Kunst : Auch er war in Arkadien

Goethes Lieblingsmaler - und lange unterschätzt: In Weimar wird Jakob Philipp Hackert erstmals umfassend gewürdigt.

Bernhard Schulz
Hackert
Gipfelstürmer. "Der Krater des Ätna mit den Ruinen des Turms des Philosophen Empedokles", Gouache, 1783. -Foto: Katalog

Zu den zahllosen Tätigkeiten Goethes in Weimar zählte auch die eines obersten Kunstrichters. So veranstaltete er eine Weile lang die „Weimarer Preisaufgaben“, um eine nachwachsende Generation den rechten Sinn für die Kunst zu lehren. Doch als er 1811 die Lebensgeschichte des Malers Jakob Philipp Hackert publizierte – mit dem Untertitel „Biographische Skizzen, meist nach dessen eigenen Aufsätzen entworfen von Goethe“ –, erschien dies beinahe eher als Abgesang auf jene Richtung, die Goethes unerschütterliches Ideal bildete: den im 18. Jahrhundert erwachsenen Klassizismus.

Goethe hatte bei Hackert zeichnen geübt, 1787 auf seiner italienischen Reise, die der Sehnsucht nach dem Süden Anschauung und Form gab. Dem 1737 im uckermärkischen Prenzlau geborenen, durch das Glück des Tüchtigen emporgestiegenen Maler Hackert bewahrte der Dichter lebenslangen Respekt. Die Beschäftigung mit den nachgelassenen Selbstzeugnissen des 1807 verstorbenen Hackert weckte in Goethe überhaupt erst den Wunsch, sein eigenes Leben aufzuzeichnen. So entstand die „Italienische Reise“, veröffentlicht 1816/17.

Goethes Verehrung hat Hackerts Nachruhm mehr geschadet denn genutzt. Dessen umfangreiches Œuvre ist kaum mehr bekannt. Noch Helmut Börsch-Supan widmet ihm in seinem magistralen Opus zur „Deutschen Malerei 1760 – 1870“ nur knappe zwei Seiten. Auf den großen Übersichtsausstellungen, die seit den siebziger Jahren die deutsche Malerei nach 1800 glanzvoll vorgestellt haben, blieb er so gut wie ausgespart. Eine eigene Retrospektive fehlte ganz. Bis jetzt, da in Weimar der erste umfassende Überblick veranstaltet wird, des eindrucksvollen Umfangs wegen verteilt auf zwei Häuser. Im leider abseits der Touristenpfade gelegenen Neuen Museum sind rund 80 Gemälde zu sehen, im renovierten Schillermuseum 120 grafische Arbeiten.

Es ist dies keine Wieder-, sondern eine veritable Neuentdeckung. Selbst wer Gelegenheit hatte, die großen Bilderzyklen Hackerts in und um St. Petersburg wie auch im Königsschloss von Caserta bei Neapel zu besichtigen, sieht in Weimar erstmals sein Lebenswerk. Das Urteil, in Hackert den bedeutendsten deutschen Landschafter des 18. Jahrhunderts zu erblicken, bekommt nunmehr ein ganz anderes Gewicht. Denn Hackert ragt nicht nur aus einer eher kargen Epoche deutscher Kunst heraus, er besteht zugleich im europäischen Kontext, der in seinen Gemälden gebündelt aufscheint; daher auch der Untertitel der Ausstellung „Europas Landschaftsmaler der Goethezeit“.

So wird der frühe und anhaltende Ruhm verständlich, den Hackert von Italien aus genoss, und der ihn 1785 bis auf den Posten des Hofmalers Ferdinands IV., des Königs von Neapel und Sizilien, in Neapel führte. „Meine hiesige Lage ist würcklich eine der angenehmsten, die ein Künstler in der Welt haben kann“, schrieb Hackert hochzufrieden. Er war einer der letzten Hofkünstler des Ancien régime; mit dem Sturz der neapolitanischen Monarchie 1799 musste auch er fliehen. Wenngleich Hackert neben seinen höfischen Verpflichtungen stets einen umfangreichen Markt wohlhabender Italien-Touristen zu bedienen wusste, ist es ein Irrtum, in ihm, dem lebenslangen Protégé der Fürsten, einen Vorläufer bürgerlicher Künstlerautonomie zu sehen.

Das tut schließlich seiner künstlerischen Qualität keinerlei Abbruch. Hackert konzentrierte sich vom Beginn seiner Lehrzeit an auf die Landschaft, ungeachtet ihres niedrigen Ranges im Kanon akademischer Kunstausübung. Sein Rezept war, die Natur „abzuschreiben“, wie Goethe es nannte. Die dänische Dichterin Friederike Brun schrieb 1796, dass Hackerts Gemälde keine „übereinandergeschichteten Träumereyen“ seien, „sondern Erinnerungen aus der Fülle einer mit Naturscenen gesättigten Phantasie, die, immer im Reiche schöner Wirklichkeit verweilend, nie phantastisch wird“.

Trefflicher lässt es sich auch heute nicht sagen. Hackert malte keine „heroischen Landschaften“ wie etwa sein jüngerer Kollege Joseph Anton Koch, mit gewaltigen Bergmassiven und schwindelerregenden Klüften. Vielmehr hielt er sich an topografische und botanische Genauigkeit. Das unangenehm klobige Schloss Caserta, in banaler Ebene nördlich von Neapel gelegen, malte er gerade ebenso nüchtern. Dem König gefiel es; er beauftragte seinen Hofmaler, sämtliche Häfen des Reiches zu malen, als eine Art Werbung und daher in exakter Wiedergabe der Gegebenheiten. Auftragsgemäß fielen auch die Arbeiten aus, die blühendes Wirtschaftsleben in den Regionen des Königreiches vorführen, wie auch Szenen vom glücklichen Leben der Untertanen.

Wie hätte ausgerechnet Goethe, der Hofkünstler im Weimarer Duodezfürstentum, an derlei Anstoß nehmen können? Ihn interessierte, was den heutigen Betrachter aufs Neue fasziniert: die unbestechliche Genauigkeit des enorm fleißigen Malers, der in seinen Ansichten ein gültiges Bild der italienischen Landschaft errichtete – „mitteilsam für den, der etwas wissen will, in erster Linie also für den Reisenden“, wie Börsch-Supan ungnädig urteilt. Die Wasserfälle von Tivoli waren jedem Teilnehmer der Grand tour vertraut. Die ungemein sorgfältigen Ansichten der griechischen Tempel auf Sizilien vermittelten Eindrücke, die wenigen zugänglich waren, aber jedem Betrachter einleuchten mussten. Was Hackert hinzufügt, sind Staffagefiguren, rahmende Bäume, seit Claude Lorrain verbindliche Zutaten einer ausgewogenen Komposition, doch ohne dessen Idealisierung. Den ewig hellblauen Himmel, obwohl dem Maler kompositorisch wichtig, vermochte er nicht mit sprechender Dramatik zu erfüllen wie später etwa der Griechenland-Reisende Carl Rottmann.

Dramatisch wurde Hackert in seinen Nachtszenen vom feuerspeienden Vesuv, dessen Flanken zu besteigen ein Muss für abenteuerlustige Touristen bedeutete. Dramatisch ist auch der Zyklus der „Schlacht von Tschesme“, des russischen Seesiegs über die osmanische Flotte 1770. Schon im Jahr danach erging der Auftrag Katharinas der Großen an den jungen, gerade erst in Rom heimisch gewordenen Hackert. Er brachte den Durchbruch zum Ruhm. Unerhört – und monatelang Gegenstand von Zeitungsberichten – war der Aufwand: Fürst Orlow ließ vor Livorno eigens ein Schiff in die Luft sprengen, damit der Maler, wie Goethe noch vierzig Jahre später berichtet, „eine wirkliche Vorstellung einer solchen Begebenheit“ erhielte.

Vorbereitet hat Hackert all seine Gemälde durch unzählige Skizzen, Zeichnungen und Gouachen, die einen lebenslangen Fundus des über Jahrzehnte auf gleich hohem Niveau tätigen Malers bildeten. Sie sind eine, wenn nicht die Sensation der Ausstellung. In ihnen zeigt Hackert einen verblüffenden Reichtum an Ausdrucksmöglichkeiten. Zarte Zeichnungen stehen neben farbstarken Gouachen, geometrisch aufgebaute Veduten neben hingehauchten Skizzen. Und dann das überwältigende Blatt mit dem „Blick auf Rom von den Caracalla-Thermen“, wo die Luftperspektive – Goethe spricht von „Fernung“ – an der Kuppel des Petersdoms in rötlich sengender Nachmittagsglut erprobt wird!

Mit der Weimarer Ausstellung wird Jakob Philipp Hackert, zwei Jahrhunderte lang Nebenfigur der Goethe-Philologie, wieder zu einem Künstler von europäischem Rang. Hier ist ein Lebenswerk zu besichtigen, das fortan zurückstrahlen wird – auf die Vorstellung von deutscher Malerei ohnehin, aber ebenso auf das Bild, das uns von Goethe vor Augen steht.

Weimar, Neues Museum und Schillermuseum, bis 2. November. Infos unter www.klassik-stiftung.de. Katalog bei Hatje Cantz, 35 €, im Buchhandel 49,80 €.

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