Kröten gucken : Kitsch von gestern und heute

Über Geschmack soll man streiten. Oder doch nicht? "Böse Dinge" – eine Berliner Ausstellung über Kitsch gestern und heute

kerstin Decker

Immer wieder die Neun.

1909, vor genau 100 Jahren, eröffnete im Stuttgarter Landesmuseum eine neue Abteilung, gewidmet den „Geschmacksverirrungen“. Es war die Zeit, da Leute, die es sich leisten konnten, mit Vorliebe in Häusern wohnten, die aussahen wie dekadente Torten, und in der guten Stube standen Ritterburgen als Büffets. Bereits zehn Jahre zuvor, 1899, hatte der spätere Ausstellungsmacher die „Angliederung einer Folterkammer“ an jedes kunstgewerbliche Museum gefordert, um mit den zur Schau gestellten erlesenen Scheußlichkeiten selbst „ästhetischen Dickhäutern“ die letzte Ruhe zu nehmen. Das war die Utopie des Gustav Edmund Pazaurek, ausgesprochen in der Zeitschrift „Der Kunstwart“.

Ein Periodikum dieses Namens ist heute genauso undenkbar wie die Existenz von Kunstwarten. Niemand muss sich mehr vorschreiben lassen, was er schön zu finden hat. Das weiß auch Imke Volkers, verantwortlich für „Böse Dinge“, die schöne Pazaurek-RevivalAusstellung im Berliner Museum der Dinge. Ja mehr noch, zählt das Recht auf schlechten Geschmack nicht zu den Menschenrechten? Zumindest scheint es allerorten durchgesetzt, auch und gerade im Osten, wo Menschen seit nunmehr zwei Jahrzehnten die Freiheit genießen, mit den Schrecknissen ganzer Baumärkte ihren alten Häusern Schönheit und Charakter zu nehmen.

Imke Volkers wollte die Probe aufs Exempel. Wie wirkt Pazaureks Horrorkabinett der Gegenständlichkeit 100 Jahre später, und was entspräche ihm heute? Über 900 Objekte hatte der Kunstwart zusammengetragen – und Imke Volkers überredete dessen Erben, das Stuttgarter Gewerbemuseum, einige überragende Stücke nach Berlin auszuleihen: Ein feingesticktes Blumenbild im Rahmen, gegen das nichts zu sagen wäre, bestünden die Blütenblätter nicht aus Fischschuppen. Chrysanthemensträußchen aus abgeschnittenen Fingernägeln schienen Pazaurek ebenso verwerflich. Die Kategorie des Trash kannte er noch nicht. Auch Tintenfässer, unauffindbar eingelassen in überbordende Porzellanlandschaften, erbosten ihn sehr, dicht gefolgt von Behältnissen in aufklappbaren Tierköpfen. Mit besonderem Ingrimm verfolgte Pazaurek auch Tinten- und Streusandfässer im ägyptischen oder assyrischen Stil mit Leuchtern. Der Kunstwart: „Sklavische Nachahmung landfremder Formen wird immer als Gedankenarmut anzusprechen sein.“

Pazaurek dachte nie daran, sich mit dem Spießersatz abzufinden, über Geschmack könne man nicht streiten, im Gegenteil. Zu seinen tiefsten Überzeugungen gehörte, dass der schlechte Geschmack vor allem eins besitzt: System. Er ortete vier Hauptkategorien: Materialfehler, Konstruktionsfehler, Dekorfehler und Kitsch. Erstere zerfallen wiederum in mindestens zehn Unterkategorien und nicht ganz zehn Gebote. Nehmen wir nur die Materialfehler, Unterkategorie Materialübergriffe: „Was nicht aus Holz ist, soll auch nicht in Holzform auftreten wollen.“ Wie gern würde man diesen unvergänglichen Imperativ auf der Schwelle aller Laminat-Eichenfußbodenzimmer anbringen. Und sollte nicht jede marmorierte Keramikfliese ein Schild um den Hals tragen dürfen: „Ich möchte keine Marmorfliese sein!“?

Nur der Kitsch weist erstaunlich wenig Unterkategorien auf: Hurrakitsch, Aktualitätskitsch, Fremdenandenkenkitsch, Heimat- und Jägerkitsch, Devotionalienkitsch sowie Reklamekitsch. Imke Volkers hat sich bemüht, für alle Pazaurekschen Kategorien Beweisstücke der Gegenwart zu finden. Sie war auf Designermessen und beim Flughafenzoll, und für ein paar Dinge musste sie nur über die Straße in den nächsten Laden gehen. Unter welche Kategorie fallen eigentlich die Kinderstoffturnschuhe mit Obamas Gesicht über dem großen Zeh? Hurrakitsch, Devotionalienkitsch, Dekorbrutalität?

Angesichts von Kuscheltieren zum Erwürgen, einer mit Reißverschluss zum Brustbeutel verarbeiteten Kröte oder afghanischen Feuerzeugen, auf denen sich bei Benutzung unter Beethovenklängen zwei Flugzeuge blinkend den Twin Towers nähern, hat Imke Volkers das ästhetische Kategoriensystem des Kunstwarts um moralische Kategorien wie „Förderung der Gewaltakzeptanz“, „Artenschutzverbrechen“ und andere erweitert. Interessant dabei ist vor allem, dass die moralische Wahrnehmung sich am Ende doch wieder ästhetisch ausspricht. Das alles ist letztlich nur eins: schlechter Geschmack.

„Böse Dinge“ sind nicht zuletzt Dinge, gegen die man sich nicht wehren kann. Das ist jetzt vorbei! Ein Besuch des „Museums der Dinge“ lohnt mindestens dreifach. Denn wer ein „böses Ding“ mitbringt, bekommt freien Eintritt und wird zugleich Sachen los, die er sich nie wegzuwerfen traute. Die Stirnwand des Sonderausstellungsraums füllt sich bereits mit derlei Stehrumchen in Tüten. Da ist ein Regenschirm in Barbiepuppenform, ein Yin-Yang-Mobile („Geschenk meiner Mutter“) oder eines dieser unsäglichen Teelichter, bei denen der Docht aus einem Osterhasen, Weihnachtsbaum oder Engelchen herausschaut. Die Spenderin des Engelteelichts hat in die Rubrik Herkunft „Geschenk einer ehemaligen Nachbarin“ eingetragen und nicht ohne Ingrimm die Kategorien „Ressourcenverschwendung“, „Dekorbrutalität“ sowie „Unzweckmäßigkeit“ angekreuzt.

Das Museum der Dinge ist froh, so in Besitz von Beweismaterial zu gelangen. Es gehört zwar zu Imke Volkers’ Beruf, Indizien des Zeitgeschmacks für die Sammlung einzukaufen. Aber wie schwer es war, ohne Gesichtsmuskelzucken den einfachen Satz „Ich möchte gern die Tasse mit der Diddlmaus!“ im Angesicht einer Verkäuferin auszusprechen, hat sie dann doch überrascht.

Bis 30. November, Werkbundarchiv, Museum der Dinge, Oranienstraße 25 in Kreuzberg, Fr bis Mo 12-19 Uhr

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben