Hiroshi Sugimoto : Es werde Lichtbild

Göttliches Gerät: Der Fotokünstler Hiroshi Sugimoto macht mit seiner Kamera die Toten lebendig. Seine Arbeiten sind in der Neuen Nationalgalerie Berlin zu sehen.

Nicola Kuhn
Sugimoto
Hiroshi Sugimoto -Foto: ddp

Er ist ein Pendler zwischen den Welten. Seine Fotografie scheint nirgends endgültig beheimatet zu sein. 1948 in Japan geboren, ging er als 24-Jähriger zum Studium nach Amerika. Heute lebt er an beiden Orten, in New York und Tokio. Seine Aufnahmen macht der Lichtbildkünstler auf der ganzen Welt, östliche wie westliche Traditionen fließen gleichermaßen in sie ein. An jedem Ausstellungsort kommt deshalb eine andere Nuance zur Geltung. Umgekehrt verleihen seine Werke auch der Architektur, in der sie präsentiert werden, einen neuen Ausdruck. Der Bau ist das Instrument, die Kunst der Klang.

Hiroshi Sugimotos Bilderserien sind deshalb in allen großen Museen hoch begehrt. Eine Retrospektive in der Neuen Nationalgalerie aber avanciert zum interstellaren Ereignis am Firmament der Kunst. Denn ähnlich wie Sugimotos Fotografie ist auch Mies van der Rohes Ausstellungshaus durch verschiedene architektonische Einflüsse gespeist. Sein Schrein der Moderne fußt gleichermaßen auf den Traditionen des alten Griechenland wie dem japanischen Tempelbau. Eine Sugimoto-Schau in Berlin bedeutet deshalb auch, die Neue Nationalgalerie mit anderen Augen zu sehen – im 40. Jahr ihres Bestehens.

Der japanische Künstler hat den Bau auf seine klaren Linien zurückgeführt. Als Meister des Lichts und Schattens agiert er nicht allein auf dem Papier, sondern auch in den Räumen. Da fügt er eine Stellwand hinzu und betont den labyrinthischen Charakter, dort zieht er die Vorhänge zurück und öffnet endlich den Blick auf den Skulpturengarten. Eine Dramaturgie aus Hell und Dunkel orchestriert die Säle. Nie war Mies im Verein mit der Kunst so pur zu erleben. Zwei Minimalisten, der Fotokünstler und der Architekt, reichen sich die Hand.

So sind es auch die universalen Fragen, die Sugimoto einfach und klar stellt. Was ist Zeit, was ist Ewigkeit? Was bleibt von der Welt, was war vor der Existenz des Menschen zu sehen? Dem Sechzigjährigen dient die Fotografie als Forschungsinstrument, mit dem er nicht naturwissenschaftliche, sondern poetische Antworten zu geben versucht. Berühmtheit haben seine „Seascapes“ erlangt, die Meere aller Weltgegenden zeigen, als immer gleiches Bild, das eine Horizontlinie zur einen Hälfte in Wasser, zur anderen in Himmel teilt. Genau diesen Eindruck könnte auch der erste Mensch auf Erden gehabt haben. Für einen Moment schlüpft Sugimoto in die Rolle des Schöpfergottes, kurz nachdem er den Elementen den Befehl erteilte: „Und es sammle sich das Wasser unter dem Himmel.“

An elf Beispielen kann der Ausstellungsbesucher die Nuancen der Erdwölbung, der Wasserkräuselungen, der Lichtspiegelungen studieren. Wie bei den Romantikern reflektiert sich auch für Sugimoto in der Natur die Schicksalhaftigkeit des Menschen. Als Referenz an sein großes Vorbild Caspar David Friedrich wurde die „Meeresküste bei Mondschein“ (um 1830) aus der Alten Nationalgalerie dazugehängt. Eine weitere interstellare Begegnung.

Ähnlich wie die Romantiker ist auch Sugimoto Künstlerphilosoph, nur hat er die Mittel seiner Zeit gewählt. „Es ist einfach, ein Bild zu malen“, sagt er im Gespräch, „aber schwer, es zu fotografieren.“ Wie ein Maler arbeitet er deshalb in Serien, umkreist sein Motiv, kostet seine Erkenntnisse aus. Wo uns die Fotografie sonst einen gefrorenen Moment des Lebens schenkt, ist es bei Sugimoto umgekehrt. Für einen täuschenden Augenblick küsst er einen toten Gegenstand wach und übereignet ihn in diesem Zwitterzustand der Unsterblichkeit. Angesichts seiner Bilder von den Dioramen des New Yorker Naturkundemuseums oder seiner Porträts aus Madame Tussauds Londoner Wachsfigurenkabinett kann dem Betrachter schwindlig werden über der Frage: Was hat hier letztlich Bestand? Welcher Wirklichkeit glauben wir mehr?

Bei seinem ersten Besuch Anfang der siebziger Jahre im Naturkundemuseum hatte der junge Japaner bereits bemerkt, dass die künstlichen Tierszenarios wie belebt erscheinen, wenn man mit den Augen blinzelt. Der gleiche Effekt stellt sich bei seiner Schwarz-Weiß-Fotografie ein. Der Betrachter nimmt dem Fotografen die Aufnahme eines vermeintlich authentischen Augenblicks ab: die Begegnung eines Polarbären und einer Seerobbe im ewigen Eis oder die Zusammenrottung von Hyänen, Schakalen und Aasgeiern am Rand der Wüste. Fotografie animiert hier dazu, unter umgekehrten Vorzeichen über Wahrhaftigkeit zu reflektieren. Und über Geschichtlichkeit. Sugimotos Porträts von Heinrich VIII. und seinen sechs Ehefrauen, die vor acht Jahren in der Deutschen Guggenheim Berlin zu sehen waren, verblüffen. Die Dreiviertelbildnisse der in Holbeinscher Manier inszenierten Wachsfiguren entsprechen einerseits perfekt unserer Vision dieser historischen Figuren, andererseits erfahren sie durch die Fotografie eine Glaubwürdigkeit, dass sich der Betrachter zwischen Glaubenwollen und skeptischem Widerstehen hin- und hergerissen fühlt. Luzide Momente der Lichtbildnerei.

Sugimoto, der Meister mit der Großbildkamera, der die Grenzen zwischen Fake und Vorstellung verwischt, kann noch mehr mit seinem göttlichen Gerät: Er scheidet zwischen gut und schlecht, gelungener und missratener Architektur. „Architecture“ hat er seine Serie zu Ikonen der Baukunst tituliert, bei der er mit „doppelter Unendlichkeit“ Schlüsselwerke der Moderne fotografiert. Van der Rohes Seagram Building, Le Corbusiers Villa Savoye, Gropius’ Fagus-Werke und Erich Mendelsohns Einstein-Turm stehen plötzlich als verwischte Kuben da, wie sie sich ihr Schöpfer imaginiert haben mag. In ihrer Qualität, ihrer Erhabenheit sind sie schon greifbar.

„Herausragende Architektur überlebt auch den Angriff verschwommener Fotografie“, sagt er fein. Man ahnt, wie viele Bauwerke bei dieser unbestechlichen Befragung auf ihre Substanz den Test nicht bestanden haben. Nun sind die Besten im Allerheiligsten der Neuen Nationalgalerie vereint, dem Gartensaal. Licht bricht sich in den glänzenden Abzügen, die Rasterung der Fensterseite spiegelt sich in der Aufnahme von Le Corbusier. Das Linienspiel, das künstlerische Prinzip der Sublimierung hat in dieser Konstellation eine weitere Steigerung erfahren. Und wieder hat der Fotograf Regie geführt.

In seiner neuesten Serie wird er selbst zum Architekten, sogar Farbe kommt ins Spiel. Für „Colors of Shadow“ baute Sugimoto ein ganzes Penthouse in Tokio neu, um an den mit Kalkputz verkleideten Wänden das Schattenspiel zu studieren. Endlich scheint dieser Zen-Künstler am Ziel angelangt, beim Nichts, in dessen Nuancen sich je nach Brechungswinkel und Tageszeit eine unendliche Vielfalt verbirgt. Von der Erschaffung der Welt führte ihn der Weg zum reinen Licht. Konsequenterweise experimentiert er nun mit dem Blitz, der elektrostatischen Entladung direkt auf Fotopapier. Hier schließt sich ein Kreis. Die Formationen, die dabei entstehen, sind schwarz wie die Nacht.

Neue Nationalgalerie, Potsdamer Str. 50, bis 5. Oktober; Di–Do 10–18 Uhr, Do bis 22 Uhr, Fr–So 11–18 Uhr. Katalog (HatjeCantz Verlag) 49,80 €.

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