Jeff Koons : Die Gabe des Geldes

Kitsch und Kunst, Oberfläche und Abgrund: Mit Jeff Koons in der Neuen Nationalgalerie erreicht der "Kult des Künstlers" seinen Höhepunkt.

Nicola Kuhn
Koons
Wie niedlich: Das drei Meter große "Kätzchen" an der Wäscheleine ist kein possierliches Tierchen. -Foto: Katalog, Jeff Koons

Ob Tempel der Künste oder Autosalon, was wurde nicht schon alles in Mies van der Rohes Bau gesehen? Doch nun ist die gläserne Halle zum gigantischen Laufställchen mutiert, in dem ein Riese seine Spielsachen verstreut zu haben scheint. Vorn am Eingang hält ein gewaltiger roter Ballonhund Wache, die Silhouette eines aufgerichteten Baby-Elefanten grüßt von fern, eine vorwitzige Katze schaut mit ihrem niedlichen Näschen aus einer überdimensionalen blauen Socke heraus, die an zwei Wäscheklammern hängt.

Elf stählerne Riesenskulpturen in den knalligsten Farben hat der amerikanische Bildhauer Jeff Koons über den Marmorboden der Neuen Nationalgalerie gekollert, als wären sie Kinderkram. Doch jede von ihnen ist nicht nur tonnen-, sondern auch millionenschwer und wurde wie ein rohes Ei an seinem Standort platziert und anschließend auf Hochglanz poliert. Berühren strengstens verboten! „Celebration“, so der Ausstellungstitel, ist kein Spiel, sondern Ernst. Der erste Eindruck täuscht.

„Der Kult des Künstlers“, mit dem Peter-Klaus Schuster seinen Abschied als Generaldirektor der Staatlichen Museen zelebriert, erreicht mit dieser Schau in der Neuen Nationalgalerie ihren Höhepunkt. Und Jeff Koons hat nach seinen kurz zuvor auf dem Dach des Metropolitan Museum in New York und im Schloss von Versailles eröffneten Ausstellungen damit auch in Deutschland den Olymp erklommen. Wenn es einen Künstler gibt, um den die Ausstellungswelt Kult betreibt, dann ist es Jeff Koons. Mit jeder neuen Schau erschienen in den vergangenen Wochen Reportagen aus seiner New Yorker Manufaktur, in der 100 Angestellte auf des Meisters Geheiß emsig Hulk- und Popeye-Skulpturen produzieren und seine Gemälde pixelgenau im Retrochic der Pop-art ausführen. Im Katalog der Neuen Nationalgalerie befragt ihn der scheidende Generaldirektor persönlich über seine Philosophie.

Koons beherrscht wie kein anderer den Kult um seine Person. Seine Selbstbewerbung – mal im Bademantel, mal als smarter Kunsterzieher – auf doppelseitigen Anzeigen in Magazinen oder die in Muranoglas gegossenen Liebesspiele mit seiner damaligen Frau, der italienischen Pornodarstellerin Cicciolina, sind unvergessen. Künstlerstrategen wie Damien Hirst oder Takashi Murakami, dem übrigens Schuster-Nachfolger Udo Kittelmann seine Abschiedsausstellung im Frankfurter Museum für Moderne Kunst widmet, lernten bei ihm ihre Lektion, während sich Koons selbst Andy Warhol und seine Factory zum Vorbild nahm. Seine Erhöhungen alltäglicher Objekte zum Artefakt gehen letztlich auch auf Marcel Duchamp zurück.

Wer eine Jeff-Koons-Ausstellung organisiert, zumal im gläsernen Schrein der Nationalgalerie, der weiß um diese Hintergründe, der kokettiert mit der Provokation und kalkuliert den Crash von High und Low ein. Jeff Koons, das ist wie im gleichnamigen Theaterstück von Rainald Goetz der Inbegriff für Aufstieg und Fall eines Sonnyboys auf dem Markt. Seine im Wasser schwebenden Basketbälle passten perfekt in die Oberflächenästhetik der achtziger Jahre, schamlos huldigten seine Hoover-Staubsauger im Glassturz damals der reinen Banalität und verschwanden mit dem Börsencrash Anfang der Neunziger wieder ebenso schnell.

Mit dem neuen Geld aber feierte auch diese schillernde Figur, die das Publikum stets polarisiert, ihr Comeback. Gebannt verfolgte die Kunstwelt, wie sein „Hängendes Herz“, das sich nun als Leihgabe von Nicolas Berggruen in der Berliner Ausstellung befindet, im vergangenen Jahr für 23,6 Millionen Dollar versteigert wurde. Seine purpurfarbene Ballonblume brachte es noch in diesem Sommer auf 25,7 Millionen Dollar. Wenige Monate später fragt sich, wie sich die Finanzkrise diesmal auf die Währung Koons auswirkt.

Noch scheint das in der Neuen Nationalgalerie arrangierte Riesenspielzeug von diesen Unbilden unberührt. Arglos reflektiert sich die Deckenbeleuchtung in den prallen Rundungen des Ballon-Hundes im Entree, der Elefant nimmt farblich Kontakt auf mit dem rot-blau gestreiften Bau des benachbarten Wissenschaftskollegs auf. Doch diese scheinbar für die Ewigkeit gemachten Gebilde aus Stahl, die im Original für die Vergänglichkeit stehen, das Verrinnen der Zeit, das Vergehen der Luft, transportieren in all ihrem Glanz die Abgründe des Ephemeren mit. Einem Museumsgeneraldirektor kann eigentlich nichts Besseres passieren, als sich mit der Kunst von Jeff Koons zu verabschieden. Nicola Kuhn

Neue Nationalgalerie, bis 8. 2.; Di bis So 10 bis 18 Uhr, Do bis 22 Uhr. Katalog 28 €.

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