Haus der Kulturen : Türen in die Tiefe

Mit "Rational / Irrational" startet die neue Kuratorin Valerie Smith am Haus der Kulturen der Welt. Es besteht die Gefahr, dass das Projekt im Gedonner der Staatlichen Museen zum Abschied von Peter Klaus Schuster untergeht.

Nicola Kuhn

BerlinBerlins Kunstszene erneuert sein Personal: Die Nationalgalerie hat einen neuen Chef, die Kunsthalle auf dem Schlossplatz wurde gerade eröffnet, und im Haus der Kulturen der Welt folgt Valerie Smith auf den eher glücklosen Shaheen Merali als neue Leiterin für Bildende Kunst, Film und Medien. Die ehemalige Chefkuratorin des New Yorker Queens Museums will das „spaceship“ Kongresshalle künftig in der Mitte der Stadt landen lassen und sich stärker vor Ort vernetzen. Kontakte gibt es längst: Die Amerikanerin lebte 1994 für ein Jahr in Berlin, als ihr Mann, der Maler und Bildhauer Matt Mullican, als DAAD -Sti pen diat seine Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie plante. Ihre erste Ausstellung lässt ahnen, in welche Richtung die Reise in den nächsten vier Jahren gehen könnte.

Als pompöser Einstand präsentiert sich „Rational / Irrational“ nicht gerade. Vielmehr besteht die Gefahr, dass er im Gedonner der Staatlichen Museen zum Abschied von Peter Klaus Schuster kaum wahrgenommen wird. Aber der Blick auf die gerade sechs Positionen umfassende Schau lohnt sich – auch das ein Gegenentwurf zu den Mega-Ausstellungen der letzten Jahre mit über dreißig Künstlern.

Mit Valerie Smith hat sich das Haus der Kulturen eine eher stille Macherin an Bord geholt, die eng mit Künstlern zusammenarbeitet. Zu den schönsten Stücken gehört der eigens von ihr in Auftrag gegebene filmische Beitrag von Javier Téllez. Der aus Venezuela stammende Künstler, Sohn zweier Psychiater, hat mit Patienten der Neuköllner Vivantes-Nervenheilanstalt „Das Cabinet des Dr. Caligari“ vor dem expressionistischen Einstein-Turm in Potsdam nachgedreht. Selten sieht man die Gratwanderung zwischen Wachen und Schlaf, dem wahren Sein und gespielten Welten so zum Greifen nah, wenn der junge Patient in der Rolle des Cesare für Dr. Caligari auf eine Schiefertafel schreibt: „Ich möchte erwachen.“ Somnambul folgt er dem geheimnisvollen Arzt die Treppe zur Sternwarte hinauf.

Valerie Smith öffnet hier selbst Türen zum Unterbewusstsein: ein feinsinniger Start an einem Haus, das Schaufensterfunktion für die Bundeskultur besitzt. Wo verläuft die Grenze zwischen Rationalität und Irrationalität, fragt sie. Für Künstler war die Überschreitung, das Experiment seit jeher ein inspirierender Kick, bei dem immer wieder auch Drogen eine Rolle spielten. Der polnische Künstler Pawel Althammer bedient sich dieses Mittels wie in einem Exerzitium, indem er im Selbstversuch acht verschiedene Rauschmittel ausprobiert und sich dabei filmen lässt. Komisch ist das nicht, auch wenn er viel lacht, denn deutlich wird vor allem die Sehnsucht nach dem kindlichen Paradies: endlich wieder verrückte Dinge tun. Das traurige Erwachen ist vorprogrammiert.

Arthur Bispo de Rosários (1911 bis 1989) Droge war der Realitätsentzug. Mit Ende zwanzig ließ sich der Seemann in Rio de Janeiro in die Psychiatrie einweisen, um sich hier auf das Jüngste Gericht vorzubereiten. In den fast fünfzig Jahren bis zum Tod schrieb und stickte er auf Betttücher und Hospitalmöbeln ein „Verzeichnis meines Aufenthalts auf Erden“. Das Haus der Kulturen zeigt fünf Objekte des Art brut-Künstlers aus dem ihm eigens gewidmeten Museum. Es sind kostbare Stickereien, auf denen zahllose Schiffe zu sehen sind, dazu Listen über Listen. Plötzlich entspinnt sich ein Dialog zwischen seinen manischen Registern und Hanne Darbovens ebenfalls ausgestellten „Kalendergeschichten“ von 1976. In diesem frühen Werk reiht die Grande Dame der Minimal Art wie in allen ihren Arbeiten Zahlenkolonnen aneinander, eine Hommage an die rationale Erfassung der Welt. Doch auch bei ihr kommt im Zahlenwahn unversehens eine andere Seite zum Tragen: die Poesie der völligen Befreiung von aller Inhaltlichkeit.

Hätte sie über einen höheren Ausstellungsetat verfügt, so Valerie Smith, wäre noch eine Kreidezeichnung von Sol LeWitt hinzugekommen. Als junge Volontärin am MoMA in New York hatte für Smith bei einer LeWitt-Retrospektive in den Siebzigern die Auseinandersetzung mit der rigorosen Vermessung der Welt begonnen. In der Korrektheit der Linien, der Kühle der Zahlen schimmert immer auch das Irrationale durch. Finanzmanager können in diesen Tagen ein Lied davon singen.

Haus der Kulturen, John-Foster-Dulles-Allee 10, bis 11. 1.; Di-So 12-20 Uhr.

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