Informel : Anträumen gegen eine wütende Welt

Die Berliner Galerie Zellermayer präsentiert unter dem Titel "Über die Rückseite des Mondes" das ganze malerische Spektrum des Informel-Künstlers Hann Trier.

Michael Zajonz
Trier
Luftmalerei: Unbetiteltes Aquarell, 1968. -Foto: Galerie Zellermayer

Hann Trier ist der am wenigsten deutsche unter den Malern der deutschen Nachkriegs-Abstraktion. In Berlin, wo der 1915 geborene Rheinländer bis 1980 Professor an der Hochschule für bildende Künste war, denkt man bei der Nennung seines Namens unweigerlich an den Neuen Flügel von Schloss Charlottenburg. Es war ein Glücksfall, als Trier dort Anfang der siebziger Jahre die kriegszerstörten Deckengemälde des Rokoko-Luftikus Antoine Pesne in abstrakt freien Formen nachschuf: Endlich durften sich zwei elegante Maltemperamente im Genius loci verbünden.

Wenn die Zellermayer-Galerie nun unter dem Titel „Über die Rückseite des Mondes“ beinahe so etwas wie eine Retrospektive ausrichtet, geht es tatsächlich darum, die künstlerische Kehrseite dieses südlich-temperamentvollen Malers und Zeichners vorzustellen. Zwar finden sich auch unter den zwischen Ende der vierziger und den späten neunziger Jahren entstandenen Arbeiten Beispiele für Triers heiteres Naturell. Wunderbar luftige Aquarelle etwa aus den Sechzigern: Herzergießungen eines Malerbruders, mal in roten Kaskaden perlend, mal blaugrün wuchernd. Und bei aller Raffinesse stets präziseste Kalligrafie. Besonders in seinen späten Leinwänden hat der seit 1967 in der Toskana lebende und 1999 dort auch gestorbene Künstler allerdings auch irrational dunkle Momente ausgelotet.

Im 1998 entstandenen Bilderpaar eines rot und eines blau dräuenden Mondes greift Trier zur esoterisch anmutenden Binnenzeichnung, um die übersinnliche Präsenz der Himmelsscheiben zu betonen. Im friesartig vierteiligen Langgemälde „Zitat Ende“ krümmen sich zeichenhaft Figuren zum Totentanz in fortschreitender Auflösung. Dass dieser janusköpfige Künstler auch vorbehaltlos frech und ironisch sein konnte, beweist die achtteilige Grafikfolge zum Struwwelpeter (1953/1961), für die Trier Farblithografien durch eincollagierte Partikel aus dem Kinderbuch zum Beinahe-Unikat veredelt hat.Ob Daumenlutscher, Suppenkaspar, Hans Guck-in-die-Luft oder Paulinchen, mit dem Feuerzeug hantierend: Schönere Bilder für das Anträumen des Künstlers gegen das Wüten der Welt gibt es kaum.

Zellermayer-Galerie, Ludwigkirchstr. 6, bis 20.10. Di-Fr 12–18 Uhr, Sa 12-15.

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