Japanische Kunst : Liebe und genieße

Kostbare Stoffe, edle Kurtisanen und auch expliziter Sex: "Schönheit und Eros" im Museum für Asiatische Kunst.

Jens Hinrichsen

Der Klappfächer bleibt geschlossen. Die „Schöne auf einer Brücke“, vor gut zweihundert Jahren auf Seide gemalt, trägt das Requisit im Mund. Warum, weiß selbst der Experte nicht. Stilvoll knöpft Tsunoda Hideo sein Sakko zu und bemerkt dann trocken: „Normalerweise essen die Japanerinnen ihre Fächer nicht.“ Statt einer ikonografischen Bedeutung habe der Fächer im Mund wohl einfach nur einen praktischen Sinn. Gut möglich. Die Brückengängerin hat offenbar keine Hand frei, weil sie gerade ihre Gürtelschärpe richtet, den mit Kleeblattmotiven bemusterten Obi.

Kostbare Stoffe, edle Kurtisanen und auch expliziter Sex sind die Ingredienzien der im mehrfachen Sinn spektakulären Schau „Schönheit und Eros“ im Museum für Asiatische Kunst. Der ostasiatische Flügel des Dahlemer Museumskomplexes steht ganz im Zeichen der Sammlung „Sumisho“ des Tokioter Kunsthändlers Tsunoda Hideo. Über fünfzig Exponate geben Einblicke in das zwischen strengem Zeremoniell und Frivolität changierende Leben in japanischen Metropolen vom 17. bis ins 19. Jahrhundert.

Erstmals sind die Spitzenwerke außerhalb Japans zu sehen – wenn man davon absieht, dass Tsunoda auch in Europa und den USA ankauft. Er holt die Kunst sozusagen nach Hause zurück, die seit dem ersten Sammler-Boom um 1900 in alle Winde verstreut wurde. „Ein Ort, an dem sich Kenner versammeln“, soll seine Kollektion sein, sagt Tsunoda. Zu diesen Kennern gehört auch Klaus F. Naumann, der umtriebige Förderer der Berliner Ostasiensammlung. Ohne Naumann gäbe es keine Sumisho-Ausstellung. Tsunoda selbst übernahm die Transportkosten, einige Exponate brachte er persönlich nach Berlin. Ein Katalog? Unbezahlbar.

An Geld fehlte es den Bürgern in Edo, Osaka und Kyoto nicht. Aber an Macht. Auf Betreiben des Shoguns ab 1635 vom Ausland abgeschottet, wendet Japan seine Energien nach innen. Die Kultur floriert. Der vormalige Vanitasbegriff „ukiyo“ wandelt seine Bedeutung ins Positive. „Lebe und genieße jetzt“, lautet nun die Parole, das Genre des „ukiyo-e“ mit seinen glücklich-berauschten „Bildern der fließenden Welt“ entfaltet sich.

Yoshiwara in Edo – heute Tokio – gilt immer noch als Inbegriff des Vergnügungs- und Bordellviertels (und kommt in Fritz Langs „Metropolis“-Film vor). Auf einer Hängerolle von Utagawa Hiroshige (um 1850) treten vier Damen durchs große Tor, das von einem mächtigen Kirschbaum gesäumt ist. Verschiedene Bildnisse luxuriös gekleideter Frauen belegen den Status der Kurtisanen als Kultfiguren und Konsumobjekte. Die Kehrseite solcher Karrieren kommt in den Bildern natürlich nicht vor: „Die Frauen wurden für mindestens zehn Jahre an ein Bordell verkauft“, erklärt Kurator Alexander Hofmann. „Danach waren sie gesundheitlich am Ende.“

Unbeschwert zur Sache geht es in den erotischen Grafikserien, die Tsunoda aus seiner Schublade geholt hat. Halb von kompliziert ineinander verschlungenen Stoffen bedeckt, üben sich die Paare in ausgefallenen Stellungen, wobei die primären Geschlechtsmerkmale meist gerade nicht von Seide verhüllt sind. Wer „Frühlingsbilder“ orderte, wusste, was er unter dem Ladentisch zugeschoben bekam. „Die Titel geben oft Lustlaute wieder, über vier Zeilen“, sagt Hofmann und versucht sich in einem langgezogenen „Uaaaaah!“. Kunstvollere Pornos hat es wohl nie gegeben, zumal ihre Urheber hier Kitagawa Utamaro und Katsushika Hokusai heißen. Die Holzschnittpikanterien des Letzteren sind handkoloriert.

Malereien von Hokusai haben Seltenheitswert, Tsunoda hat gleich drei gemalte Bilder mitgebracht. Besonders angetan ist der Sammler von der Präsentation einer Fuji-Ansicht (1847) im Teeraum des Museums, „als gehörte das Bild schon immer ins Interieur“. Hokusais Querformat „Drei Schönheiten am Ufer des Sumida-Flusses“ (ca. 1815) ist das vielleicht bedeutendste Werk seiner Kollektion, doch Tsunodas erklärtes Lieblingsstück malte Tôensai Kanshi Mitte des 18. Jahrhunderts: Natur grünt nurmehr im Efeumotiv auf dem Kleid der s-förmig gebogenen „Schönen im Schnee“. Drumherum taumeln die Flocken. Der Wind fegt ihr durch den Kimono. Es ist zu kalt, um mit dem Fächer zu spielen.

Museum für Asiatische Kunst, Lansstraße 8, bis 4. Januar, Di–Fr 10–18, Sa und So 11–18 Uhr.

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