Johnen Galerie : Lockruf aus dem zweiten Stock

Der Galerist Jörg Johnen verwandelt einen Altbau in Berlin-Mitte in ein Galerie- und Atelierhaus.

Simone Reber

Kahl und wie geleckt wirkt die Marienstraße im Bezirk Mitte. Perfekt harmonieren die Pastelltöne der staubfrei sanierten Fassaden in der barocken Friedrich-Wilhelm-Stadt miteinander. Vor den Häusern fehlen, jedenfalls für heutiges Empfinden, Bäume, doch der Denkmalschutz will es so. Viele Jahre hielt Norbert Bunge hier am Berliner Ensemble mit seiner Galerie Argus Fotokunst als Einziger die Stellung. Jetzt hat Bunge neue Nachbarn bekommen.

Schräg gegenüber ist Jörg Johnen in ein denkmalgeschütztes Haus von 1830 gezogen. Früher hatte hier der Architekt O. M. Ungers sein Büro, nun macht Johnen aus dem Gebäude ein Wohn- und Galeriehaus. Damit verbunden sind zwei Entscheidungen: Der renommierte Galerist, der Künstler wie Thomas Ruff, Candida Höfer oder Dan Graham vertritt, gibt seine Räume in Köln ganz auf und konzentriert sich auf Berlin. Noch immer, meint er, sei der Kunstmarkt im Rheinland stabiler. Spannender aber ist es für ihn an der Spree – „allein vom intellektuellen Klima“.

Mit dem Umzug endet allerdings auch die Zeit der eigenwilligen Räumlichkeiten an der Schillingstraße. In dem gläsernen Pavillon hat Johnen seit 2004 großartige Ausstellungen von Anri Sala, Martin Creed oder Roger Ballen gezeigt. Vorbei sind nun allerdings solche architektonischen Experimente, das Haus in Mitte etabliert andere Ansprüche. Und setzt mit der Einladung an zwei befreundete Galerien, hier ihre Dependancen zu eröffnen, einen neuen Akzent an jener Adresse, die es noch zu entdecken gilt. Die Hamburger Produzentengalerie zog mit ihrem ph projects benannten Raum ins Erdgeschoss, die Wiener Galerie Krobath in den ersten Stock. Darüber baut der Hausherr noch an seiner eigenen Wohnung, die Künstlerwohnung nebenan ist bereits bezugsfertig. Die verfallene Remise im Hof soll einmal Johnens Sammlung beherbergen. Noch sind die Fenster allerdings vernagelt.

Schon das Entrée belegt die Eigenwilligkeit des Hauses. Das alte Treppenhaus mit seinen großzügigen Maßen ist in mattem Schwarz gestrichen. Ein schwerer Lüster aus Bronze verbreitet mit opaken Lampenschalen dämmriges Licht. Bei der Inszenierung handelt es sich um ein work in progress des polnischen Künstlers Robert Kusmirowski, der auf die täuschend echte Nachbildung geschichtsträchtiger Objekte spezialisiert ist. Im frisch sanierten Treppenhaus wird Kusmirowski die Zeit zurückdrehen und den Putz wieder abblättern lassen. Damit die Charade perfekt ist, hat Johnen die moderne, nüchterne Eingangstür seiner Galerie durch ein historisches Original ersetzt.

Im Innern nimmt der slowakische Künstler Roman Ondák die maßvoll proportionierten Räume strategisch präzise in Beschlag. Ondáks Kunst sucht Auswege aus geschlossenen Systemen und öffnet neue Horizonte. Unauffällig hängt ein roter Hammer am Galeriefenster als ironisches Signal für den Notausstieg (10 000 Euro). Während der Biennale in Venedig hat Ondák die Natur in den Pavillon geholt, in Berlin war letztes Jahr in der daad-Galerie sein Projekt „Measuring the Universe“. Da definierte der Künstler die Unendlichkeit durch Menschenmaß und wies umgekehrt den kleinen Einzelnen auf das große Ganze hin.

Die Galerie Johnen zeigt nun frühe Arbeiten des 43-Jährigen. Für „Shared Floor“ von 1996 hat Roman Ondák den kompletten Parkettfußboden eines Wohnzimmers mit Leisten und Steckdosen in den Ausstellungsraum geholt (45 000 Euro). Nur Tür und Wände fehlen. Besucher können sich hier einen Kindheitstraum erfüllen und durch Mauern gehen. Im Hinterzimmer scheinen Lichtschalter und Armaturen vor der Wand zu schweben, sind vom Korsett ihrer Funktionen befreit.

Neben dem hintersinnigen Humor von Roman Ondák wirken die Collagen des tschechischen Künstlers Jirí Kovanda in der Galerie Krobath weit konventioneller. Kovanda, ein Prager Konzeptpionier der siebziger Jahre, kombiniert Erotikfotos aus Illustrierten mit dem schwarzen Quadrat von Malewitsch. Doch die Symbiose von Sex und Suprematismus hat ihren subversiven Witz verloren.

Im Erdgeschoss gibt die Hamburger Produzentengalerie ihren Berliner Einstand mit einer Gruppenausstellung. Thomas Scheibitz, Norbert Schwontkowski und Beate Gütschow gehören zu ihren Künstlern. Besonders schön ist ein Ensemble von Ulla von Brandenburg. Bunte Bänder, Spazierstöcke und eine auf Seidenpapier getuschte Bühnenszene vermitteln fröhliche Aufbruchstimmung. Optimistisch stimmt auch die Bewegung in der Galerienlandschaft. Der Standortwechsel eröffnet neue Horizonte.

Galeriehaus Marienstr. 10, Di-Sa 11-18 Uhr; Johnen Galerie, bis 7.11. / Galerie Krobath, bis 14.11. / ph projects, bis 31.10.

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