KUNST Stücke : Zack, entzaubert

Kolja Reichert findet sich auf der Leinwand wieder. Die Galerie Zak/Branicka zeigt Werke des polnischen Künstlers Dominik Lejman und Gregor Podnars.

Kolja Reichert

Guten Morgen. Kater überstanden? Oder brummt der Kopf noch, verschwimmen die Lettern der Zeitung, hängt die Auffassungsgabe vier Sekunden hinterher? Vier Sekunden hinterher? Vier Sek... Es gibt viel zu feiern an diesem großen Berliner Kunstwochenende, und wie sich das anfühlt, wenn am Ende der Party die Lichter angehen, der Raum mit einem Schlag entzaubert ist, die Augen gerötet, das Make-up verlaufen, setzt der polnische Künstler Dominik Lejman nachdrücklich ins Szene. Er lädt in der Galerie Zak/Branicka zur „Afterparty“ (Lindenstraße 35, bis 14. November). Im Blitzlicht dreht sich in der titelgebenden Arbeit eine Gogo-Tänzerin an der Stange. Doch die Leinwand, auf der die Videoprojektion flattert, ist die Leinwand eines Acrylgemäldes wie von Barnett Newman, die Gogo-Stange ein leuchtend weißer Streifen, die Bühne zwei monochrome Flächen in verschiedenen Schwarztönen (12 000 Euro). Erlischt die Tänzerin, bleibt die Bühne leer zurück. Lejman, der mit seinen Projektionen schon die Decke einer gotischen Kathedrale zum Atmen brachte, erweitert die Malerei um den Faktor Zeit, wie es einst die Konstruktivisten um Naum Gabo forderten. Und er fängt den Betrachter ein. Den durchzuckt ein leichter Grusel, findet er sich plötzlich auf der Leinwand von „Bite & Lick (forms of encounter)“ wieder, gefilmt von schräg oben wie von einer Überwachungskamera (16 000 Euro). Hunde stürzen von den Bildrändern, und er kommt nicht los, wie in einem Albtraum – die Aufnahme hängt vier Sekunden hinterher. „Postprojektion“ nennt Dominik Lejman, 1969 in Danzig geboren und eine feste Größe der polnischen Kunstszene, seine Methode. Sein Werk diffundiert im Raum. Gegenüber tanzen auf der Wand die Geister von „Ginger & Fred“ (5er-Edition, je 2500 Euro).


Ein weiterer osteuropäischer Meister bewegter Kunst führt zwei Stockwerke tiefer in der Galerie Gregor Podnar einen ungewöhnlichen Tanz auf. Zu einem Tschaikowski-Walzer drehen, heben und senken sich silberne Heliumballone in Sternform, angetrieben durch fröhlich sirrende Mini-Rotoren („tour en l’air, 24000 Euro). Vadim Fishkin, vier Jahre älter als Lejman, hat bereits zweimal in Venedig ausgestellt, einmal im russischen, einmal im slowenischen Pavillon. In dadaistischem Unernst spielt er mit Technik, Wissenschaft und Zauberei (Lindenstraße 35, bis 14. November). Strohhalme treten per Hologramm-Effekt aus dem Bild. Profane Taschenlampen malen einen Schneemann an die Wand. Bei der abc in der Akademie der Künste bringt Fishkin dieser Tage einen Tischtennisball per Fön ins Rollen. Hier, in seiner ersten Berliner Einzelausstellung, zaubert er den Ball zwischen zwei Glaszylindern hin und her. Dabei entlarvt sich „doppelganger (ball)“ durch das Klicken der sich abwechselnd ein- und ausschaltenden Lämpchen selbst (6000 Euro). Am Zauberpult „Magic Button (table version)“ erscheint auf Knopfdruck der Künstler als Magier in einer Glaspyramide und spottet allen illusionären Effekten (18 000 Euro). Spätestens hier dürfte der Kater vergessen sein. Zum Besuch in der Lindenstraße empfiehlt sich der morgige Sonntag. Dann hat das komplette Galeriehaus mit weiteren sehenswerten Ausstellungen von 11 bis 18 Uhr geöffnet.

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