Jüdisches Museum : Der Beuteberg

Odyssee des Rechts: Das Jüdische Museum Berlin zeigt die Geschichte von Raub und Restitution.

Bernhard Schulz

Der Berliner Sammler Conrad Doebbeke war schlechter Stimmung. „Ich hatte keinen Mut zu diesem Judenbild“, schrieb er im Frühjahr 1950 an einen Museumsdirektor aus Hannover, der seine Sammlung erwerben wollte: „Und heute besteht dann wieder die Gefahr: dass irgendein Herr Silberstein es wiederhaben will.“ Er bat, von einer Ausstellung der Ankäufe abzusehen: „Weil ja immer noch die ,Rückerstattungs’-Gefahr besteht. Ich glaube, diese Gefahr hört in einem Jahr auf. Aber bis dahin wollen wir die Sachen lieber in den Kisten lassen.“

„Bis dahin“ in den Kisten lassen wollten viele Sammler, Kunsthändler und nicht zuletzt Museumsleute diejenigen Kunstwerke, die sie unter dem NS-Regime erworben hatten. Denn an diesen Gütern klebte Unrecht; sei es, dass sie unter dem Druck der Nazis veräußert, von der Gestapo beschlagnahmt oder gar den zur Ermordung ins KZ transportierten Eigentümern geraubt worden waren. Über den Makel wussten die späteren Besitzer oftmals durchaus Bescheid, wie es das schlechte Gewissen des zitierten Briefschreibers exemplarisch verrät.

Das 1923 von Lovis Corinth geschaffene Gemälde gehört seit 2003 dem rechtmäßigen Erben des porträtierten Walther Silberstein. Vorausgegangen war eine gütliche Einigung mit dem Kunsthändler, der es in Händen hatte; denn belegen ließen sich die Umstände der Veräußerung während der NS-Zeit nicht mehr. So steht dieser Fall als Musterbeispiel für die „faire und gerechte Lösung“, die die Washingtoner „Konferenz über Vermögenswerte aus der Zeit des Holocaust“ von 1998 in ihren quasi-völkerrechtlichen Grundsätzen anmahnt.

Das Gemälde bildet einen Höhepunkt der Ausstellung „Raub und Restitution“, die das Jüdische Museum Berlin gestern Abend eröffnete. Der Maler hatte das Bild 1923 „Herrn Silberstein zur Erinnerung“ gewidmet, der spätere Besitzer die Widmung ausgelöscht, der rechtmäßige Eigentümer sie jetzt restaurieren lassen. Nicht immer finden die Nazi-Untaten ein derart versöhnliches Ende – andererseits auch nicht so selten, wie Kritiker der in Deutschland gängigen Restitutionspraxis bemängeln. Der Fall Kirchner – das unter heftigen Meinungsstürmen aus dem Brücke-Museum herausgegebene Gemälde „Berliner Straßenszene“ – ist eben nicht der Regelfall, sondern ein Politikum.

Kirchners Gemälde war für die Berliner Ausstellung nicht verfügbar. Besser so; denn dieses eine Bild hätte erneut das Problem der Restitution jüdischen Kunstbesitzes verdüstert, „ein sehr kompliziertes Thema, das nicht leicht zu verstehen ist“, wie Michael Blumenthal, der Direktor des Jüdischen Museums, gestern in seiner souveränen Art erklärte: „Mein Ziel war, nicht Partei zu ergreifen, mich nicht auf die eine oder andere Seite zu stellen.“ Die kürzlichen maßlosen Anwürfe des Liechtensteiner Duodezfürsten ausgerechnet gegen Blumenthal waren ihm keinerlei Erwähnung wert.

Das Ergebnis unterstreicht Blumenthals Haltung eindrucksvoll. Die Ausstellung ist bei Weitem das Beste, was zu diesem Thema zu sehen war; ja im Grunde überhaupt der erste Anlauf, Raub und Restitution, die Geschichte der NS-Kunstpolitik und die Nachkriegsgeschichte der „Wiedergutmachungs“-Politik in ihrer Verzahnung sichtbar zu machen. Gewiss konnten sich die Kuratoren Inka Bertz und Michael Dorrmann auf eine enorm angewachsene Forschungsliteratur stützen, zumal auf Gesamtdarstellungen wie „Das verlorene Museum“ von Hector Feliciano oder „Raub der Europa“ von Lynn H. Nicholas. Aber die Aufbereitung dieser komplizierten Materie ist ihnen glänzend gelungen. Und ebenso geglückt ist die elegante Gestaltung der Ausstellung durch das mit der Dresdner Synagoge wie dem Jüdischen Zentrum München ausgewiesene Saarbrücker Architekturbüro Wandel Hoefer Lorch + Hirsch.

Zwei Textbänder laufen an den Wänden durch die Räume, links zur NS-Geschichte, rechts zur Restitution; weiß auf schwarz, mit Fotografien und faksimilierten Dokumenten. Mit diesem Grundwissen lassen sich die 15 Fallgeschichten nachvollziehen, die in kistenförmigen Vitrinen und Schränken erzählt werden. Sie lenken den Blick raffiniert auf diejenige Seite der Geschichtstafeln, die zum Verständnis des jeweiligen Materials vonnöten ist. Es geht der Ausstellung nicht um eine Versammlung von Kunstwerken, ob geraubt oder zurückgegeben, sondern um die Verdeutlichung des Themas am konkreten Einzelfall. Und es geht nicht nur um bildende Kunst.

So wird die Geschichte der „Miniaturmöbelsammlung“ Carl von Weinbergs erzählt, illustriert mit Beispielen dieser putzigen Modelle, die die Heimatstadt des Frankfurters bereits 1950 vollzählig zurückgab. Die besondere Problematik des in der DDR verbliebenen Raubgutes verdeutlicht der Fall der Porzellansammlung des Mitbegründers der Dresdner Bank, Gustav von Klemperer. 1938, nach der eben noch rechtzeitigen Emigration seines Sohnes Victor, wurde aller Familienbesitz von der Gestapo konfisziert und 1943 in die Dresdner Museen gegeben, wo er nach ihrer zwischenzeitlichen Odyssee in die Sowjetunion als „Kriegstrophäen“ seit 1958 unbeirrt als eigener Bestand vorgeführt wurde. Erst im Zuge der Wende wurden die der DDR wohlbekannten Ansprüche der Familie erfüllt und die Porzellane zurückgegeben – mit der schönen Folge, dass 63 der 88 Stücke nunmehr als Geschenk dorthin zurückkehrten, wo sie zuvor ohne jede Nennung des Alteigentümers gezeigt worden waren.

An den meisten Beschlagnahmungen waren Museumsleute und Kunstsachverständige aufs Eifrigste beteiligt. Die Akribie, mit der sie das Raubgut sichteten, katalogisierten, verteilten, sich bisweilen auch eifersüchtig um den endgültigen Verbleib stritten, lässt die deutsche Bürokratie in ihrer schlimmsten Form hervortreten. Dass sich die deutsche Museumswelt wahrlich die Hände schmutzig gemacht hat, gehört zu den beschämenden Einsichten, die die Berliner Ausstellung vermittelt. Und doch bleibt selbst bei einer Figur wie dem – übrigens parteilosen – Dresdner Museumsdirektor Hans Posse, dem „Sonderbeauftragten des Führers“ für das „Führermuseum Linz“, ein Hauch von berufsbedingter Tragik: Der zuvor untadelige Fachmann geriet in den Sog des Nazi-Machtrausches, verstand seine Aufgabe gleichwohl als museale. Erst in jüngster Zeit hat die Forschung Licht in das Linzer Vorhaben gebracht. So sind die „Führeralben“ aufgefunden worden, die Hitler über den rasch wachsenden Bestand der für ihn zusammengerafften Kunstwerke unterrichteten. Einer der großformatigen Bände ist in Berlin zu sehen: als lederbezogene Bemäntelung der zugrunde liegenden Verbrechen.

Das Urteil überlässt die Ausstellung bei jeder ihrer Fallgeschichten dem Besucher. Sie ist erkennbar um historische Genauigkeit bemüht, nicht um moralisierendes Pathos; sie hat die „faire und gerechte Lösung“ im Sinn, nicht die billig zu habende Verdammung der Nachgeborenen.

Der deutschen Politik in Sachen Restitution stellt Blumenthal ein gutes Zeugnis aus; an ihr könnten „sich andere nur ein Beispiel nehmen“. Das muss man vielleicht nicht ganz unterschreiben, wie der Fall Kirchner gezeigt hat. Aber dieser Vorgang hat zugleich deutlich gemacht, dass die politisch hyperkorrekte Forderung nach pauschaler Herausgabe unangemessen ist. Jeder Einzelfall verlangt seine eigene, mühevolle Lösung.

Jüdisches Museum Berlin, Lindenstraße 9-14, bis 22. Januar, tgl. 10-20 Uhr, Mo bis 22 Uhr. Katalog im Wallstein Verlag (Göttingen), 328 S., auch im Buchhdl., 24,90 €.

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