Kleist-Ausstellungen : Der deutsche Heinrich

Wie die Nazis Heinrich von Kleist instrumentalisierten: zwei Ausstellungen in Neuhardenberg und Frankfurt an der Oder.

Andreas Schäfer

Leni Riefenstahl hatte schon trainiert: Reiten, Schwimmen, Speerwerfen. Sie wollte nicht nur Heinrich von Kleists Amazonen-Drama „Penthesilea“ verfilmen sondern auch die Hauptrolle spielen – schon Max Reinhardt hatte ihr, wie sie in ihren Memoiren schreibt, 1925 zugejubelt, sie sei die „vollkommene Penthesilea, die ich seit Jahren suche“. Die Orte des Films waren schon gefunden. Es sollte „in der libyschen Wüste“ gedreht werden, und „Szenen gegen dunkle Wolkenbänke auf Sylt oder an der Kurischen Nehrung“. In Riefenstahls Notizen ist von Artemis-Opfern, Kriegstänzen und Kampfspielen die Rede, alles, um „eine heroische Epoche“ als die „nächste“ in Szene zu setzen. Doch der Beginn des Zweiten Weltkrieges verhinderte die Umsetzung des Filmes.

Wie stark Kleist während der NS-Zeit instrumentalisiert wurde, zeigt seit einigen Tagen eine Doppelausstellung im Schloss Neuhardenberg und dem Kleist-Museum in Frankfurt/Oder unter dem Titel „Was für ein Kerl!“, die noch bis zum 23. November zu sehen ist. Der Titel verdankt sich einer Tagebucheintragung des Propagandaministers Joseph Goebbels, der in Posen eine Aufführung des „Prinz von Homburg“ im Rahmen der „Ostdeutschen Kulturtage 1941“ gesehen hatte und am nächsten Tag notierte: „Das Haus rast Beifall. Was für ein Kerl ist doch dieser Kleist gewesen!“

Neben Goethe, Schiller und Hölderlin war es vor allem Kleist, auf den die Nationalsozialisten ihr vereinnahmendes Auge gerichtet hatten. „Kleist – damit ist nicht zuviel gesagt, ist zum Klassiker des nationalsozialistischen Deutschland geworden. Der deutscheste der Deutschen“, wie es der Kleist-Herausgeber und Riefenstahl-Freund Georg Minde-Pouet 1935 behauptet. Warum? Da kann auch die Kuratorin Caroline Gille nur mutmaßen: Es seien wohl seine Herkunft aus preußischem Militäradel, sein am Widerstand gegen Napoleon geschärfter Patriotismus und seine Stoffwahl gewesen.

Über 300 Exponate sind allein in Neuhardenberg zu sehen: Briefe, Zeitschriften, Gemälde, Plakate, Zeitungsseiten, Bühnenbildentwürfe, Fotografien, Filmausschnitte. Nach einer kurzen biographischen Einführung wird Kleists Werk Stück für Stück vorgestellt – und das, was die Nazis daran interessierte: am „Käthchen von Heilbronn“ etwa das Bild der hingebungsvollen Frau. Dass Käthchen im Traum deutlich wird, dass sie in Wahrheit die Tochter des Kaisers ist und also ihre zunächst aus Standesgründen unerfüllbare Liebe zu Graf Wetter vom Strahl Wirklichkeit werden kann – das passte zum „Dritten Reich“ und seiner Idealisierung von Blut und Herkunft. Vor allem in den so genannten „Grenzlandtheatern“ wurde das Stück zur Stärkung des Zugehörigkeitsgefühls aufgeführt.

Das Lustspiel „Der zerbrochene Krug“ hatte dagegen die Aufgabe, das Volk bei Laune zu halten. 1933 schrieb Goebbels: „Wir wollen die Kunst wieder zum Volk führen und das Volk wieder zur Kunst führen.“ So wurde Kleist auf die Autobahn geschickt. Im November 1936 begann die so genannte Reichsautobahnbühne ihre Tournee von Baulager zu Baulager. Dass „Die Hermannsschlacht“ einfach zu instrumentalisieren ist, liegt auf der Hand. Wie der Fürst der Cherusker Germanien von den Römern befreit hatte, wollte Kleist das damalige Deutschland von Napoleon erlöst sehen. Kleist selbst fand freilich, dass sein Stück „mehr als irgend ein anderes, für den Augenblick berechnet war“ und wünschte es „ganz und gar wieder zurückzunehmen“, wenn die Verhältnisse andere wären. Die Nazis machten aus dem Stück ein „Symbol der wiedergewonnenen Volksgemeinschaft“, als das es auch Eingang in Schulbücher fand. „Die Hermannsschlacht ist das Drama des Triumphes völkischer Gefühlssicherheit. In ihm lebt und wirkt eine naturhafte deutsche Menschheit, die einem tödlichen Feinde ihrer Gemeinschaft ohne Sentimentalität, mit klarer und fester Unerbittlichkeit entgegenzutreten und ihn zu vernichten weiß“, so Walther Linden 1935.

Wie Michael Kohlhaas’ Kampf gegen Ungerechtigkeit dazu benutzt wurde, eine nationale Empörung gegen den Versailler Vertrag zu schüren oder wie aus der Unbedingtheit des „Prinz von Homburg“ durch Hinzugabe von Fanatismus ein Beispiel für absolute Todesbereitschaft werden konnte – man erfährt viel, allerdings erst zu Hause, wenn man im Katalog oder dem Buch „Betrachtungen über den Weltlauf. Kleist 1933-1945“ von Martin Maurach blättert (Verlag Theater der Zeit), das zur Ausstellung erschienen ist. Denn die Präsentation in Neuhardenberg ist eine Zumutung.

Die Ausstellungsstücke sind unübersichtlich angeordnet, mit viel, aber winzig gedrucktem Text versehen. Man hat auf Masse gesetzt, so dass der Eindruck entsteht, hier sollte mit Stolz alles präsentiert werden, was in Archiven zu diesem Thema aufzutreiben war, um zu beweisen, was eigentlich vorher schon klar war: dass Kleist von den Nazis instrumentalisiert worden war. Da fahre man lieber gleich ins schöne Kleist-Museum nach Frankfurt an der Oder, wo das wichtigste auf einigen wenigen Schauwänden zusammengefasst ist und man außerdem in einer Studioausstellung etwas über die Selbstgleichschaltung der Kleist-Gesellschaft zwischen 1933 und 1945 erfahren kann.

Oder man studiere das lesenswerte Buch von Martin Maurach, der in philologischer Kleinarbeit beweist, dass es der ironische Zeitungstext „Betrachtung über den Weltlauf“ über das Wechselspiel von „rohen“ und „heroischen“ Epochen war, der als erstes von der Vereinfachungsmaschine der Nationalsozialisten verschlungen wurde, um aus dem Vieldeutigkeitskünstler Kleist einen Propheten des heroischen Morgen zu machen.

„Was für ein Kerl!“ Heinrich von Kleist im Dritten Reich. Neuhardenberg und Frankfurt (Oder), bis 23. November

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