Kunstbibliothek am Kulturforum : Die Ordnung der Dinge

Maß, Zahl und Gewicht: Die Kunstbibliothek wirft einen mathematischen Blick auf die Meisterwerke ihrer Sammlung.

Michael Zajonz

Architekten tragen Schwarz. Offenbar schon immer. Lorenzo Lotto, der venezianische Porträtist, malte um 1535 einen Baukünstler in Schwarz. Man hat vermutet, dass es sich um den Obertheoretiker Sebastiano Serlio handelt, oder um Jacopo Sansovino, dem die Piazzetta und die Piazza di San Marco ihr heutiges Gesicht verdanken. Sei’s drum: Lottos düster gewandeter Architekt präsentiert sich als Wissenschaftler. Als Mann der Regeln. Mit zusammengerollter Zeichnungsrolle unterm Arm und Zirkel in der Hand blickt er streng und prinzipientreu aus dem Bild, das normalerweise in der Berliner Gemäldegalerie hängt.

Lottos Architektenporträt gehört zu den wenigen Leihgaben der Ausstellung „Maß, Zahl und Gewicht“ der Berliner Kunstbibliothek. Zusammen mit Nachwuchswissenschaftlern vom Hermann- von-Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik der Berliner Humboldt-Universität entstand eine Präsentation, die die Architektursammlung der Kunstbibliothek – immerhin um die 50 000 Objekte – unter dem Oberthema Mathematik gegen den Strich bürstet.

Welchen Reichtum an Zeichnungen, bibliophilen Büchern, Druckgrafiken die „Kubi“ aus den klassischen Zeiten der Architekturtheorie zwischen dem 16. und frühen 19. Jahrhundert zu bieten hat, begeistert immer wieder. Die Kunstbibliothek als Forschungs- und Sammlungsinstitut entstand unter diesem Namen erst Anfang der 1920er Jahre. Sie verfügt jedoch über mehrere im ausgehenden 18. und 19. Jahrhundert zusammengetragene Sammlungen gelehrter Künstler und Architekten, die weit über Kunst und Architektur hinausgehen. Eine singuläre Sammlung, der man häufiger den großen Auftritt wünschte.

Das Anliegen von „Maß, Zahl und Gewicht“ ist anspruchsvoll. Im Rahmen des Wissenschaftsjahrs 2008 „Mathematik – Alles, was zählt“ vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert, will die Ausstellung an die universale geistesgeschichtliche Dimension der Rechenkünste in der Baukunst erinnern. Und spannt den Bogen weit, allzu weit: von astrologischen Himmelskarten, in denen Albrecht Dürer im Zeitalter der Entdeckung neuer Hemisphären räumliches Ordnungsdenken in verbindliche Bilder goss, bis zu den Weltumarmungsgesten der Revolutionsarchitektur um 1800. Jedes für sich ein eigenes, komplexes Feld. In der Ausstellung, die sich zudem Themen wie der Perspektive, musikalischen Kompositionsprinzipien, Säulen- und Proportionslehren, der Baupraxis oder dem Festungsbau widmet, werden sie bestenfalls angetippt.

Der Ausstellungstitel ist der Bibel entlehnt. Im „Buch der Weisheit“ spricht Salomo zu Gott: „Du aber hast alles nach Maß, Zahl und Gewicht geordnet.“ Ein Satz, der auf die antike Begeisterung an logischen Ordnungen anspielt. Und der, als Lob des idealen Baumeisters, auch in Vitruvs „Zehn Büchern über Architektur“ stehen könnte, dem einzigen konzis überlieferten Architekturtraktat der Antike.

„Maß, Zahl und Gewicht“ hieß 1989 auch die große Ausstellung über „Mathematik als Schlüssel zu Weltverständnis und Weltbeherrschung“ der Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel. Schon 1984 hatte Ulrich Schütte dort seine Ausstellung „Architekt und Ingenieur. Baumeister in Krieg und Frieden“ präsentiert. Beides Meilensteine bei der Erforschung mathematischen Denkens in der Architektur der Neuzeit in Europa. Das voller Ehrgeiz vorgestellte Projekt der Kunstbibliothek kann den wissenschaftlichen Großtaten von damals bestenfalls ein paar interessante Details hinzufügen. Und jede Menge schöner Zeichnungen.

Kunstbibliothek am Kulturforum, bis 28. 9.; Di-Fr 10-18 Uhr, Sa/So 11-18 Uhr. Katalog 29,80 €, im Buchhandel 34,80 €.

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