KUNST Stücke : Um die Ecke

Thea Herold fragt nach dem richtigen Maß von Distanz und Nähe.

Thea Herold

Till Exit

, der sensible Räume-Dichter unter den Leipziger Künstlern, gab seiner neuen Video-Installation die gigantische Überschrift „Weltall Erde Mensch“. Das war im Osten der sechziger Jahre ein bekannter Buchtitel für eine Vision sozialistischer Prägung. Und auch für den, der zur selben Zeit im Westen aufwuchs und enthusiastisch die Serie „Raumschiff Enterprise“ verfolgt hat, gibt es in der Galerie Loop ein Déjà vu: Im Beam-me-up-Stil fliegen Bilder in luftiger Höhe über fünf Mattscheiben. Exit hat sie bis knapp unter die Galeriedecke gehoben. Etwas nackenfeindlich, diese Distanz, wenn die Monitore in drei Metern Höhe auf schwarzen Stelzen schweben. Der Lattenwald dafür wurde wie ein Bühnenbild und ohne Gnade auf Linoleum gestellt – eine im Osten damals weit verbreitete Bodenbedeckung. Darauf sind dreierlei Spuren lesbar: die früheren „Stellflächen“, die Trittspuren der heutigen Galeriebesucher und ausgeweidete Kabelhüllen, die sich als Gummilinie durch den Raum ziehen. Auch die drei enigmatischen Fotoarbeiten hinter satiniertem Acrylglas unterstreichen den dualistischen Zuschnitt der Geschichte: Weil er an den verlassenen Orten auf den Fotos einen melancholischen Blick in die Vergangenheit wirft, erinnert die Fülle der „Enterprise“-Loops an die lang überholten Fantasiebilder der Zukunft. Kein Zweifel: Irgendwann einmal lag die Milchstraße hinter der nächsten Ecke, und wir hofften, die Schulbusse der Enkel würden darüber fahren (Jägerstraße 5, bis 5. Juli).

 

Der Frage nach der Balance von Distanz und Nähe, nach dem richtigen Abstand zwischen Wesentlichem oder Vergessbarem, stellen sich auch Gabriele Jerke und Astrid Köppe. Mit ihrer schönen Doppelausstellung in der Galerie Fruesorge verlangen sie nach „ein bisschen weniger“ – durchaus wörtlich. Auf Jerkes Arbeiten (je 500 Euro) wird auf dem Papier so sparsam gestrichen, mit Aquarell aufs Feinste schraffiert und mit schwebenden Outcuts großartig meschugge jongliert, das ist schon erstaunlich. Autoumrisse, Fische, Lautsprecher, Blumen. Alles gehaucht, angerissen, ausgeschnitten, fokussiert und wie unter ein Mikroskop gelegt. Auch Astrid Köppe zeichnet die subjektive Essenz ihrer Beobachtungen, schreibt sie reduzierend mit. Sie schmilzt dabei das real Geschaute zu humorvollen Abstraktionen um und erzählt die menschliche Komödie unseres Alltags als Geschichte im Piktogramm-Format. Bei ihr werden die formalen Einfühlungen zu reinsten Muster-Bildern und Projektionsflächen mit enormem Deutungspotenzial. Ein und dasselbe Ausgangsmotiv kann deshalb als trunkener Enterich oder extraterrestrischer Alien gelesen werden. Es hängt halt davon ab, in welchem Abstand man auf die Arbeiten schaut (Heidestraße 46-52, bis 21. Juni) .

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