"Krieg und Medizin" : In Frankensteins Labor

Der Zivilisationsbruch und seine Therapeuten: die Ausstellung "Krieg und Medizin" im Deutschen Hygiene-Museum Dresden balanciert zwischen Kultur- und Naturwissenschaft.

Thomas Lackmann

Wir kommen aus dem Land, wo Krieg in der Tagesschau stattfindet. Wir gehen hinweg über schöne Soldaten, die niemals schlafen. Der Konzeptkünstler hat sie so genannt; sie sehen bunt aus, vielfältig, meistens rund, manche eckig, groß oder klein. Peter Zizkas Bodeninstallation aus Bildern lustiger Ufos, mit denen man spielen möchte, schmückt den Eingang des Deutschen Hygiene-Museums: „Das virtuelle Minenfeld“.

Wir betreten die neue WissenschaftsSchau des Hauses. Passieren einen dunklen Raum mit Filmprojektion: Britische Männer und Frauen in Tarnuniform trainieren, bevor sie als Evakuierungsteam in den Orient fliegen. „Theatre“ heißt die Vorführung: So nennt man auf Englisch einen OP. Krieg: eine Bühne. Medizin: ein Schlachtfeld. Die Welt: eine Ausstellung.

Wir verweilen an der Hörstation. Ein Feldpostbrief aus dem Ersten Weltkrieg, Erich Sidow an seine Frau in Brandenburg. Er habe erst mal drei Tage Ruhe gebraucht, schreibt der Soldat von der Westfront. „Etwas Schreckliches, nicht zu Beschreibendes“, sei ihm passiert. „Erst jetzt kommt mein Verstand zu Bewusstsein.“ Angefangen habe es an einem Sonntag. Die Truppe habe sich auf Befehl zurückgezogen. Viermal am Tag Trommelfeuer der Franzosen. Man habe sich in Stellungen eingegraben. Todmüde sei er gewesen. Sechseinhalb Minuten! Wir stecken den Kopfhörer zurück. Der Mann weiß einfach nicht, wie schnell er bei Tagesschau-Voyeuren zum Punkt kommen muss.

„Krieg und Medizin“ heißt die Unternehmung der Wellcome Collection mit dem Hygiene-Museum. Wieder mal balancieren die Dresdner zwischen Kultur- und Naturwissenschaft, was das Profil ihres Instituts ausmacht, in bewährter Partnerschaft mit einer Kulturstiftung der Pharmaindustrie. Weder das pazifistische noch das bellizistische Vorurteil „steht uns zu“, kontert Direktor Klaus Vogel, als ihm in der Pressekonferenz ein ergrauter Apostel der Political Correctness Reklame für die „Herren Generäle“ unterstellt. Man wolle Wissen, distanzierte Betrachtung fördern. „Darf man so etwas überhaupt zeigen?“, spielt Vogel auf Schreckensaspekte an. Andererseits: „Muss es nicht einen Ort geben, wo so ein Thema ohne multimediale Beschleunigung behandelt wird?“ Die „Widersprüchlichkeit des Menschen“ zeige sich als roter Faden der Darstellung.

Gerade läuft im Jüdischen Museum Berlin die Ausstellung „Tödliche Medizin“: über Euthanasie und NS-Ärzteschaft, erstellt im Holocaust Memorial Museum Washington. An der Berliner Station hat man nun versucht, den plakativen Umgang mit Opfer-Fotografien subtiler, schamvoller zu gestalten.

Der Vergleich dieser amerikanisch konzipierten Darstellung einer Nazi-Geschichte mit dem „Krieg und Medizin“-Thema, das unsere Nationen akut betrifft, liegt nahe – und hinkt. Als Unterschied mag gelten, dass es idealistische Militärärzte sowie „gerechte Kriege“ (wenn auch kaum gerechte Kriegsführung) geben könnte, während Nazi-Ärzte Verbrecher waren. Die Parallele verstört gleichwohl. Kriegerische Vernichtung, für deren Erfolg fortgeschrittene Nationen alle technischen Errungenschaften des Homo sapiens perfektionieren, erweist sich als Zivilisationsbruch par excellence. Heilendes Personal lindert und macht Kanonenfutter wieder fit. Die Ausstellung konstatiert, dass Kriege zwar ein Massenexperimentierfeld bieten, aber die Medizinforschung nie inspirierten. Krieg gilt als geächtet. De facto gehört er zum politischen Alltag, viele profitieren davon.

Diesen Zwiespalt bewältigen die Ausstellungsmacher in Dresden nicht. Ihnen gelingt es, Mitgefühl für Opfer zu wecken, 200 Jahre medizinische Entwicklung zu dokumentieren, die mit dem Krimkrieg (1853–56), der ersten Materialschlacht, und dem Einsatz des karitativen Engels Florence Nightingale beschleunigt wurde. Die mathematisch begabte Krankenschwester hatte erstmals Versorgungsstatistiken eingeführt. Der logistische Selektionsbegriff Triage, bei dem es darum geht, knappe Mittel für Massen von Verletzten zielführend zu kalkulieren, wird erwähnt. Die ideologische Auseinandersetzung bleibt ausgeblendet. Das zeigt sich auch, wo Propagandaschinken, Arznei-Exponate und expressionistische Schreckensgrafik ohne dramaturgische Gewichtung in beliebiger Neutralität einander die Schau stehlen. Wer permanent Passionssujets bearbeitet, muss sich panzern: Ein Hauch positionslos pragmatischer Kühle durchweht das Unternehmen.

„In dem halbdunklen Unterstand halbentkleidete, blutüberströmte Männer, denen die weißen Verbände angelegt wurden“, schreibt Max Beckmann als Krankenpfleger 1915 von der Front. „Groß und schmerzlich im Ausdruck. Neue Vorstellungen von Geißelungen Christi.“ Eine Kaltnadelradierung des Künstlers von 1914, „Musterung“, skizziert die militärbürokratische Anbahnung physischer Lädierung, das gedemütigte Individuum. „Der Körper“ ist das größte, düstere Szenario des Rundgangs überschrieben. Rekrutenleiber als Material für den Apparat werden geprüft; demnächst vielleicht biometrisch erfasst. Dieser Raum ist ein Frankenstein-Labor. Auf einem langen weißen Tisch: Prothesen, krankheitsbefallene Organe aus Plastik oder in Spiritus. Jeder Horror- oder Action-Thriller bietet grässlichere Bilder. Bedrohlich wirkt das Panorama der Deformation durch die totalitär anmutende Verflechtung von mörderischer Staatsgewalt und loyal zugeordneter Humanität.

Auf dem Monitor: Teerstraße. Moschee. Grelles Licht. Mittagshitze. Wir fahren im Jeep. Ein Helikopter landet. Ein Pkw passiert. Heckenschützen. Autobombe. Die schläfrige Animation mutiert zum Straßenkampf mit Unsichtbaren. „Virtual Iraq“ ist kein Game, sondern ein Therapiemedium für traumatisierte Veteranen. „Der Wahnsinn des Krieges“ heißt die finale Sektion des Rundgangs. Auf einer Zeichnung Conrad Felixmüllers, „Soldat im Irrenhaus II“ (1918), klammert sich der gekrümmte Patient ans Fenstergitter. Damals wurden eine halbe Million deutscher Soldaten wegen psychischer Störungen behandelt. Fotoporträts von Minenopfern und Interviews verdeutlichen den Nachhall der Detonation in Zivilistenseelen heute. Im 20. Jahrhundert nehmen solche Kriegsschäden zu, werden ernster genommen. Zwanzig Prozent der Kriegsheimkehrer unserer Tage gelten als gestört; der „objektive“ Nachweis eines Traumas gelang der Wissenschaft noch nicht.

„Dare To Enter“ (1965) heißt das Aquarell des Vietnamveteranen Joseph Clarence Fornelli: Goldschemen eines Nebelwaldes, Baumgerippe, diffuses Licht. Wir gehen noch einmal zur Hörstation. Er habe erste Schüsse gehört, schreibt Erich Sidow, „… als ich hochgeschleudert wurde, lebendig unter schweren Erdmassen begraben.“ Irgendwo im Dunkel sagt ein Kamerad: „Bete lieber ein Vaterunser.“ Mund und Nase versanden. „Ich fühlte, dass es dem Ende zuging.“ Dann: die Bergung. „Wie wunderbar war die Welt um mich, als ich wieder frei atmen durfte.“ Barfuß, neugeboren, im Granatenhagel übers Schlachtfeld. „Ich hatte das nackte Leben gerettet.“ Drei Tage und Nächte Schlaf im Lazarett. Verdreckt, ungewaschen. „Kommt Dir da nicht der Ekel? So lebt ein Krieger. Alle Kultur, alle Eigenart geht verloren.“

Wir wissen nicht, ob der Gezeichnete als „Kriegszitterer“ in der Weimarer Republik eine Chance bekam. Nachkriegsgesellschaften verdrängen die Präsenz ihrer Kriegskrüppel und Seelenwracks. Er habe, schreibt dieser Auferstandene, zur Unkenntlichkeit entstellte Tote gesehen: „Schreckliches und abermals Schreckliches. In Zukunft will ich euch mit solchen Berichten verschonen.“

Deutsches Hygiene-Museum Dresden: „Krieg und Medizin“, bis 9. August

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