Kulturpolitik : "Kunstwerke nicht wie Popstars durch die Welt schicken"

Der künftige Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, teilt die großen Bedenken gegen eine Ausleihe der Nofretete-Büste.

Esteban Engel[dpa]
Parzinger
Preußischer Archäologe: Hermann ParzingerFoto: dpa

BerlinDer künftige Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, teilt die großen Bedenken gegen eine Ausleihe der Nofretete. "Untersuchungen haben ergeben, dass die Büste der ägyptischen Königin aus konservatorischen Gründen möglichst nicht auf Reisen gehen sollte", sagte der Archäologe. Es gebe andere Objekte, deren Ausleihe weniger riskant wäre. "Wir sollten aber auch prinzipiell Kunstwerke nicht wie Popstars durch die Welt schicken", sagte Parzinger, der im März 2008 die Leitung der Preußenstiftung übernimmt.

Gleichzeitig sprach sich Parzinger dafür aus, die wissenschaftliche Zusammenarbeit mit Russland, wie sie derzeit im Zusammenhang mit der in Moskau und St. Petersburg gezeigten Merowinger-Ausstellung "Europa ohne Grenzen" praktiziert wird, fortzusetzen und auszubauen. "Wir müssen diesen Weg unbedingt weitergehen", sagte Parzinger, der seit zwölf Jahren regelmäßig in Russland arbeitet und fließend Russisch spricht. "Natürlich gibt es in der Frage der Beurteilung kriegsbedingt verlagerter Kulturgüter unterschiedliche Rechtspositionen, doch wir Fachleute sollten auf wissenschaftlicher Ebene vertrauensvoll zusammenarbeiten". Eine Einigung in dieser Frage könne nur von den politische Führungen der Länder erreicht werden.

Skythen-Ausstellung in Berlin

Als Beispiel für die deutsch-russische Zusammenarbeit nannte Parzinger die Ausstellung "Im Zeichen des goldenen Greifen. Königsgräber der Skythen" mit Schätzen der eurasischen Reiternomaden aus dem 8. bis 3. Jahrhundert vor Christus, an deren Entdeckung der Archäologe maßgeblich beteiligt war. Die Ausstellung wird am 4. Juli in Berlin eröffnet und steht unter Schirmherrschaft der Präsidenten Russlands, Kasachstans, der Mongolei, der Ukraine und Deutschlands.

Der 48-jährige Wissenschaftler wird Nachfolger von Klaus Dieter Lehmann an der Spitze der von Bund und Ländern getragenen Stiftung. Zu den Herausforderungen der größten deutschen Kultureinrichtung mit ihren 17 Museen, der Staatsbibliothek, dem Geheimen Staatsarchiv und weiteren Forschungsinstituten und einem Jahreshaushalt von 257 Millionen Euro gehöre neben dem Um- und Ausbau der Museumsinsel auch der Neubau auf dem Berliner Schlossplatz.

"Zukunftsweisende Vision"

"Der beschlossene Wiederaufbau des Berliner Schlosses, den ich sehr unterstütze, bietet eine großartige Chance, die es zu nutzen gilt", betonte der Archäologe. Das Humboldt-Forum, in dem die außereuropäischen Kulturen im Mittelpunkt stehen sollen, müsse auch eine Brücke zwischen Kunst und Kultur auf der einen und Wissenschaft und Forschung auf der anderen Seite schlagen. Dafür habe Lehmann "eine zukunftsweisende Vision" entwickelt, die es nun zu einem detaillierten Konzept auszuarbeiten gelte.

"Eines ist klar: Wir können hier in der Mitte Berlins ein einzigartiges Kultur- und Kunsterfahrungszentrum schaffen", betonte der Wissenschaftler. "Berlin würde sich damit unter die großen Zentren einreihen, die Weltkultur präsentieren", wobei das Humboldt-Forum Wege finden sollte, dabei neue Dimensionen zu eröffnen. "Die Menschen müssen zum Verweilen eingeladen werden", sagte Parzinger. "Wir müssen die Besucher für die Vielfalt der Ausdrucksformen außereuropäischer Kulturen von der Urgeschichte bis zur in die Moderne faszinieren."

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben