KUNST Stücke : Wunderland

Michaela Nolte stößt auf exotische Blumen und Riesenkaninchen.

Michaela Nolte

Dieses Kaninchen passt in keinen Topf. Ebenso wenig der Schwan, der, an einem Bein aufgehängt, seinen Todeskampf bereits hinter sich hat. Santiago Ydáñez deutet auf seinen Riesenformaten in der Galerie Martin Mertens die Proportionen und die Logik der Realität um: Das Kaninchen mit dem flauschig weißen Fell blickt den Betrachter zwar quicklebendig an, doch die stechend blauen Augen und der riesenhafte Kopf auf dem dynamisch angeschnittenen Rumpf vermitteln den Eindruck, als sei das possierliche Tierchen in jedem Moment auch bereit, den Besucher anzufallen. Ydáñez liebt die große Geste und das große Format. Dabei wirkt der expressive Duktus des Spaniers nie vordergründig emotional, die Dimension nie einfach nur aufgeblasen. Seine spontanen, breiten Pinselstriche und seine Virtuosität machen den originären Charakter der Selbstbildnisse, Porträts von Tieren, Madonnen oder Landschaften aus. Nicht zuletzt der Hang zum Skurrilen verleiht den klassischen Themen eine ungeheure Gegenwärtigkeit, in der Ydáñez mit kalkulierter Distanz das Raubtierhafte im Menschen seziert (Brunnenstr. 185, bis 2. August).

 

Das Untergründige fokussieren auch die Fotografien von Erik Niedling, die er lapidar „Formation“ nennt. Menschen auf einer Plantage sind in der Galerie Hamish Morrison zu sehen oder Männer und Frauen, die Pflanzen schneiden, sortieren und selektieren. Serielle Kakteenstudien flankieren Versuchsanordnungen mit seltsamen Klingen, Messern und Zangen. Die Vorlagen dieser überwiegend tiefschwarzen Farbabzüge entstammen der Dokumentation einer Kakteenzucht, die der Fotograf und Gärtner Walther Haage zwischen den Weltkriegen aufgenommen hat. Was Haage einst im Stil neusachlicher Fotografie dokumentierte, taucht Niedling in ein ebenso finsteres wie auratisches Licht. Die originalen Glasnegative hat er auf einem Leuchtkasten reproduziert und die so entstandenen Negative als C-Prints abgezogen. In der fototechnischen Transformation wird der matte Glanz der dunklen Oberfläche zu mysteriöser Lichtmalerei, die die Motive entrückt und ihre botanische Harmlosigkeit zum kulturgeschichtlichen Beweismaterial verdichtet (Heidestr. 46–52, bis 2. August).

 

Kausale Beziehungen zwischen Mensch, Flora und Fauna finden sich ebenso bei der Niederländerin Gwenneth Boelens. Das raumgreifende Kernstück der Ausstellung „The Entire Business of Coming Closer“ unternimmt einen Streifzug durch den Central Park und führt dem Besucher wilde, exotische Pflanzen vor. Ihre Absurdität wird in der Installation bei Klemm’s (Brunnenstr. 7, bis 2. August) ebenso deutlich wie in der vermeintlichen Naturgegebenheit des Parks. In dessen urbaner Umgebung erscheint die kulturtechnisch reproduzierte Wildnis wie Theaterdonner: „Nur Requisiten, Schemen, Stücke und Rollen“, erklärt eine Frauenstimme, die die Installation mit einem lyrisch-philosophischen Text unterlegt. Ebenso ruhig und intensiv sind Boelens’ Werke. Ein Video zeigt die Hand der Künstlerin, wie sie die Umrisse und Grenzen ihres ehemaligen Ateliers in der Amsterdamer Rijksakademie erkundet. Eine stille Beobachtung, weiter nichts, die aber die Wahrnehmung zu schärfen vermag – und das Bewusstsein von Natur im Zeitalter technischer Reproduzierbarkeit.

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