Humboldt-Forum : Unter Beschuss

Ausstellungseröffnung im Alten Museum: Christiane Peitz lauscht den Reden zum Humboldt-Forum.

Christiane Peitz
Ausstellung "Das Humboldt-Forum im Schloss" Foto: ddp
Hermann Parzinger. Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.Foto: ddp

Eine neue Weltsicht muss her, mindestens. So viel Weltwunsch ist jedenfalls selten bei einer Ausstellungseröffnung. Die Welt schaut auf Berlin, sagt Hermann Parzinger am Mittwochabend im Alten Museum – und meint die Werkstattschau zum Humboldt-Forum. Ihr Völker der Welt, ihr seid mit eurer Kultur zu Hause in dieser Stadt, ruft Horst Köhler. Ein Zentrum, auf das die Welt blickt und aus dem wir auf die Welt blicken, wünscht sich Bernd Neumann im künftigen Schloss, während Michael Eissenhauer vom weltgrößten Universalmuseum schwärmt. Und die Deutschen mit sich selbst versöhnen, sagt Parzinger, das kann das Humboldt-Forum ebenfalls.

Der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, der Bundespräsident, der Kulturstaatsminister, der Chef der Staatlichen Museen sowie die anderen künftigen Schlossbewohner – sie alle türmen derart himmelhohe Ansprüche auf, dass einem während der feierlichen Reden beim Blick in die Kuppel der Museumsrotunde der Nacken schier steif wird. Armes Humboldt-Forum. So viel Pathos, so viele Superlative, das schafft es nie! Die leichte Fregatte, die Uni-Präsident Christoph Markschiess in Erinnerung an den Globetrotter Alexander von Humboldt lossegeln lässt, wird unter solch schwerem Geschütz wohl sinken. Nichts gegen die Begeisterung der Akteure: Es braucht mengenweise Elan, um das Schloss-Dilemma zu lösen. Aber die Frage, wie man barockes Outfit und ethnologisches Innenleben zusammenzwingt, ist nicht damit beantwortet, dass man einen derart gewaltigen Überbau über sie wölbt.

Autosuggestion schwingt mit in den Reden, die Selbstbeschwörung derer, die in der Werkstatt-Ausstellung eben doch wieder die guten alten Südseeboote zeigen. Überhaupt versammelt die Schau weniger kühne Visionen als Versuche zur klassischen Frage, wie man sie heutzutage denn präsentiert, die Fundstücke und das Raubgut der weltreisenden Forscher und Sammler. Das von Parzinger und Co. viel zitierte sprechende Objekt, entweder es plappert entschieden zu viel auf Schautafeln und Erklärtexten oder es schweigt sich auratisch aus. Warum richten sich der Elan und der Ehrgeiz nicht einfach darauf, das intelligenteste und aufregendste Museum für Außereuropäisches gestalten zu wollen?

Neuerdings lieben alle Schloss-Herren das Wort Agora. Nicht nur die Veranstaltungsflächen für Theater, Kino und Podien, nein, das gesamte Humboldt-Forum soll Agora werden, fordert auch Volker Hassemers Stiftung Zukunft Berlin. Das Schloss als Deutschlands zentraler Marktplatz für den Austausch der Ideen und Kulturen? Solche Marktplätze gibt es vielfach in Berlin, das HAU als Theater der Kulturen der Welt, das Arsenal als Forum fürs Weltkino, das Wissenschaftskolleg, die Debattierklubs der Akademie der Künste, der Heinrich-Böll-Stiftung, des Einstein- Forums, der American Academy. Soll von jedem ein bisschen ins Schloss?

Eines zeichnet sich ab – und scheint politisch durchaus erwünscht: Wenn die so hochtrabend skizzierte Agora tatsächlich realisiert wird, braucht man das Haus der Kulturen der Welt nicht mehr. Noch eine Vision: Dessen Chef Bernd Scherer wird Agora-Intendant und die Schwangere Auster im Tiergarten wird in die Liste all der illustren Gebäude aufgenommen, die in Berlin einen Nachmieter suchen.

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