Kunst-Werke : Busse und Beeren

Drei Künstler, drei Welten: Kelm/Jensen/Breuer in den Kunst-Werken

Christina Tilmann

Die Arbeit wirkt wie bestellt zur Mairandale in Kreuzberg: In London hat man beobachtet, dass Jugendliche Flaschen aus Flaschencontainern gern benutzen, um damit auf Passanten zu werfen, die an Bushaltestellen warten. Die stadtpolitische Konsequenz: Bushaltestellen und Glascontainer sind unbedingt weit entfernt voneinander aufzustellen. Auf das sinnlose Spiel von Jugendgewalt und Brutalität bezieht sich der in London lebende Künstler Wolfgang Breuer. Drei in der Mitte aufgesägte Glascontainer hat er ins Obergeschoss der Kunst-Werke gestellt, dazu eine abgewrackte Bushaltestelle. Flaschen, Scherben fliegen hier nicht, doch in der kahlen Ödnis der weißen Halle wirkt das traurige Ensemble wie ein Kommentar darauf, wie Gewalt in modernem Städtebau entsteht.

Poetischer kommt der zweite Teil der Arbeit daher: Blaue Blech-Paneele, wie sie benutzt werden, um Fenster und Türen in Abbruchhäusern zu verschließen, decken die Längswand, und der Künstler hat, als kleine Intervention, rote Beeren in die Löcher gesteckt, mal verstreut zwei oder drei, mal einige in Reihe. Die Hausbesetzer, die hinter solchen Paneelen hausen, dulden seine Eingriffe seit Jahren, erzählt Breuer, der mit langen Haaren und Schlabberhosen selbst wie ein Besetzer daherkommt – und bei aller Konzeptualität den spielerischen Aspekt seiner Arbeit betont. Kunst als Stadtbesetzung – warum nicht?

Weit ernsthafter kommt die Zweite im Bunde, Annette Kelm, daher. Die in Berlin lebende Fotokünstlerin ist in diesem Jahr für den Preis der Nationalgalerie nominiert und daher ein besonders heißer Tipp – die erste institutionelle Einzelausstellung in den Kunst-Werken kommt daher punktgenau. Und wirkt, in der großen Halle, doch etwas unterkühlt. In Serien beschäftigt sich Kelm mit 20 Baseballcaps aus Stroh, die sie in Chinatown erstanden hat, mit einer Plastiktasche samt Uhr, dem Plastik-Orangenbaum im Wohnzimmer ihrer Eltern oder mit Fertighäusern aus Holz und Kupfer, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Wannsee, Usedom oder Dresden–Hellerau entstanden sind.

Stets sind die Objekte sorgfältig isoliert, vor neutralem Hintergrund, mit dezentem Schattenwurf, ihrer Umgebung entrissen und in ein zeitliches und räumliches Vakuum gestellt. Zarter Minimalismus, weit entfernt von der Überwältigungsästhetik der Düsseldorfer BecherSchule, von der sich Kelm dezidiert absetzt – und doch etwas anämisch, verkopft. Auch der feine Witz, mit dem sie etwa einen Miro-Druck neben die Wulitzer-Orgel im Berliner Musikinstrumentenmuseum hängt oder einen VW Golf mit abmontierten Spiegeln, Stoßstangen, Nummernschildern als „Art Car“ präsentiert, verleiht ihren Arbeiten zwar große Eleganz, aber nicht unbedingt Gewicht. Eine entschiedene Einzelposition – ein bisschen verloren im luftleeren Raum.

Das kann man von Sergej Jensen bestimmt nicht sagen. Im Gegenteil: Der Däne bestand darauf, möglichst das ganze Mobiliar der letzten Ausstellung über Vorspann-Kino zu behalten: den fiesen braunen Teppich, die rosa gestrichenen Wände, die Sitzbänke, ja selbst die Farbschichten, die beim Abriss einer Wand zum Vorschein kamen. Zufallsmalerei, wie sie Jensen auch auf seinen Bildern schätzt, wo Flecken, Nähte, Löcher ihr eigenes Ornament erzeugen. Malerei ohne Pinsel, und doch mit sehr bewussten Setzungen: Da wird eine Leinwand von hinten gezeigt, mit den Spuren der durchgedrückten Farbe, oder der Holzrahmen ist durch den Musselin zu ahnen. Und einmal, in einem scheinbar harmlosen Bild, ist eine Heftklammer durch den Stoff gedrückt, eine brutale Verletzung. In solchen minimalen Eingriffen ist Jensen dann auch mit Breuer und Kelm verwandt, die bis auf ihr Interesse an Materialität und Konzeptualismus doch relativ wenig verbindet. Die Praxis der Kunst-Werke, drei sehr verschiedene Einzelpositionen zu einer Sommer-Gruppenausstellung zu verbinden, die im vergangenen Jahr mit Ricarda Roggan, Albrecht Schäfer und Richard Serra so schön aufging, bleibt diesmal eher Behauptung.

Kelm/Jensen/Breuer, Kunst-Werke, Auguststr. 69, bis 19. Juli

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