Kunst : Zarte Wellen, harte Winde

Von Otto Dix bis Andy Warhol: Die Hamburger „Seebilder“-Ausstellung befreit das maritime Genre aus seiner Betulichkeit.

Ulla Fölsing

Wasser, Wind und Wellen, Schiffe, Häfen und Strandleben – Caspar David Friedrich und Johan Christian Dahl, Liebermann, Kirchner, Nolde und viele andere Maler haben sich das reizvolle Motivbündel immer wieder vorgenommen. Im Sommer 2005 lockte die Hamburger Kunsthalle mit Teil I des für Hanseaten genuinen Sujets, der die Phase zwischen Romantik und Expressionismus behandelte, bereits mehr als 90 000 Besucher. Jetzt erzählt sie die Geschichte der Seestücke weiter – von der klassischen Moderne bis zur Gegenwart. Rund 170 Werke von 55 Künstlern, dabei nicht nur Malerei, sondern auch Fotografien, Installationen und Neue Medien, befreien das Genre endgültig von dem Ruch der biederen Wohnzimmerkunst. Insgesamt eine bunte, abwechslungsreiche Mixtur.

Zu sehen sind neben Schlüsselwerken der Pop-Art noch nie oder selten gezeigte Werke wie Paul Klees lange verschollene „Flusslandschaft mit Dampfboot“, Otto Dix’ „Abschied von Hamburg“ sowie drei Arbeiten, die Anselm Kiefer in Anlehnung an C. D. Friedrichs Kunsthallen-Glanzstück „Eismeer“ eigens für die Ausstellung schuf. Nun allerdings geht es nicht mehr um romantische Sehnsucht und Katastrophenangst wie im 19. Jahrhundert, Flotten-Stolz und HighTech-Verliebtheit wie vor dem 1. Weltkrieg. Es zeigt sich eine individuellere, nüchterne bis konsumorientierte oder auch politisierte Sicht auf Natur, Technik und das Leben am Wasser.

Aus der klassischen Moderne präsentiert die Ausstellung allein 15 mal Beckmann: Seine Riviera-Strände haben nach wie vor ihren Reiz. Nicht minder attraktiv Paul Klees graziöse Segelschiff- und Dampfer-Fantasien sowie sein „Goldener Fisch“, Max Ernsts surrealistische Annäherungen an das Meer und Schnittig-Kristallines wie die „Schären-Kreuzer“ vom begeisterten Segler Lyonel Feininger. Franz Radziwill und Otto Dix näherten sich dem Seestück betont realistisch bis neusachlich. Dix erkor das Motiv zum Lieblingsthema und malte serienweise provokante Matrosenbilder. Der malende Dichter Joachim Ringelnatz gewann dem Thema Humoristisches ab.

Wie schon Walter Dexel 1922 transponierte Willi Baumeister den Bildtypus nach dem 2. Weltkrieg in abstrakte Formensprache, die den Inhalt nur noch erahnen lässt. Die amerikanischen Popart-Künstler Andy Warhol und Roy Lichtenstein dagegen machten es dem Betrachter einfach: Sie hantierten auch beim Seestück mit dem gängig appetitlichen Vokabular von Werbung und Plakatkunst. Warhol bot 1962 „Do It Yourself“-Segelboote im Riesenformat vor rosa-weißen Wolkengebirgen nach „Malen-nach-Zahlen“-Art. Lichtensteins goldhaariges, rotlippiges „Shipboard girl“ von 1965 lockt als kalifornischer Traum im Stile von „Baywatch“ bereits vom Cover des Ausstellungskatalogs.

Augenfänger in der Hamburger Schau ist auch der teuerste deutsche Künstler der Gegenwart, der einen eigenen Raum bekommen hat: Gerhard Richter malte Ende der Sechziger seine ersten dräuenden Meeres-Großformate nach Urlaubsfotos. „Ich wollte es nur ein bisschen schöner machen, weil ich merkte, wie schwer es war, beides auf einmal zu erhalten, eine günstige Wasseroberfläche und einen schönen Himmel dazu,“ meinte Richter 2002 zu seinen suggestiven Symbiosen von Himmel und Meer.

Mehr noch faszinieren allerdings die tatsächlich fotografierten See-Impressionen von Hiroshi Sugimoto. Der in New York lebende Japaner versteht es, Meereslandschaften auf zarteste Hell-Dunkel-Nuancierungen und fast abstrakte Bildstrukturen zu reduzieren. Sugimotos „Seascapes“ voller Andacht im Stile östlicher Philosophie geben einen verblüffenden Kontrast zum Gewusel auf Massimo Vitalis übervölkerten Strandaufnahmen aus der vermeintlichen italienischen Urlaubsidylle Viareggio der Neunziger. Noch jünger die Kohlezeichnungen von Robert Longo, der gigantische Monsterwellen thematisiert, und auch die Fotoarbeiten von Allan Sekula zu den immer härteren Arbeitsbedingungen auf Containerschiffen. Auch die Engländerin Tacita Dean fahndet in „How to put a boat in a bottle“ nach menschlichen Schicksalen auf See.

Hamburger Kunsthalle, bis 19. September; Katalog (Hirmer-Verlag) 29 Euro.

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