Johannes Heisig : Die Mauer in den Köpfen malen

Johannes Heisig hat es sich nicht leicht gemacht. Der Sohn des DDR-Malerhelden Bernhard Heisig ist als Grübler bekannt. Seine Erinnerungsbilder sind nun im Abgeordnetenhaus Berlin zu sehen.

Michael Zajonz
Heisig
Johannes Heisig vor einem seiner Mauer-Werke. -Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Die Mauer ins Bild zu bringen war für Ost-Künstler ein subversiver Akt. Noch die künstlerisch verbrämte Abbildung des „Antifaschistischen Schutzwalls“ blieb in der DDR tabu. Wo jedoch die Mauer knapp zwei Jahrzehnte nach ihrem Verschwinden von deutschen Malern explizit ins Bild gesetzt wird, riecht es nach Gedenkkultur-Folklore.

Johannes Heisig hat es sich nicht leicht gemacht. Der Sohn des DDR-Malerhelden Bernhard Heisig ist als Grübler bekannt. Als Künstler, der stets die Chuzpe bewies, sich zum Familiennamen und damit zum Übervater zu bekennen. Schon der Titel von Johannes Heisigs Ausstellung, die pünktlich zum rituellen Mauerbaugedenken am 13. August im Berliner Abgeordnetenhaus eröffnet wurde, kündet von schwierigen Annäherungen und Ausweichmanövern. „Es war einmal. Bilder vom Erinnern, den Erinnerungen und dem Innern“ heißt die Präsentation der 16 atelierfrischen Gemälde.

Der 1953 in Leipzig geborene Maler, der zwischen 1989 und 1991 Rektor der Dresdner Kunsthochschule war und den 9. November 1989 in Italien verbrachte, nähert sich der Mauer distanziert. Aus der Vogelperspektive zeigt Heisig die Gedenkstätte an der Bernauer Straße. Ein sperriges Etwas bleibt der herauspräparierte Mauerstreifen auch in diesen Bildern, doch schönstens eingebettet in mediterran-heitere Stadtlandschaften. Souverän gelungen ist ihm das, und dabei hätte es Heisig belassen sollen.

Doch der seit ein paar Jahren in Neukölln lebende Sachse wollte mehr herausholen aus den allseits verblassenden kollektiven Erinnerungen, dem gegenseitigen Nicht-Verstehen, kurz: Heisig wollte die Mauer in den Köpfen malen. Neben den Stadtlandschaften besteht sein Zyklus aus Porträts und – Grau in Grau gehaltenen – Historienbildern.

Porträtiert hat Heisig drei deutsche Generationen: den 1925 geborenen Vater Bernhard im Rollstuhl vor einem Bild. Und die Mutter, die nach der gescheiterten Ehe mit Bernhard Heisig nach Kanada auswandern wollte und vom Mauerbau 1961 im Osten überrascht wurde. Dann die mittlere, die eigene Generation, in Gestalt einer in den Westen ausgereisten Freundin und des Pfarrers der Ost-Berliner Versöhnungsgemeinde. Und schließlich die ganz Jungen: den eigenen Sohn Hermann sowie eine 23jährige Mitarbeiterin der Berliner Mauergedenkstätte, für die alles nur noch – kaum vorstellbare – Geschichten sind.

Vis-à-vis der Porträts hängt Heisig figurenreiche Historienbilder in der Tradition der Leipziger Schule. Da räkelt sich ein West-Liebespaar vorm offenen Fenster, in dem sich das Ost-Berliner Stadtzentrum spiegelt. Da greifen Punkmusiker auf der Westseite der Mauer mit martialischem Weltekel in die Saiten. Ostdeutsche Bürgerrechtler posieren im Büßerhemd mit Kerzen in der Hand. Und mittendrin schlägt ein Republikflüchtling, dessen selbstgebauter Ballon nicht standgehalten hat, zwischen Pankower Altbauten auf, während die Sonne blutrot untergeht. All das ist gut gemalt. Und deutlich. Viel zu deutlich. Michael Zajonz

Abgeordnetenhaus Berlin, Niederkirchnerstraße 5, bis 5. 9., Mo – Fr 9 – 18 Uhr

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