Impressionismus : Zum Schauen bestellt

Mehr als Liebermann: "Der Deutsche Impressionismus" in Bielefeld. Erinnerung an eine Epoche, die im zerrissenen Deutschland nie recht heimisch werden konnte.

Bernhard Schulz

Zwischen der deutschen Spätromantik und dem Beginn der Moderne mit dem Expressionismus der „Brücke“ klafft scheinbar eine Lücke. Das ist jedoch ein Vorurteil; und wie falsch es ist, macht jetzt die Kunsthalle Bielefeld deutlich. Mit der Ausstellung „Der Deutsche Impressionismus“ rückt sie eine künstlerische Epoche ins Licht, die bislang allenfalls als Nachhall französischer Vorbilder beurteilt, aber kaum je als eigenständige Leistung wahrgenommen wurde. Dabei überspannt dieser deutsche Impressionismus fast die gesamte Zeit des Kaiserreichs; er regt sich Anfang der achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts, erlebt seine Blütezeit kurz nach der Jahrhundertwende und reicht mit seinen Ausläufern bis in die Weimarer Republik hinein. So ist es die Neubewertung einer ganzen Epoche, was Bielefeld jetzt präsentiert.

Auf „Stimmung“ zielte die Kritik am Impressionismus. Der deutsche Drang nach Innerlichkeit und Bedeutung vertrug eine Kunst nicht, die sich so ganz den Oberflächenreizen hingab. Aber sie wurden mit höchstem Raffinement gemalt. Ein Fest des Augensinns, nicht des deutschen Tiefsinns.

„Im Haus“, „Im Garten“, „Auf dem Lande“ lauten Kapitel der Ausstellung. Damit werden die wichtigsten Themen der Impressionisten eingefasst, die sich ansonsten kaum je als Gruppe verstanden. Wo sie sich zusammenschlossen, wie in der Berliner „Secession“, geschah dies aus marktstrategischen Gründen. Entsprechend fragil waren derartige Bündnisse. Bald gab es Abspaltungen.

Der Berliner Max Liebermann bildet die Hauptfigur der Bielefelder Übersicht. Er hat alle Genres bedient, das Porträt ebenso wie die Landschaft, und seine Gartenbilder aus Wannsee ab den Kriegsjahren um 1916 sind ohnehin ein Höhepunkt dieser wie jeder Impressionisten-Ausstellung. Liebermann war zugleich derjenige, der kraft seines Vermögens die Franzosen am intensivsten studieren konnte, nämlich in Gestalt seiner Privatsammlung am Pariser Platz. Es sind die Privatsammlungen und Galerieausstellungen, die das Vorbild der Franzosen im Deutschen Reich verankern.

Nie sind die Deutschen so flirrend-farbig wie die französischen Vorbilder, die damals auch schon eine Generation zurücklagen. Die Wälder sind dunkler, die Wiesen satter, und in den Biergärten sitzen reale Menschen und keine Schemen. Auch Liebermann malte „Gänserupferinnen“, bevor er in der holländischen Plein-Air-Malerei sein Vorbild fand.

Die Bielefelder Ausstellung zeigt den deutschen Impressionismus erstmals in seinen regionalen Verästelungen. Überall entstanden impressionistische Schulen. Wer kennt heute Herrmann Pleuer aus Stuttgart, der Eisenbahnbilder schuf wie sonst nur Monet, wer Christian Landenberger, der sich der Landschaft zuwandte? Es kommt Gotthard Kuehl aus Dresden zu Ehren, ein großartiger Künstler, der mühelos Menzel und Monet in sich vereinigt und leider außerhalb von Elb-Florenz kaum bekannt ist. Natürlich spielt das bekannte Dreigestirn aus Liebermann, Max Slevogt und Lovis Corinth die Hauptrolle, aber erst im Kontext der vielen anderen Meister kommt ihre herausragende Rolle zur vollen Geltung.

Der Impressionismus war um die Jahrhundertwende zu einem gesamteuropäischen Phänomen geworden und bei Weitem nicht mehr der antiakademische Affront der Ursprungszeit. Ja, Ludwig Justi musste als Direktor der Berliner Nationalgalerie Slevogts „Roten d’Andrade“ weghängen, als Kaiser Wilhelm II. „sein“ Museum zu besichtigen wünschte (eine weitere Version, der „Schwarze d’Andrade“, ist in Bielefeld zu sehen). Doch heute ist dieses Bildnis ein Beleg der großbürgerlich-verfeinerten Lebensweise, die es seither in Deutschland nicht mehr gegeben hat. Die Sonne scheint, und sie wirft Lichtreflexe wie auf Liebermanns berühmten Biergartenbildern.

So modern diese Welt damals war, so endgültig ist sie mit dem Ersten Weltkrieg versunken. Nach der jetzigen Ausstellung wird zumindest der vorzügliche Katalog bleiben, als Erinnerung an eine Epoche, die im zerrissenen Deutschland nie recht heimisch werden konnte.

Bielefeld, Kunsthalle, bis 28. Februar 2010. Katalog im DuMont-Verlag, 24,95 €, im Buchhandel 29,95 €.

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