehen mag, die hier transzendiert, intellektualisiert werden soll.

Diese Lücke zwischen Gefühl und Ratio können vielleicht nur Künstler füllen. Irgendwann brennt das als Video projizierte „Kaffeehausbild“ des iranischen Filmemachers Shoja Azari lichterloh, in dem sich die historische Darstellung eines Jüngsten Gerichtes zunehmend mit aktuellen Nachrichtenbildern verwebt. Nicht Wasser, nicht Vernunft löscht das Feuer, sondern der nächste Loop.

Haus der Kulturen der Welt, ab Sonntag, 15. März, bis 9. Mai. Mittwoch bis Montag 11 – 19 Uhr. Details unter www.hkw.de

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