Helsinki School : Manche mögen Eis

Hundert Mal Blau: Das Kunstmuseum Wolfsburg zeigt Fotografien der Helsinki School.

Anna Pataczek
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Kalt macht lustig. Itkonens „Tiikala“ (2002), ein Inuit in Grönland. Foto: © Tiina Itkonen

An Gipfelstürmer werden die Kuratoren gedacht haben, als sie den Titel „Auf der Spitze des Eisbergs“ für ihre Ausstellung im Kunstmuseum Wolfsburg erdachten. Es geht um finnische Fotografie, und die ist seit Anfang der neunziger Jahre auf dem internationalen Kunstmarkt ein Verkaufsschlager. Vor allem die Helsinki School, zu der rund 60 Künstler zählen, hat sich unter Sammlern einen Namen gemacht. Sechs Fotografen dieser Schule stellt das Kunstmuseum nun aus.

Dabei ist der Name Helsinki School vor allem ein Markenname – und weniger Programm, wie es scheint. So heißt es vonseiten der Künstlervereinigung, dass sie keine spezifische Denkweise repräsentiere. Ihre Mitglieder verbindet, dass sie alle einmal an der University of Art and Design in der finnischen Hauptstadt studiert oder gelehrt haben. Vertreten werden die Künstler von Timothy Persons und seiner Galerie Taik, die auch eine Dependance in Berlin unterhält.

Auf der Spitze des Eisbergs stehen: Das heißt auch, dass man von oben prima den Blick über den Horizont schweifen lassen und die Heimat zu Füßen vergessen kann – auch wenn der Ausstellungskatalog etwas anderes behauptet. Darin steht, die ausgewählten Fotografien „schärfen den Blick für die lokalen Eigenheiten in der Kunst, die durch Geschichte, Kultur, Landschaft und Gesellschaft gewachsen sind“. Doch genau das tun die 90 Fotografien in Wolfsburg nicht. Alle sind sehenswert: erfrischend geradlinig und handwerklich hervorragend. Nur eine gemeinsame Handschrift gibt es nicht. Dazu variieren die künstlerischen Positionen zu stark.

Das Titelbild zur Ausstellung stammt von der 1981 geborenen Anni Leppälä. Es zeigt die Rückenansicht einer Frau mit feuerroten Haaren und einer blassen Rückenpartie. Leppäläs Fotografien sind inszenierte Traum- und Erinnerungswelten mit Großmutter-Teeservice, alten Ölgemälden, Wäldern oder eben vom Betrachter abgewandten Menschen als Motive. Mit ihren Momentaufnahmen hinterfragt sie Flüchtiges und Beständiges. Ola Kolehmainen und Pertti Kekarainen, Jahrgang 1964 und 1965, die ältere Generation der Helsinki School, verwenden Architektur als Material für dekorative, großflächige Bilder. Tiina Itkonen zeigt Eisberglandschaften im Nordwesten Grönlands in allen Blautonfacetten. Ihre Bilder waren wohl auch Inspiration für den Ausstellungstitel. Pernilla Zetterman setzt sich mit ihrer Vergangenheit als 800-Meter-Läuferin auseinander.

Joakim Eskildsen, gebürtiger Däne, ist seit dem Erscheinen seines Bildbands „The Roma Journey“ einem größeren Publikum bekannt, auch in Deutschland. Auf der Suche nach Roma-Familien ist er durch Finnland, Frankreich, Griechenland, Rumänien, Russland und Indien gereist. Stolz präsentieren sich von Alter und Armut gezeichnete Frauen in bunten Kleidern der Kamera. Indische Kinder glotzen den Betrachter mit leeren Augen an, über ihnen ein gelber, bedrohlicher Himmel. Eskildsen porträtiert eine Menschengruppe, die bis heute mit Diskriminierung zu kämpfen hat – ohne sie vorzuführen. Das liegt vor allem an der malerischen Qualität seiner Aufnahmen. Eskildsen selbst sagt, die Helsinki School gebe ihm die Freiheit, dokumentarisch zu arbeiten, keine „Fine Art“ zu produzieren. Dabei spielt er mit Licht und Schatten wie ein alter Meister. Auch hier eine Frage der Etikettierung.

Kunstmuseum Wolfsburg, bis 24. Mai, Katalog 32 €.

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