Istanbul Biennale : Wenn die Kunst zu Boden geht

Die politische Rolle gerade auch von großen Kunst-Events soll kritisch auseinandergenommen werden. Dabei liegt der Reiz vieler Arbeiten gerade darin, dass sie diesen Anspruch grandios unterlaufen: Die Istanbul Biennale zu Gast in der Galerie Tanas.

Kolja Reichert

Das Papier probt den Aufstand. Weiße DIN-A4-Blätter, das Fußheer der Bürokratie, wachsen unter der Schere der New Yorker Künstlerin Vlatka Horvat über sich hinaus. Sie entfalten sich nach allen Richtungen über den rohen Galerieboden der Galerie Tanas, dem Projektraum für türkische Kunst von René Block. Die Quadratur des Rechtecks.

Die Kunst probt den Aufstand. Achtzig Jahre nach der großen Depression steht der soziale Konsens neu infrage. „Denn wovon lebt der Mensch?“, fragte Bertolt Brecht. Dessen antikulinarisches Kunstverständnis will die Kuratorengruppe „What, How & for Whom“ aus Zagreb mit der Istanbul Biennale im September erneuern. Kritisch soll die politische Rolle gerade auch von großen Kunst-Events auseinandergenommen werden – im Idealfall werden die Verhältnisse aufgefaltet wie Papier.

Dabei liegt der Reiz vieler Arbeiten, die als Prolog zur türkischen Biennale nun in der Galerie Tanas gezeigt werden, gerade darin, dass sie diesen Anspruch grandios unterlaufen. Bediente sich Brechts Aufklärungstheater bei Operette und Gangsterfilm, herrscht hier weitgehend Verweigerung und Entzug, wie auch auf der Berlin Biennale von 2008. Das letzte Aufgebot gegen die Macht der Spektakel: Schweigen.

In der Zweiraum-Installation von Walid Sadek aus Beirut ist zwischen rätselhaften Texten die Leere Hauptdarsteller, die unfassbare Wurzel des Traumas. Zwei Blech-Mundstücke stecken in der Wand wie Gucklöcher, darunter steht: „Was mein Vater wahrscheinlich sieht“. Nichts. Trompetenstöße, festgefahren in der Wand.

Düstere Fanfaren erklingen dagegen um die Ecke aus Jesse Jones’ Video, während die Kamera durch ein verlassenes Schwimmbad schwebt wie ein Suchfahrzeug nach der Katastrophe – bis zum leeren Schwimmbecken, in dem ein Jugendorchester mit ernsten Mienen Richard Strauß’ „Zarathustra“ aufführt. Es klingt nach „Odysee im Weltraum“. Wo sind die Eltern? Über dem Becken leuchtet noch die Anzeige: „Deep End“.

Andere Arbeiten sind dezidiert analytisch, wie Marina Naprushkinas Auseinandersetzung mit Wladimir Putins Wahlversprechen. Demagogie trifft Demoskopie trifft Geometrie. Als historische Paten stehen ihr KP Brehmer mit seinen Arbeiteremotions-Diagrammen aus den Siebzigern zur Seite, ebenso die Collagen von Vyacheslav Akhunov, die Propagandamotive des Moskauer Konzeptualismus dekonstruieren.

Fesselnd Igor Grubics Video „East Side Story“: Auf der einen Leinwand gehen Neonazis auf schwule Demonstranten los; auf der anderen übersetzen einzelne Tänzer die realen Szenen in eine schweigende Choreografie der Gewalt, reißen die Arme hoch, winden sich, gehen zu Boden. Ein Ritual eigenen Rechts, nicht Anklage, nicht Therapie. Dahinter Alltag, Passanten, Straßenbahnen: der gesellschaftliche Raum, in dem solcher Hass möglich ist.

Galerie Tanas, Heidestr. 50, bis 8. August, Di-Sa 11-18 Uhr

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