Hochbunker : Labyrinth der Zukunft

Der Hochbunker an der Reinhardtstraße hat viel gesehen. Nun besetzt ihn die zeitgenössische Kunst. Ein erster Rundgang

Katrin Wittneven
hochbunker
Durchbruch. Santiago Sierras acht Meter lange, mit Teer beschichtete Stelen. -Foto: Boros

Berliner Geschichte, verdichtet. Einst hat der 1942 gebaute Hochbunker mehreren Tausend Menschen Zuflucht geboten. Eine Sprengung war wegen der Größe des Baus nicht möglich. In der DDR wurde er als Obstspeicher genutzt, nach der Wende fanden hier wildeste Partys statt. Heute beherbergt er die Sammlung von Christian Boros. Mit seiner Familie bewohnt der Inhaber einer Werbeagentur ein gläsernes Penthouse auf dem Dach, das an Mies van der Rohes Barcelona-Pavillon und die Entwürfe des James-Bond-Architekten Ken Adam erinnert. Allein der Durchbruch des mehrere Meter dicken Stahlbetondaches dauerte ein Jahr. Fünf Jahre währte der Umbau selbst; Zwischendecken und Wände wurden mit Diamantschneidetechnik herausgebrochen, der Schutt tonnenweise hinausgetragen.

Kaum ist die Schleuse passiert, ist alles Außen vergessen. Kein Tageslicht, kein Handyempfang, keine Orientierung – hinter den meterdicken Mauern erscheint das Mitte-Leben zwischen Friedrichstadtpalast und Deutschem Theater meilenweit entfernt. Wie Alice im Wunderland betritt man eine eigene Welt und findet sich unter einer Kirchenglocke ohne Schlegel wieder, die sich alle paar Minuten in Bewegung setzt und einen lautlosen Gong spielt. Diese Totenglocke kann man nur spüren, nicht hören.

Die Installation „For whom ...“ stammt vom belgischen Künstler Kris Martin, ebenso wie der versilberte Totenschädel im Raum nebenan, den der Künstler nach seinen eigenen Maßen fertigen ließ. Monika Sosnowskas teilweise begehbare keilförmige schwarze Raumskulptur scheint wie ein Blitz in den Bunker eingeschlagen zu sein. Die beiden Enden der durch mehrere Räume greifenden Arbeit laufen so spitz zu, dass Aufpasser sie keine Sekunde aus den Augen lassen.

Boros setzt in der ersten Präsentation im Bunker ganz auf den Raum. Er zeigt zum Auftakt Skulpturen und Rauminstallationen. Viele variieren das Thema Licht: Neon- und Schwarzlicht oder tanzende farbige Lichtpunkte lassen die bis zu 13 Meter hohen Räume immer wieder anders erscheinen. Architekt Jens Casper hat die 120 Bunkerräume auf 80 reduziert. Der mühsame Prozess wird nicht zugespachtelt, sondern bleibt durch die unterschiedlichen Wandstrukturen sichtbar. Der Bunker ist ein eigenständiger Koloss geblieben, der zwar der Kunst Raum gewährt, sich aber nicht vollständig zähmen lässt. Werke von 57 Künstlern verteilen sich auf 3000 Quadratmetern Ausstellungsfläche, oft ganze Werkgruppen. Trotz der teils auch nur 2,30 Meter hohen Räume entfalten sie eine enorme Kraft.

So feiert Boros im Untergeschoss regelrechte Anselm-Reyle-Festspiele. Da treffen frühe Arbeiten wie der mit gelber Neonfarbe bemalte Heuschober und die silbernen Heuballen von 2003 auf seine später entstandenen aufgetürmten Neonröhren und spiegelnden Folienbilder und bilden einen Kontrast zu den teilweise garagenähnlichen Räumen, die mit Graffiti- und Farbresten Auskunft über frühere Nutzungen geben.

Boros hat keinen Kurator engagiert, sondern die Künstler selbst zur Installation ihrer Werke eingeladen. So lässt Katja Strunz ihre ursprünglich horizontal angelegten Wandkeile nun über vier Etagen emporkrackseln. Der Besucher kann dem Werk teilweise nur noch mit den Augen folgen, denn im Gewirr von acht Treppenhäusern verliert er immer wieder die Orientierung. Erst langsam kristallisiert sich durch zahlreiche Blickachsen und Durchbrüche ein System von Geschossen und Zwischengeschossen heraus.

Einen fantastischen Blick von oben hat man auf Olafur Eliassons Lichtinstallation von 1995. Es ist die erste Arbeit, die der dänische Künstler in Berlin gezeigt hat. Schon damals ließ er die ganze Reichweite seines Werkes erahnen: ein Strahler und zwei Spiegel, von denen sich einer dreht. Eine simple Versuchsanordnung, die in dem Raum ihren Zauber entfaltet. Insgesamt sind zehn Werke von Eliasson zu sehen, darunter sein Ventilator, der 1998 auf der ersten Berlin Biennale seine Runden im Postfuhramt drehte. Im Bunker kreist er nun in einem 13 Meter hohen Raum über den Köpfen der Besucher.

Viele Arbeiten stehen für markante Punkte des Berliner Kunstgeschehens der letzten Jahre: zum Beispiel Santiago Sierras acht Meter lange, mit Teer beschichtete Stelen, mit denen er zur Eröffnung der Galerie Carlier Gebauer an der Jannowitzbrücke die Wände durchbrach. Oder Elmgreen und Dragsets lebensecht erscheinender Kranker, mit dem sie 2002 den Preis der Nationalgalerie für junge Kunst gewannen. Es ist ein Segen, dass Boros diese Werke erworben hat – Versäumnisse der Berliner Museen können so zumindest teilweise ausgeglichen werden.

Doch Boros’ Neuerwerbungen weisen auch nach vorn. Henrik Olesens nicht passende Fußleiste oder Kitty Kraus’ mit Tesafilm zusammengehaltene Lampen, aus deren Kanten Licht dringt, stehen für das Nichtperfekte, Provisorische und liefern dadurch ein Sinnbild für die Stadt. Sie lassen den Sound der Zukunft erklingen.

Führungen können unter www.sammlung-boros.de gebucht werden.

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