Humboldt-Forum : Museum für die Zukunft

In Berlin soll mit dem Humboldt-Forum ein "Zentrum außereuropäischer Kulturen" entstehen. Was heißt das eigentlich?

Christina Tilmann
Quai Branly
Beispiel Paris: Das Musée du Quai Branly. -Foto: AFP

Gerade sind in Portugal die neuen Weltwunder gekürt worden. Gewonnen haben die Ruinen von Chichen Itza in Mexiko, die Chinesische Mauer, die Jesus-Statue in Rio, die Inka-Stadt Machu Picchu in Peru, die Felsenstadt Petra in Jordanien, das Mausoleum Taj Mahal in Indien – und das Colosseum. Zweimal Südamerika, einmal Mittelamerika, Indien, Asien, der Mittlere Osten – und Rom als Hommage an das alte Europa. Das Schloss Neuschwanstein in Bayern kam nur auf Platz acht.

Repräsentativ ist die Auswahl, die der Schweizer Bernard Weber initiiert hat und an der sich 100 Million Menschen per Internet, SMS oder Telefonanruf beteiligt haben, vielleicht nicht, zu leicht ist so eine Abstimmung manipulierbar. Eins jedoch zeigt das Ergebnis klar. Europa ist nicht mehr der Nabel der Welt. Kultur kommt längst gleichberechtigt aus allen Erdteilen. Die Unesco, die zuletzt auf ihrer Tagung in Neuseeland Heidelberg die Aufnahme verwehrte, hat stattdessen sechs Regenwälder-Nationalparks auf Madagaskar, eine große Karstregion in China und eine Vulkaninsel Südkoreas auf die Liste gesetzt – man wolle die Übermacht Europas, das drei Viertel der Welterbestätten stellt, einschränken, hieß es dazu.

Wasser auf den Mühlen von Klaus-Dieter Lehmann. Der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz kämpft seit Jahren dafür, den außereuropäischen Kulturen einen gleichberechtigten Platz im kulturellen Herzen Berlins zu verschaffen. Mit der Entscheidung, auf der Schlossplatz-Brache bis 2013 ein Humboldt-Forum zu bauen, sieht sich der Stiftungschef nun am Ziel seiner Wünsche. Doch die Brisanz liegt in der Ausführung. Mag die Außengestalt des Gebäudes (barocke Fassade), die Raumaufteilung (24 000 Quadratmeter für die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, 4000 Quadratmeter für die Berliner Landesbibliothek, 1000 Quadratmeter für die Sammlungen der Humboldt-Universität) und die Finanzierung inzwischen geklärt sein – was genau im Gebäude eigentlich passieren soll, war bislang noch kein Thema der Diskussion.

Was Lehmann sich erträumt, ist ein gigantisches Projekt. Ein Museum, nein, ein Kulturzentrum, wie es bislang nirgendwo auf der Welt existiert. Wechselnde Ausstellungen, kuratiert von Fachleuten aus aller Welt, sollen flexibel und schnell aktuelle gesellschaftliche Fragen aufgreifen: Themen wie der Karikaturenstreit oder Probleme von Rassismus und Migration gehören unbedingt an diesen Ort, so der Museumsmanager. Dazu viel populäre Kunst, Theater, Kino, Mode und Design – und selbstverständlich auch die außereuropäische Kunst. Denn nichts ist zeitgenössischer als die außereuropäische Kunst, das könne man von der Documenta bis zur Biennale sehen, so Lehmanns Überzeugung. Die Diskussion um eine Kunsthalle am Schlossplatz bekommt dadurch eine neue Dimension.

Ob die Politiker, die nun, von Tiefensee bis Wowereit, das Lob des Humboldt-Forums singen, wissen, was auf sie zukommt? Lehmanns Ansatz bedeutet mehr als eine schlichte Übersiedelung der Dahlemer Museen, mehr auch als ein repräsentatives Großmuseum à la Louvre. Es ist ein konzeptueller Neuanfang. Eine völlig neue, mobile Museumsarchitektur wünscht sich Viola König, Direktorin des Ethnologischen Museums, die mit ihren 500 000 Objekten der Elefant im Haus ist. Keine starre Dauerausstellung, die mit wuchtigen Vitrinen auf Jahrzehnte festgeschrieben ist. Sondern bewegliche Module, die eine ständige Weiterentwicklung möglich machen. Der Wunsch: auch Berliner sollen immer wieder kommen, um neue Ausstellungen zu sehen.

Solche Flexibilität aber erfordert eine angemessene finanzielle Ausstattung, auch über die Ersteinrichtung hinaus. Und Vorlaufkosten. Spätestens jetzt müsse man beginnen, mit internationalen Experten über Themen und ihre Präsentation zu sprechen, so König. Ethnologiemuseen wie das Musée du Quai Branly in Paris, das National Museum of the American Indian in Washington, das Museum of Civilisation in Kanada oder das Weltkulturenmuseum in Göteborg haben in den letzten Jahren verschiedene Ansätze vorgeführt: Sei es eine Konzentration auf den Kunstcharakter der Objekte wie in Paris, sei es eine Ausrichtung entlang der großen Menschheitsthemen Tod, Geburt oder Gott. Überall müsse man hinfahren, möglichst noch bevor die architektonische Planung beginnt.

Die internen Gespräche laufen derzeit auf Hochtouren. Heute wird bei Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee die Ausschreibung vorbereitet. Das Raumprogramm ist relativ konkret ausgearbeitet. Von der unterirdischen Ebene 0 mit Kino und Schlüter-Lapidarium über den offenen Laboratoriumsbereich (Agora) im Erdgeschoss zu den „Werkstätten des Wissens“ im ersten Stock, einer Art „radikalisiertem Centre Pompidou“ mit Bibliotheken und Medienarchiven, an der alle Institutionen, von den Museen über die Uni bis zur Landesbibliothek beteiligt sein sollen. Im zweiten Stock folgt die Rekonstruktion der königlichen Kunstkammer, für die auch historische Schlossräume wiedererstehen könnten: eine „mikrokosmische Zusammenziehung aller Kontinente“, so der Kunsthistoriker Horst Bredekamp, der für die Sammlungen der Humboldt-Uni spricht. Und eine Hommage an den Barock, an die Weltneugierde der Aufklärung, aus der alle Berliner Sammlungen erwuchsen, fügt Peter-Klaus Schuster, Generaldirektor der Staatlichen Museen, hinzu. Im dritten und vierten Stock schließlich folgen die großen Ausstellungssäle, ein „Kosmos der Kontinente“. Gedacht ist an eine Unterteilung nach Bereichen, die nicht unbedingt entlang den Abteilungen verlaufen muss. Die Tropen-Ausstellung zum Beispiel, die Viola König für den Gropius-Bau vorbereitet, verläuft entlang des geografischen Gürtels von Angkor Wat über das Königreich Benin bis zu den Maya in Mexiko, quer durch die Sammlungsbereiche also. Hinzu kommen soll ein offenes Depot, in dem 25 Prozent der Bestände zugänglich sind – derzeit sind in Dahlem etwa zwei Prozent zu sehen. „Wir haben die weltweit umfangreichste Sammlung“, schwärmt Lehmann. Nun gelte es, dafür auch die weltweit modernste Präsentationsform zu finden.

Ist das wirklich gewollt? Es gebe noch viel Gleichgültigkeit gegenüber dem Thema, beklagt der Stiftungschef und ärgert sich, dass immer von Einbäumen und Dämonenmasken die Rede sei, die am Schlossplatz gezeigt werden sollten. Erst unlängst forderte die „FAZ“, man solle doch im Schloss lieber das Schönste präsentieren, was die Stiftung zu bieten habe: die Gemäldegalerie. „Wir haben Kunstwerke aus aller Welt, die so schön sind, dass einem der Atem stockt“, betont Lehmann. Die Gemäldegalerie gehöre in den Kontext der Museumsinsel, der einzigartigen europäischen Bildungslandschaft. Sein Modell für den Schlossplatz hingegen sei gerade der Versuch, im 21. Jahrhundert die Gleichwertigkeit der Weltkulturen zu vermitteln. „Ausstellungen wie die Skythen im Gropius-Bau oder die Merowinger in Russland beweisen längst, dass auch in der Museumsarbeit ein neues geografisches Beziehungsgeflecht entstanden ist.“ Der Schlossplatz sei dafür genau der richtige Ort: „Man kann ihn nur mit einem politischen Thema besetzen. Und das Thema außereuropäische Kulturen ist das Thema der Zukunft“, ist Lehmann überzeugt. Und auch Bredekamp pflichtet ihm bei: „Wir sind kein Kaffeekränzchen des Wissens. Wir sind viel radikaler und beweglicher als alle Kritiker.“

Was nicht heißt, dass man die Vergangenheit vergisst. Wenn derzeit diskutiert werde, einige Innenräume im Schloss zu rekonstruieren, finde er das nicht falsch, so Lehmann: „Man darf die Identität des Ortes nicht aufgeben.“ Aber bitte nicht auf Kosten des inhaltlichen Programms. Lehmann schlägt einen Tausch vor: 7000 Quadratmeter seien, da Berlin mangels Finanzkraft seinen Anteil nicht ausgeschöpft habe, übrig. Die könne man dem Stiftungsprogramm zuschlagen – und dafür im Tausch in einigen Räumen die historische Ausstattung wieder herrichten.

Die Vollendung wird er als Stiftungspräsident nicht mehr erleben. Er übergibt im Februar 2008 den Stab an den Archäologen Hermann Parzinger, einen Kenner außereuropäischer Kultur. Doch erste Schritte wie die Wettbewerbsausschreibung und die Errichtung einer Infobox auf dem Schlossplatz will Lehmann schon noch anschieben. Und auch in Zukunft das Thema mitbestimmen. Als Präsident des Goethe-Instituts wird er weiterhin mit dem Kulturaustausch in aller Welt befasst sein. Die Kooperationsmöglichkeiten liegen auf der Hand.

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