Karl May : Es lebe die Illusion!

Der Mann, der den Wilden Westen erfand, kam aus der Sächsischen Schweiz. Das Deutsche Historische Museum würdigt den Tausendsassa und Autor Karl May.

Thomas Lackmann
Karl May
Die Rocky Mountains bei Dresden. -Foto: promo

Langweilige Fakten interessieren nicht. Dass Carl Zuckmayers Tochter Winnetou hieß, dass Karl May Hitlers „Cowboy-Mentor“ (so Klaus Mann 1940) und das Sammelobjekt meines Großvaters war und mit über 200 Millionen Exemplaren deutscher Top-Bestseller, ist wenig relevant. Diesmal, pardon, nimmt der Rezensent sich selbst ganz wichtig: Was Karl May für mich war, das zählt.

Die meisten Erinnerungen liegen 40 Jahre zurück. Ich habe damals rund 70 May-Bände verschlungen, die Plots mit Plastikfiguren und leibhaftig nachgespielt, weiß aber vor allem noch eine marginale Szene aus den Orient-Romanen, in der einem dickem Orientalen ins Ohrläppchen geschossen wird, worauf der Blutende angstvoll „Ich sterbe“ schreit. Den vom Autor komisch gemeinten Weichei-Slapstick fand ich lustig, bis mir irgendwann dämmerte, dass die rassistisch prononcierte Verhohnepipelung den Helden umso martialischer erscheinen lassen soll; bald wurde es dann üblich, Karl May als faschistisch zu bezeichnen, und ich wusste nun, warum.

Zu diesem Zeitpunkt war meine persönliche May-Blüte schon dahin: jene Jahre, in denen ich Winnetou III dreimal gelesen hatte, weshalb die finalen Worte des Apachen – „Charlie, ich glaube an den Heiland. Winnetou ist ein Christ“ – mir so eingebrannt blieben wie das zum Abschied hingehauchte Marienlied deutscher Siedler und das Epitaph Old Shatterhands: „Hier ruht die rote Rasse. Sie wurde nicht groß, weil sie nicht groß werden durfte!“ Alles andere ist, außer dem langen Namen von Hadschi Halef Omar usw., verblasst. Bis ich vor ein paar Tagen, während einer Zufallsübernachtung in Bad Segeberg, plötzlich vom Seeufer Schüsse, Trompetensignale, Männergebrüll, Indianergeheul hörte. Da waren sie wieder, die Bilder im Kopf, nur die Gefühle nicht. Ach, welche Gefühle?

Die Karl-May-Ausstellung im Deutschen Historischen Museum (DHM) untersucht weder Gefühle noch Fantasien der Rezipienten, sondern präsentiert – da das Phänomen nun museumsreif sei – Fakten der Biografie. Die ist eigentlich gar nicht langweilig. Der sächsische Webersohn, Jahrgang 1842, fasziniert als Überlebensgaukler. Vom Lehrerseminar fliegt er wegen Gaunereien. In Uniform patrouilliert er durch Kneipen und beschlagnahmt „Falschgeld“ aus inspizierten Brieftaschen. Bei der Entlassung aus dem Zuchthaus hat er eine Liste mit 200 Schreibprojekten in der Tasche. Als Zeitschriftenredakteur wird er eingestellt, weil er das Leben kennt. Seine Kolportageromane bringen dem Verleger, seine „Reiseerzählungen“ ihm selbst Millionen. Den Verkauf fördert seine durch Verkleidungsfotos und „Souvenirs“ belegte Parole, als Old Shatterhand alias Kara Ben Nemsi alles selbst erlebt zu haben. Um diese „Wahrheit“ geht es ihm, um Urheberrechtsklagen und eine schmutzige Scheidung von der ersten Frau führt der Prominente viele Prozesse. In seiner Radebeuler „Villa Shatterhand“ versucht er sich noch mal als Literat und Pazifist, zu erfinden. 1908, im Jahr seiner ersten USA-Reise, hält er den Vortrag: „Wer sind wir? Woher kommen wir? Wohin gehen wir?“ Kurz vor dem Tod, vier Jahre später, heißt sein Thema: „Empor ins Reich der Edelmenschen“.

Die Ausstellung folgt mit Dokumenten und Gemälden den Stationen dieser verrückten Vita, kleinteilig distanziert. Sie konterkariert Mays Karrierestufen durch Seitenblicke auf die Zeitgeschichte: aufs Arme-Leute-Milieu, auf den Boom der Schundromane, auf den Trend zur exotischen Völkerschau, zur Orientsehnsucht, zur wilhelminischen Großmannstravestie. Wie wunderbar wäre es gewesen, die beiden grunddeutschen Travestiekünstler Wilhelm II. und Charlie, den Großen, in ihren fantastisch-eskapistischen Monturen monumental einander gegenüberzustellen! Tatsächlich berühren den Besucher zwei groß reproduzierte Posenfotos des Schriftstellers: einerseits als blasierter Redakteur um 1875, mit zurückgekämmtem Haar, Rundbrille, Oberlippenbärtchen, Spitzmund und Binder, vor einem Rauchtisch mit chaotisch drapierter Decke, das Manuskript in der Hand. Andererseits das Old-Shatterhand-Porträt von 1896, den Blick cool ins Weite gerichtet, auf den Bärentöter gestützt, im Lederwams. Beliebige abgelichtete Exkurse in die Realität des Wilden Westens, des Nahen Ostens und des Sudans von damals sind interessant für Karl-May-Fans mit der Fiktion im Kopf, kommen aber gegen solche schrille Psychowucht schriftstellerischer Selbstbehauptung kaum an. Dokumentation ist popelig? Es lebe die Illusion!

„Karl May. Imaginäre Reisen“ heißt die Unternehmung im DHM. Ihr Verdienst ist die Artikulierung jener weiterführenden Themen, die das Phänomen ausmachen, ohne dass die Ausstellungsmacher daraus Funken schlagen. Lediglich am Ende des Rundganges (und in Begleitveranstaltungen) gibt es mediale Nachlesen auf die Kintopp-Rezeption, auf das Festspielwesen und Karikaturen. Aufregend gegenwärtig wird die seltsame Figur des Schreibtischblenders erst unter der Lupe der Medien- und der Tourismuskritik. Carl Friedrich May erscheint uns als Prototyp des heutigen Reisenden, auf der Suche nach narzisstischen Spiegelbildern eigener Fantasie. Virtueller Ortswechsel – innerhalb vertrauter Ressorts – funktioniert für ihn über mediale Infos: Als Weltreisender lässt er sich gern in seiner Bibliothek abbilden (die ihm angeblich zur Exkursionsvorbereitung dient). Er schlüpft in Rollen, kommt doch schwer aus sich heraus.

Nostalgisch an seiner Figur ist die zentrale Rolle des Buches, das dem Leser alle Welten eröffnet. Aktuell bleibt an seiner Story die egomanische Langeweile als Motiv der Moderne: Wer mit diesem Entertainer unterwegs ist, wird prächtig abgelenkt.

Ist Langeweile nur eine Frage subjektiver Wahrnehmung? Karl May hat später behauptet, als Kind sei er fünf Jahre lang blind gewesen: eine Übertreibung und Umschreibung jener persönlichen Dunkelheiten und Beengungen, denen er durch Produktivität, Prominenz und Wohlstand zu entrinnen sucht. Auf dem Höhepunkt seines Ruhms, 1899, bricht er erstmals auf, in den Orient. Bei einer Fahrt übers Rote Meer versenkt er „mit großer Ceremonie den alten May“. Fortan hat er die eigene Maskerade kritisch beurteilt. Das Abenteuer persönlicher Wirklichkeit kollidiert mit der medialen Konstruktion. Als ich seinerzeit zum dritten Mal von Winnetous Tod las, stellte ich bestürzt fest, dass keine Tränen mehr kamen. Damit wird man fertig. Das Leben geht weiter.

Berlin, Unter den Linden 2. Bis 6. Januar, täglich 10–18 Uhr. Katalog 25 €

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