Ausstellungen : Kugelaugen, Segelohren

Neue Welten: Portugals Entdecker im Deutschen Historischen Museum

Steffen Richter

In Belém, in Lissabons Süden am Ufer des Tejo, steht der monumentale Padrão dos Descobrimentos, ein Denkmal für die portugiesischen Entdecker und Eroberer. Alle sind sie hier versammelt: Heinrich der Seefahrer, Vasco da Gama, Ferdinand Magellan, Bartolomeu Dias und der Sänger der Entdeckungsfahrten Luís de Camões. Das 50 Meter hohe Bauwerk erinnert an jene Weltmacht und frühe Avantgarde der Globalisierung, die Portugal vom 15. bis zum 17. Jahrhundert war. Dieses Goldene Zeitalter setzt das Deutsche Historische Museum Berlin aus Anlass der portugiesischen EU-Ratspräsidentschaft mit der Ausstellung „Novos Mundos – Neue Welten“ in Szene.

Angefangen hatte es mit der europäischen Sehnsucht nach Pfeffer, Zimt, Muskat und Gewürznelken. Der lukrative Asienhandel kam in die Krise, als die Osmanen 1453 Konstantinopel eroberten und den Landweg in den Fernen Osten versperrten. Die Suche nach einem Seeweg nach Indien wurde dringlicher. Vor allem die Portugiesen haben Europa das Tor zur Neuen Welt aufgestoßen. 1488 umsegelt Bartolomeu Dias erstmals das Kap der Guten Hoffnung; Vasco da Gama gelangt 1498 um die Südspitze Afrikas herum nach Indien; Pedro Álvares Cabral entdeckt 1500 Brasilien; Ferdinand Magellan beginnt 1519 die erste Weltumsegelung, die Juan Sebastián de Elcano nach Magellans Tod 1522 vollendet. Diese neuen Territorien erweitern nicht nur das zeitgenössische Weltbild, sie zerklüften es zunächst. Sie führen nicht nur zu Wissenszuwachs in Europa, sondern vermitteln auch eine Ahnung vom Ausmaß des eigenen Unwissens.

Die Ausstellung illustriert Voraussetzungen, Verlauf und Folgen der portugiesischen Blütezeit. Dazu gehört die politische Geschichte der Dynastie von Avis mit König Manuel I., unter dem Portugals Stern am hellsten strahlte. Gezeigt werden antike und mittelalterliche Weltbilder von der folgenreich wieder entdeckten „Cosmographia“ des Ptolemäus bis zur berühmten Weltkarte des Fra Mauro. Wie die Entdeckungsfahrten auf die heimischen Wissenschaften von der Nautik über die Kartografie bis zum Schiffbau zurückwirkten, zeigt eine Abteilung mit Navigationsinstrumenten. Zu den imposantesten der 400 Exponate zählt der „Erdapfel“ des Martin Behaim, ein Faksimile des 1492/93 konstruierten ersten Globus. Die beiden Amerikas sind hier genauso wenig verzeichnet wie auf einer Rekonstruktion der Karte Toscanellis, die Kolumbus für die Vorbereitung seiner „Indien“-Fahrt zurate zog. Wohl aber kann man den neuen Kontinent auf seiner Taufurkunde bewundern: einer Reproduktion der berühmten Karte Martin Waldseemüllers, auf der 1507 erstmals die Bezeichnung „America“ auftaucht.

Aufschlussreich sind die Fragmente der fremden Kulturen: ein Orakelbrett aus Benin, Federschmuck aus Brasilien, ein Weihrauchbecken aus China. Dankenswerterweise wird nicht nur die europäische Wahrnehmung der Neuen Welt ausgestellt – etwa Fabelwesen wie kopflose „Amerikaner“. Auch das Bild der Europäer ist zu sehen – etwa aus chinesischer Sicht: mit Kugelaugen, buschigen Augenbrauen und enormen Ohren. Viele dieser Kulturzeugnisse gelangten in die frühneuzeitlichen Wunderkammern, die Vorläufer des modernen Museums.

Natürlich haben Portugiesen und andere Europäer nichts „entdeckt“. Wo ihre Schiffe landeten, gab es meist eine indigene Bevölkerung, der die Begegnung oft teuer zu stehen kam. Das koloniale Imperium Portugals, der Estado da Índia mit der Hauptstadt Goa, reichte von Ostafrika bis Japan. Afrikaner wurden als Sklaven auf brasilianische Zuckerplantagen verfrachtet, christliche Orden missionierten auch mithilfe von Inquisitionstribunalen. Doch der Konkurrenz der neuen Kolonialmächte Holland, England und Frankreich war Portugal bald nicht mehr gewachsen. Die Dynastie der Avis starb 1580 aus, Portugal wurde spanische Provinz. Das schwer übersetzbare Schlüsselwort der portugiesischen Kultur gehört zwar zur gern vermarkteten lusitanischen Folklore, besitzt aber vor dem Hintergrund der kulturellen Verlusterfahrungen seine Plausibilität: Saudade bedeutet so viel wie schmerzvoll-nostalgische Sehnsucht nach Zukunft, nach Erlösung und Wiederkehr zu alter Größe.

DHM, Pei-Bau, bis 10.2., Katalog 35 €.

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