Impressionismus : Die Geheimnisse kleiner Ballerinen

"Intimität und Pose": Die Kunsthalle Hamburg zeigt Edgar Degas’ impressionistische Blicke durch das Schlüsselloch.

Ulla Fölsing

Seine Pastelle haben Generationen von Jungmädchenzimmern bestückt. Wer Degas hört, denkt noch heute vorwiegend an Tänzerinnen im Tütü, die ihre Ballettschuhe schnüren – die typischen Momentaufnahmen flüchtiger Bewegung. Auch wenn Edgar Degas (1834–1917) als Wegbereiter des Impressionismus berühmt wurde, unterschied er sich doch von Kollegen wie Monet, Sisley, Pissarro und Renoir: Nicht flirrendes Licht und stoffliche Schönheit suchte er in seiner Kunst, sondern naturgetreue Gebärdensprache. Mit Beobachtungsschärfe und klassischem Handwerkskönnen bannte der Pariser Bankierssohn, zu dessen Vorbildern Ingres gehörte, Balletteusen, Frauen bei der Toilette und galoppierende Rennpferde in einen neuen, ungesehenen Realismus. Seine damals revolutionären Bilder wirken wie ausgemalte Zeichnungen. „Ich bin ein Kolorist der Linie“, sagte er.

Im Geheimen aber war er ein begeisterter Plastiker, der Bewegung noch intensiver in Wachs darzustellen suchte. Zeitlebens schuf Edgar Degas neben seinen bekannten Pastellen und Gemälden zahlreiche technisch keineswegs perfekte, eher experimentell suchende Plastiken, die er der breiten Öffentlichkeit vorenthielt. Und er zögerte, die wächsernen Gebilde in Bronze gießen zu lassen. Der Grund: Ihm sei „die Verantwortung zu groß“ bei Werken aus „diesem Material für die Ewigkeit“. Erst zwei Jahre nach seinem Tod wurden seine Wachsmodelle von Tänzerinnen, Badenden und Pferden – so weit noch intakt oder rekonstruierbar – postum in Bronze gegossen, jeweils in 22 Exemplaren, nur die berühmte „Kleine Tänzerin von 14 Jahren“ in einer Auflage von 29.

Die Hamburger Kunsthalle zeigt jetzt unter dem Titel „Intimität und Pose“ komplett alle 73 zuvor in São Paulo und Madrid ausgestellten Originalabgüsse zusammen mit Gemälden, Zeichnungen und Pastellen. Die kraftvollen schwarzen Bronzegestalten sind in einer Art Choreografie inszeniert, fast wie sie in Degas’ Atelier aufgestellt waren. Als Essenz seines Schaffens vermitteln die Objekte einen völlig neuen Blick auf den Künstler. Sie befreien sein Werk in erfrischender Weise von allem Verdacht süßlichen Kitsches.

Der Hauptraum der Schau mutiert dabei zum Exerziersaal: Allein 28 unbekleidete Tänzerinnen, zwischen 20 und 60 Zentimeter groß, üben dort die unterschiedlichsten schwierigen Ballettposen. An diesen Plastiken, die noch die Spuren der formenden Bildhauerhände zeigen, wird Degas’ einzigartige Perspektive auf den weiblichen Körper sichtbar. Denn anders als viele Zeitgenossen richtete der Künstler sein Auge nicht primär auf gestellte, inszenierte Körperhaltungen, sondern auf Bewegungen in unbeobachteten Momenten. Wie bei seinen Pferdestudien im Trab oder Galopp mit oder ohne Jockeys, die ohne die neuartige Phasenfotografie in den 1880er Jahren nicht denkbar gewesen wären, reizte Degas der einzelne Augenblick im Bewegungsablauf. Das Resultat zeigen seine Arbeiten: „intime Posen“ von Tänzerinnen, die unermüdlich Ballettschritte einüben und ihre Haltung trainieren, Frauen, die sich kämmen, waschen oder auch nur vor dem Spiegel mit gekonntem Griff eine widerspenstige Haarsträhne im Nacken bändigen.

Degas interessierte nicht nur die Mühe und Anstrengung, mit der Balletteusen hinter der Bühne unablässig ihren Körper disziplinieren, sondern auch die Arbeit, die alle anderen Frauen vor dem Auftritt in der Öffentlichkeit in ihr Äußeres stecken. Er beobachtete dabei oft ungewöhnlich anmutende Körperhaltungen, Gesten und Bewegungen, die er in immer neuen Variationen wiedergab. Seine fast serielle Arbeitsweise und der Verzicht auf die Inszenierung des Weiblichen zugunsten der naturgetreuen Wahrheit des Ausdrucks seiner Modelle werden als entscheidende Schritte in die Moderne angesehen.

Zu seinen Frauendarstellungen hat Degas selbst bemerkt: „Bislang ist der Akt immer in Posen dargestellt worden, die ein Publikum voraussetzen, aber diese Frauen sind einfache, ehrbare Menschen, die sich allein für ihren körperlichen Zustand interessieren. Es ist, als ob man durch ein Schlüsselloch schaut.“ Zum Voyeur ist Degas dennoch nie geworden: Die Intimität des Augenblicks wirkt in seinem Werk keineswegs entblößend. Letztlich bleibt sein Blick immer diskret und distanziert, auch wenn er eine sitzende Nackte modelliert, die sich die linke Hüfte abtrocknet, oder eine Tänzerin, die ihre rechte Fußsohle mustert.

Besonders ans Herz gewachsen war Degas wohl „Die kleine Tänzerin von 14 Jahren“, die er als einzige seiner Wachsfiguren zu Lebzeiten präsentierte. Die stramme Kleine im Musselin-Röckchen wurde schon 1881 auf der 6. Impressionisten-Ausstellung mit ihrem ungewöhnlichen Naturalismus zum Hingucker. Allerdings provozierte das schnippische Ballettmädchen damals vor allem Kritik und Ablehnung bei den Betrachtern. Die Zeiten sind vorbei: Einer der wenigen noch in privaten Händen befindlichen Abgüsse der kleinen Skandalfigur erzielte im Februar 2009 bei Sotheby’s in London die Rekordsumme von 11,8 Millionen Pfund.

Hamburger Kunsthalle, bis 3. Mai. Katalog (Hirmer Verlag) 35 €.

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