Islamische Kunst : Die Welt ist groß, und Schrift ist überall

Meisterwerke islamischer Kunst: Der Berliner Martin-Gropius-Bau zeigt die Schätze des Aga Khan.

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Blattgold. Ein mit goldener Kalligrafie verziertes Kastanienblatt aus dem Osmanischen Reich, aus dem 19. Jahrhundert. -Foto : Aga Khan Trust for Culture, Geneva

Die Kostbarkeit eines Gegenstands liegt in seiner materiellen Beschaffenheit und Geschaffenheit – und viel mehr noch in der Geschichte, die sich darin verbirgt. In dieser so stillen, auratischen Ausstellung finden sich kostbare Dinge aus über tausend Jahren, aus dem halben Erdkreis, voller Historie und Geheimnis. Dinge des täglichen Gebrauchs und majestätische Preziosen, jeder Rationalität enthoben.

Zum Beispiel dies Kastanienblatt, auf das der unbekannte Meister eine Kalligrafie aus Goldfolie aufgebracht hat. Die Schrift übernimmt die Form eines mit seiner Mannschaft besetzten Ruderboots über dem filigranen Aderwerk des Blattes, eine atemraubende Materialmischung. Und vielleicht der Punkt, an dem islamische Kunst im Berliner Martin-Gropius-Bau ihr Wesen aufs Schönste offenbart. Die Schrift ist heilig, und sie wird gestützt, gespiegelt von der Natur. Die Schrift ist Natur, so wie Textur und Bau des Blattes einer höheren Geheimschrift folgen. Man kann hier, schon am Beginn der Ausstellung, stehenbleiben und meditieren über Kunst und Religion, Glaube und Schönheit. Dazwischen passt wirklich einmal kein Blatt. Die ganze stoffliche Welt zugleich ein Platz der Poesie: Kaum ein Material verweigert sich der Einschreibung. Kalligrafie auf Holzbalken, auf Tuch, in Stein und Metall. Das Taj Mahal, aus der Nähe betrachtet, ist nichts anderes als ein marmornes Gedicht, eine steinerne Schrift, eine Trauereloge. Ein riesenhaftes Gebäude, ein einzelnes Fragment, der Unterschied ist marginal.

Die hauchzarte und mit 28 Zentimeter Länge doch auch große Komposition von Blattgold auf Kastanienblatt gehört zu den jüngsten Exponaten der „Schätze des Aga Khan Museums“. Und zu den sensibelsten. Solche Dinge haben eine Seele, tote Materie strahlt nicht so aus. Wie mag das – buchstäbliche – Blatt seinen Weg aus dem Osmanischen Reich des 19. Jahrhunderts zu uns gefunden haben!

Robust wirkt dagegen der chinesische Teller mit arabischer Schrift in Kobaltblau aus dem 16. Jahrhundert; wahrscheinlich in Fernost produziert für den Export in den arabischen Raum. Kulturtransfer ist nur insofern eine neuzeitliche Erfindung, als wir ihn heute intellektualisieren, zumal wenn es um die Beziehungen der islamischen und der westlichen Welt geht; und schon diese Einteilung ist schief und falsch. Es gab einmal eine Zeit, da nahm antikes Wissen über Cordoba oder Bagdad den Weg zurück in den Norden und Westen; je nach Standpunkt. Daran erinnert ein Buch aus dem Bagdad des 13./14. Jahrhunderts. Zwei Herren in arabischer Tracht sitzen da ins Gespräch vertieft, es handelt sich um Sokrates und Aristophanes, der Philosoph und der Komödienschreiber, ursprünglich aus Athen.

Und noch ein Beispiel für Kulturtransfer, der heute nur deshalb so erstaunlich ist, weil wir, Globalisierung hin und her, im Kopf lieber in klar aufgeteilten Welten leben. Das erhält der arabisch-islamischen Sphäre auch das Exotische, das Sehnsuchtsmächtige, das Goethe bei den Versen des persischen Dichters Hafis erfasste. Zwei Drachenkelche mit Edelsteinschalen also, aus dem Indien der Mogule, 16./17. Jahrhundert. Das Besondere und nicht sogleich Auffällige hier sind – auf einer der beiden Schalen – die Wappen der europäischen Herrscherhäuser der Bourbonen und Navarra. Wer diese kostbarsten Objekte für wen hat anfertigen lassen – man weiß es nicht. Aber die Vorstellung, Henri Quatre irgendwie mit den Mogulkaisern in Verbindung zu bringen, fasziniert ungemein. Damals schlachtete man sich in Europa um des Glaubens willen ab, wenn der Glaube nicht immer schon eine Übersetzung weltlicher Macht gewesen ist; Wort und Schwert.

Es sei gut, wenn man die Ausstellung mit Fragen verlasse, sagt Louis Monreal, der Generaldirektor des „Aga Khan Trust for Culture“. Fragen, die das vorherrschende Bild einer einheitlichen islamischen Welt und Kunst durcheinanderbringen. Die erstmals in Deutschland – und zum letzten Mal in Europa – gezeigten Schätze aus der Sammlung Seiner Hoheit Prinz Aga Khan IV., wie der offizielle Titel des Oberhaupts der muslimischen Glaubensrichtung der Ismailiten lautet, werden 2013 in Toronto/Kanada eine neue Heimat finden, nach all den Routen, die sie über Jahrhunderte zurückgelegt haben. Von Andalusien über Arabien bis nach Indien erstreckt sich der Raum, den die von Benoit Junod zusammengestellte Präsentation nicht abdecken, aber elegant streifen kann. Die Eleganz liegt in der Formenvielfalt und der herausragenden Qualität der Sammlung des Aga Khan, die in Gänze in Genf lagert und auf die Reise nach Toronto wartet, in das Gebäude, das der japanische Architekt Fumihiko Maki – er baut auch am Ground Zero in New York – für den Aga Khan und sein künftiges Museum in einen lichten Landschaftspark stellt. Tausend Stücke umfasst die Kollektion, ein Fünftel davon ist Berlin zu sehen.

Ein Blatt, eine vorwärts drängende Kalligrafie („Und sprich, mein Herr, gewähre mir einen wahrhaftigen Eingang und gewähre mir einen wahrhaftigen Ausgang“, steht da geschrieben) – in all diesen Verästelungen kann man das globale Netzwerk, das „Aga Khan Development Network“ erkennen. Sie tun in seinem Namen und mit seinem Geld wirklich viel. In Aleppo und Damaskus, Kabul und Herat, Sansibar und Timbuktu. Kairo und Delhi finanziert die Stiftung Projekte zur Wiedergewinnung der Altstadt. Francis Kéré, der Architekt des Operndorfs Remdoogo in Burkina Faso, für das Christoph Schlingensief vor einigen Wochen erst den Grundstein gelegt hat, wurde 2009 mit dem „Aga-Khan-Preis für nachhaltige Architektur“ ausgezeichnet.

So vieles kommt zusammen im Gropius-Bau, der sich zu einem Museum der Kulturen der Welt entwickelt hat. Vergangenen Herbst erst war hier die Ausstellung „Taswir“ zu sehen, der Versuch, traditionelle Kunst der islamischen Welt gemeinsam mit der westlichen Moderne zu betrachten und zugleich nach einer „islamischen Moderne“ zu forschen.

Seltsam, wie zeitlos manches Stück aus der Sammlung des Aga Khan wirkt. Keramik aus dem Ostiran oder Usbekistan, über 1100 Jahre alt – und von klarer, abstrakter Schönheit. Zugleich wird klar, wie problematisch der Begriff des Bilderverbots für die islamischen Welt ist. Er mag auf den öffentlichen Raum zutreffen, aber nicht auf die Bücher. Die Blätter aus dem „Schahname“, dem „Buch der Könige“ des persischen Dichters Firdausi sind von all den kostbaren Dingen hier vermutlich die Kostbarsten. Es gibt die unterschiedlichsten Versionen zu sehen, wiederum aus einer Zeitspanne, die mehrere Jahrhunderte umfasst. In einem Paradiesgarten scheint das Heldenepos angesiedelt zu sein, selbst Tod und Krieg haben eine märchenhafte Anmutung, finden auf Goldgrund statt, mit kleinen, zarten Pferden, und die Männer mit ihren Lanzen und Bögen tragen blütenfarbige Röcke; Mord und Totschlag, Aufruhr und Rache, und kein Blut fließt sichtbar.

Natürlich ist es eine Gefahr, dass man abdriftet in eine Traumwelt beim Anblick solcher Dinge. Ein 700 Jahre altes Astrolab aus Toledo, feiner gearbeitet und besser konserviert als all die Geräte, die man im Souk von Damaskus oder sonst wo findet. Oder – ein Höhepunkt – das Doppelblatt aus dem sogenannten „Blauen Koran“, der aus dem 9. Jahrhundert aus Nordafrika stammt. Goldene Schrift auf tiefblauem Pergament, man wird davongetragen in der Fantasie, man denkt an Yves Kleins monochrome Farbkissen, an die Blaue Moschee in Istanbul.

Am Ende, nach dem Durchgang durch die Länder und Dynastien, nach den Umayyaden, Abbasiden und Fatimiden, die der ismailitischen Richtung folgten, nach den Mamluken und Osmanen und den indischen Moguln steht man vor einem verschlossenen Türflügelpaar. Reich verziert ist es, aber verschlossen. Fragen stellen sich nun wirklich. Wie prachtvoll erst mag die vollständige Sammlung des von Playboylegenden umrankten Mannes sein, der seine Abstammung auf den Propheten Mohammed zurückführt?

Im nächsten Jahrzehnt wird islamische Kunst wenigstens museal auf Augenhöhe angekommen sein. Der Pariser Louvre baut aus für seine islamische Sammlung, ebenso Berlin auf der Museumsinsel. In Doha am Persischen Golf wurde 2008 das von I. M. Pei gebaute islamische Schatzhaus eingeweiht. Die Sesamtür öffnet sich, in beide Richtungen.

„Schätze des Aga Khan Museums“, Martin-Gropius-Bau, bis 6. Juni 2010, www.gropiusbau.de, Katalog 26 €.

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