Kunst über Kinder : Manchmal garstig

Macke, Warhol, Baselitz: Die Galerie Contemporary Fine Arts zeigt Kinderbildnisse aus verschiedenen Jahrzehnten.

Claudia Wahjudi
Grausames Spiel.
Grausames Spiel.

Die Idee liegt so nahe, dass in Berlin längst hätte jemand darauf kommen können: eine Ausstellung mit Kunst zum Thema Kind. Gerade in der Stadt, in der die Familienpolitik der Republik gemacht wird, in der Betreuungsgeld und Beschneidung, Baby-Macchiato und die Mütter von Prenzlauer Berg die Gemüter erregen. Doch andere waren schneller. Die Bonner Bundeskunsthalle zeigte bereits 2003 die „Kleinen Prinzen“ und die Kunsthalle im österreichischen Krems 2011 Kinderbildnisse aus vier Jahrhunderten. Jetzt aber hat die Berliner Galeristin Nicole Hackert die Initiative ergriffen. „Kids“ heißt die Ausstellung bei Contemporary Fine Arts (CFA), die ab dem heutigen Samstag zu sehen ist. Eine gelungene Kombination von rund 40 Fotos, Zeichnungen und Gemälden zum Thema, mit Arbeiten von Gegenwartskünstlern, darunter Künstlern der Galerie, sowie Klassikern der Moderne und zwei fast vergessenen Berliner Malern: Hans Laabs und Walter Wellenstein.

„Kids“ hat Tempo, setzt auf Abwechslung, unterhält und bestürzt zugleich. Raymond Pettibon, Georg Baselitz, Daniel Richter und Tal R sind dabei, Marlene Dumas, Larry Clark, August Macke, Emil Nolde, Andy Warhol und Paula Modersohn-Becker, die große Reformerin des Kinderporträts. Wenig über die Kleinen erzählt Hackerts sehr persönliche Auswahl, aber viel über die Großen. Das Kinderbildnis ist ein verräterisches Genre. Die Erwachsenen geben darin ihren Blick auf’s Morgen preis: Hoffnungen, Sorgen und eine Idee davon, wie die Zukunft zu sichern sei. Mit dem Gemälde eines in prächtiges Tuch geschnürten Fürstenbabys wurde eine politische Ehe angebahnt, Porträts pausbäckiger Buben in Bürgerstuben beschworen im unruhigen Vormärz Biedermeiers Idyll.

Auch die Bilder bei CFA legen Befindlichkeiten bloß. Im Zentrum hängen Fotos von Larry Clark, C-Prints von seinem Spielfilm „Kids“ (1995), der von Skatern, Hip-Hop und Drogen in New York handelt und von ersten brutalen Erfahrungen mit Sex (Portfolio: 30 000 Euro). Der Film gab der Ausstellung ihren Titel, doch die Adoleszenz bildet gar nicht deren Schwerpunkt. Stattdessen thematisieren die meisten Bilder die Kindheit, selten generell und analytisch, häufig ganz konkret. Sie zeigen Säuglinge, Kleinkinder, Kinder im Schulalter, meist figurativ festgehalten mit Stift und Pinsel, oft zärtlich, manchmal ironisch, manchmal garstig. Cecily Brown tuschte ein buntes Picknick aufs Papier, Georg Baselitz malte sich 1997 als rosa Riesenbaby. Raymond Pettibon setzte seinem Sohn ein dunkles Hündchen auf die Stirn, von Weitem sieht das aus wie ein verwuschelter Irokesenschnitt. Zu den wenigen, die kein Bild von einem Kind beisteuerten, zählt Marc Brandenburg. Er zeichnete beklemmende Ansichten menschenleerer Plastikspielplätze (je 12 000 Euro), wie sie vor den Restaurants amerikanischer Fastfood-Ketten stehen – eintönige Sicherheitsröhren, die vor allem eines sollen: Eltern keinen Anlass zur Schadensersatzklage geben.

Wie unterschiedlich sich Kindheit im Blick der Erwachsenen spiegeln kann, verdeutlichen August Mackes „Bildnis Walter mit Blumenstrauß“ von 1913 (1,5 Mio. Euro) und Dana Schutz’ „Butterfly“ (2012), die gleich nebeneinanderhängen. Macke malte seinen dreijährigen Sohn Walter, der am Wohnzimmertisch sitzt. Freundlich und aufmerksam blickt der Knabe nach rechts, ihn umfließt ein sonniges Interieur mit Chaiselongue und moderner Malerei an der Wand. Pfingstrosen auf dem Tisch versinnbildlichen Heil und blühendes Leben. Eine aberwitzige Projektion des Vaters: Im Jahr darauf meldete sich Macke freiwillig für den Weltkrieg und wurde an der Westfront erschossen. Hundert Jahre später malt auch die New Yorker Künstlerin Dana Schutz einen kleinen Jungen an einem Tisch (80 000 US-Dollar). Der namenlose Kerl ist Walters Gegenteil. Sein Kopf wuchert nach rechts und links, in seine Stirn hat Schutz eine Art Windsbraut eingebaut. Das Kind zerrupft einen Schmetterling und blickt dabei aus winzigen Pupillen starr geradeaus, als sei es auf Drogen. Ein Unhold, nicht Marias Jesuskind, sondern Rosemarys Teufelsbaby.

Kinder machen Angst. Das ist neu. Die Fotografien der Ausstellung zeigen Kinder als autonome, auf sich gestellte Subjekte. Selbstbewusst und abweisend schauen sie in die Kamera, skeptisch und verletzt wie bei Cuny Janssen, trotzig wie die drei Jungen, die Albrecht Fuchs in einer belgischen Arbeitersiedlung aufnahm. Kämpfer sind sie alle, doch was sie gerade denken, bleibt unergründlich.

Das Kind, das unheimliche Wesen. Für die Entfremdung gibt es Gründe, womöglich einfache wie die niedrige Geburtenzahl. Womöglich kompliziertere. Denn wer weiß schon, ob all diese Kinder einmal gern unser Erbe antreten oder es nicht weit von sich weisen und uns Versäumnisse und Verbrechen vorwerfen. Nach allem, was das 20. Jahrhundert brachte, nach allem, was Psychoanalytiker und Ökologen lehren, kann sich da kein Erwachsener sicher sein. Hier richtig tief zu bohren würde sich lohnen. Eine Galerie kann und muss das nicht. Nicole Hackert und Contemporary Fine Arts geben einen starken Impuls, und vielleicht greift ihn ja ein großes Berliner Museum auf.

Contemporary Fine Arts, Am Kupfergraben 10; Bis 22. September, Di –Fr 11 –18 Uhr, Sa 11–16 Uhr

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