Henri Matisse : Süchtig nach Gesichtern

Die endlosen Sitzungen waren harte Arbeit - nicht nur für den Maler. Menschen, Modelle: Matisse als Porträtist im Hamburger Bucerius-Forum.

Nicola Kuhn
Laurette
Glanz von innen. "Laurette mit Kaffeetasse" aus dem Jahr 1917. -Foto: Katalog

Matisse zu lieben fällt nicht schwer. Gerade erst hat wieder ein Bild von ihm für einen Auktionsrekord gesorgt. 35,9 Millionen Euro brachte sein Stillleben bei der Pariser Auktion von Yves Saint Laurent ein (siehe S. 25). Der Meister der schönen Formen und dekorativen Farben bleibt nach wie vor gefragt. Im Werk von Henri Matisse (1869 bis 1954) neue Aspekte zu entdecken, ist dagegen schwieriger. Und doch: Seine Porträtmalerei wurde wissenschaftlich noch nicht untersucht, bisher gab es keine eigene Ausstellung dazu.

Das Bucerius-Kunstforum in Hamburg schließt nun diese Lücke mit der Ausstellung „Menschen, Masken, Modelle“, die bereits in der Stuttgarter Staatsgalerie zu sehen war. Sie zeigt den Klassiker der Moderne nicht erwartungsgemäß als „Lehnstuhl-Hedonisten“, wie er sich selbst einmal nannte, sondern überraschenderweise als akribischen Erforscher seines jeweiligen Gegenübers, ja als intellektuellen Maler, der sich keineswegs mit einer rein sinnlich-naturalistischen Wiedergabe zufrieden gab. Auch die Legende, dass der Künstler mit seinen Modellen amouröse Affären hatte, ist Lügen gestraft. Die zahllosen Sitzungen waren für beide Seiten harte Arbeit: für Matisse, der immer wieder Änderungen vornahm, wie für die Porträtierten, denen der Maler unendliche Geduld abverlangte.

Was lag da näher, als die eigene Familie zu porträtieren – neben seiner Frau Amélie insbesondere die Tochter Marguerite, die sich selbst als Atelier-Göre bezeichnete. Malend, spielend, später auch als Assistentin war sie im Studio des Vaters permanent präsent. An ihren Bildnissen lässt sich die sukzessive Konzentration auf das Wesentliche verfolgen, der Weg zu einer immer stärkeren Abstraktion. Und dennoch bleibt eine frappierende Ähnlichkeit, wie es die Gegenüberstellung mit entsprechenden Fotografien in Hamburg zeigt. Bei Marguerite sind es stets die schweren Lider, die aparte mandelförmige Augenform, die sie erkennbar machen, sowie ein schwarzes Samtband um den Hals, das eine auffällige Narbe verbergen sollte.

Selten schauen die Modelle den Betrachter unvermittelt an, meist bleiben die Augen verschattet. Der Blick ist in sich gekehrt. Durch diese Abriegelung des Inneren wahren die Porträtierten ihr Geheimnis und ihre Persönlichkeit wird ins Monumentale überhöht. Gerade darin lag das erklärte Ziel des Malers. Matisse wollte einerseits das Wesen des Anderen offenbaren, andererseits wollte er auf respektierende Distanz zu ihm gehen.

Nirgends wird das deutlicher als bei den Porträts des Sammlerehepaars Michael und Sarah Stein, das über 500 Bilder von ihm erwarb. Das Antlitz seiner Gönnerin ist mit wenigen groben Strichen charakterisiert. Es erinnert an jene afrikanische Maske, die sich im Besitz von Matisse befand. Durch die Steckfrisur, die einem Heiligenschein gleicht, und den hochgezogenen Kleiderkragen, der die Figur wie eine Mandorla umgibt, wird die Schwägerin von Gertrude Stein zur ikonischen Erscheinung. Neben den Einflüssen der primitiven Skulptur bricht sich hier auch Matisses Begeisterung für die in Russland entdeckten Heiligenbilder Bahn.

Neben den Familienporträts und Bildnissen seiner Sammler – darunter auch eine eindringliche Kohlezeichnung von Sergej Iwanowitsch Schtschukin, dessen Moskauer Wohnhaus Matisse dekorierte – nehmen die Bilder seiner Berufsmodelle den größten Raum ein. François Gilot, Pablo Picassos Lebensgefährtin, schrieb in ihren Erinnerungen, wie süchtig Matisse nach neuen Gesichtern, nach der Entschlüsselung interessanter Konterfeis war. Immer wieder faszinierte ihn das italienische Modell Laurette, von dem er allein im ersten Jahr ihrer Begegnung über 50 Bilder malte.

1916, zu Beginn ihrer Zusammenarbeit, war sie noch die anonyme „Italienerin“, deren Erscheinung sich fast den Blicken entzieht. Der grünliche Bildgrund legt sich über ihre rechte Schulter und den Oberarm wie ein verbergendes Element. Ein Jahr später liegt sie elegisch mit angewinkelten Armen auf goldgelbem Boden, daneben, auf schwarz gemustertem Postament, schimmert der Mokka in einer Tasse. Trotz dieser Pose bleibt sie die ferne, fremde Frau, ähnlich seinen späteren Odalisken, bei denen Form und Dekor zu einer idealen Balance finden.

Mag das Bild auch nur eine momenthafte Szene beschreiben, eine kurze Mußestunde, verleiht Matisse ihr doch Überzeitlichkeit und Religiosität. Kunst war für ihn Glaubenssache, in seinen Porträts suchte er nach dem sakralen Charakter. Ein Glanz, der auch über der Hamburger Ausstellung schwebt.

Bucerius-Forum, Hamburg, bis 19. 4.; Katalog (Hirmer) 39,90 €.

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