Hitchcock-Ausstellung : China oder Schokolade

Der Doppelgänger: Das Berliner Filmmuseum ehrt Alfred Hitchcock zum 110. Geburtstag. Auch seine Lehrjahre in Babelsberg werden gewürdigt.

Christina Tilmann
Saboteur
Ein Fall für die Trickkiste. Die Schlussszene aus "Saboteur", als Storyboard von John de Cuir. -Foto: Margaret Herrick Library, Los Angeles

In dem Film „Double Take“, der in der übernächsten Woche im „Forum Expanded“ auf der Berlinale läuft, konfrontiert der belgische Regisseur und Künstler Johan Grimonprez Alfred Hitchcock mit seinem Doppelgänger Ron Burrage. Die gleiche massive Statur, die gleiche charakteristisch nölende Stimme, die gleiche berühmte Silhouette. Hitchcock, der begnadete Selbst-Promoter, flieht vor seinem Alter Ego, das er als ultimative Bedrohung begreift. Und parallel dazu ist die berühmte „Kitchen Debate“ zwischen Nikita Chruschtschow und Richard Nixon während der Moskauer Amerika-Ausstellung 1959 geschnitten. Der politische Gegner als Doppelgänger und der Kalte Krieg als Hollywood-Thriller.

Der Film ist eine perfekte Einführung für die Sonderausstellung „Casting a Shadow. Alfred Hitchcock und seine Werkstatt“, die das Berliner Filmmuseum zum 110. Geburtstag des „Master of Suspense“ als einzige Europa-Station vom Mary und Leigh Block Museum of Art der Northwestern University bei Chicago übernommen und in wesentlichen Bereichen erweitert hat. Zum Beispiel um einen Berlin-Teil, in dem Hitchcocks frühe Lehrjahre in den Babelsberger Studios ebenso gewürdigt werden wie sein Kalter- Krieg-Film „Torn Curtain“, der zwar zumeist im Studio gedreht wurde, Hitchcock zu Recherchezwecken jedoch auch nach Berlin lockte.

Im Zentrum der Ausstellung jedoch steht: Alfred Hitchcock himself. Seine Fantasie. Seine Vermarktungsstrategie. Sein Stil. Auch wenn die Intention der Ausstellung eigentlich war, die Schattenkünstler, die Kameraleute, Drehbuchautoren, Set Designer, Kostümbildner und Sound Designer zu würdigen, die Hitchcocks Filme wesentlich ausgestalteten. Doch am Ende steht immer die unverwechselbare, diktatorische, perfektionistische Figur Alfred Hitchcock. Er diskutiert mit seinen Mitarbeitern über Einstellungen, er entwickelt das Storyboard, er erfindet Filmtitel und Vermarktungsstrategien, bei denen er sein legendäres Übergewicht durchaus bewusst in Szene setzt, und ihn erlebt man in einem Fernsehinterview mit Friedrich Luft, wie er in wunderbar anglisierendem Deutsch seine Filmideen erläutert. Schon 1925 hatte der Film-Kurier nach einem Babelsberger Studiobesuch geschrieben: „Schon von weitem hörten wir den Regisseur Alfred Hitchcock kommandieren, in gebrochenem Deutsch, in das sich lustige grammatikalische Schnitzer mischten …“

Der visuelle Aspekt steht im Zentrum, auch wenn die ursprünglich für ein Kunstmuseum entworfene Ausstellung für ihre Berliner Station um eine Abteilung zu Musik und Sound Design erweitert wurde. Erst kam das Bild und dann der Film: So übergab Hitchcock die Erzählung von Daphne Du Maurier, aus der dann später sein berühmtester Film „Die Vögel“ werden sollte, zunächst an seinen Production Designer Robert Boyle mit der Bitte, einige Skizzen anzufertigen, damit er einschätzen könne, ob der Stoff für eine Filmadaption geeignet sei.

Mehrere dieser Storyboards, kleine Comicstrips in sich, in denen skizzenhaft Raum und Atmosphäre, die Positionen der Schauspieler wie auch der Standort der Kamera eingefangen werden, sind nun in der Ausstellung zu sehen, und dazu die Continuity-Beschreibung mit den einzelnen Einstellungen und die fertige Filmszene, ebenfalls durchnummeriert. Ob die berühmte Kornfeld-Szene aus „North by Northwest“, die Szene auf der Freiheitsstatue aus „Saboteur“ oder die mit dem Klettergerüst voller Vögel aus „The Birds“: Ikonen der Filmgeschichte lassen sich so, Bild für Bild, nachbuchstabieren. Dazu gibt es höchst erhellende Interviews, die Michael Strauven für einen im Sommer angesetzten WDR-Film gedreht hat, und in denen zum Beispiel der heute 94-jährige Filmbösewicht Norman Lloyd aus „Saboteur“ ganz genau erklärt, wie die Freiheitsstatuen-Szene gedreht wurde. Nur ob er auf einem Sattel oder auf einem Stuhl auf dem Freiheitsstatuen-Fake saß, darüber streitet er noch heute.

Im Bereich Kostümdesign ist Berlin aus Bordmitteln natürlich stark. Marlene Dietrichs Kostüm aus „State Fright“, dazu Tagebuchnotizen über Anproben beim Schneider und nicht fertig werdende Kostüme – sie hatte sich Dior erbeten und die teuren Kostüme danach behalten. Den Typ der kühlen Blondine à la Tippi Hedren oder Grace Kelly hat zumeist Edith Head eingekleidet. Hitchcock hat seine Darstellerinnen mit Bedacht gewählt. So hat sich eine ausführliche Liste erhalten, in der er potentielle Kandidatinnen für die Besetzung der Hauptrolle in „Rebecca“ bewertet: Miriam Patty ist „too much Dresden China“, Betty Campbell „too Chocolate Box“. Am Ende ist es Joan Fontaine geworden, die Hitchcock noch als „too coy and simpering“, zu schüchtern und stammelnd beurteilt hatte. Der Film hat dann den Oscar gewonnen.

Museum für Film und Fernsehen, Filmhaus, Potsdamer Str. 2, bis 10. Mai, täglich 10 bis 18 Uhr, Do bis 20 Uhr, Katalog (englisch) 33 Euro. „Double Take“ läuft am 10., 11. und 13. Februar auf der Berlinale. Alle erwähnten Hitchcock-Filme werden ab 18.2. im Arsenal gezeigt.

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