Kunstforum : Werner Tübke: Der Heilige mit dem Pinsel

Staatskünstler und Ideologieverächter zugleich: Werner Tübke im Berliner Kunstforum.

Michael Zajonz
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Dem Zeitfluss entrissen. Kreuzigungsszene von 1987. Foto: Privatsammlung / VG Bildkunst 2009

Jesus liegt auf dem Rücken, Engel stürzen vom Himmel, auf Erden herrschen Mörder und Komödianten. Geschichte dreht sich im Kreis, und nur die Kunst verheißt Erlösung. Der Maler Werner Tübke, der im Juli 80 Jahre alt geworden wäre, hat der DDR den Totenschein gemalt. Bei der Eröffnung seines 1700 Quadratmeter großen Frankenhausener Panoramagemäldes über das revolutionäre Gemetzel zwischen Bauern und Fürsten anno 1525 sonnte sich die SED-Führung im September 1989 zum letzten Mal im Glanz ihrer Maler. Man fragt sich, wie viel Erich Honecker und seine Entourage damals wirklich gesehen und verstanden haben. Was Tübke da zwischen 1976 und 1987 in einem berserkerhaften Kraftakt an die Wand des Bad Frankenhausener Rundbaus gemalt hatte, ließ die Geschichtsklitterung der Partei im virtuosen Bilderrausch implodieren.

2,2 Millionen Besucher haben das Panorama seither gesehen, eine Abstimmung mit den Füßen für einen Maler, den der westliche Kunstbetrieb bis heute weitgehend ignoriert. Die letzte Retrospektive fand 1989 statt. Auch die aktuelle Überblicksausstellung aus dem Leipziger Museum der bildenden Künste wird in Berlin nicht in der Nationalgalerie gezeigt, wo sie fraglos hingehörte, sondern in abgespeckter Version im Kunstforum der Berliner Volksbank. Eine dritte Ausstellungsstation, so die Leiterin des Kunstforums Bärbel Mann, sei ebenso wie das Gastspiel in der Nationalgalerie am Desinteresse der Museumsleute gescheitert.

Auch im Kunstforum spürt man die Wucht, mit der dieses Werk überwältigt – und zugleich die Irritation angesichts von Tübkes altmeisterlichen Überspanntheiten. Mit der Frage, in welchem Jahrhundert er lebt, hat Tübke selbst gern kokettiert. Sie fiel ihm nach 1989 auf die Füße. Bis ins Todesjahr 2004 musste sich der Maler den Vorwurf gefallen lassen, zu den drei, vier besonders privilegierten Staatskünstlern der DDR gehört zu haben. Tatsächlich ist er ein Eigenbrötler und Ideologieverächter gewesen, der aus dem Prinzip formaler und inhaltlicher Verschlüsselung ein Instrument zum Selbstschutz gemacht hat.

Tübke balancierte auf schmalem Grat, war süchtig nach Schönheit und Tod und passte mit seiner Extravaganz so gar nicht ins sozialistische Einheitsgrau. Stilistisch widersetzen sich seine Bildideen bis heute jeder Schublade. Der Kosmos Tübke straft gängige Ostkunst-Klischees Lügen. Figürlich malte er ja, doch parteilich eindeutiger Realismus war seine Sache selbst in den 50er und 60er Jahren nicht, wo er tagespolitische Themen wie die Wiederbewaffnung der Bundeswehr oder den Volksaufstand in Ungarn anpackte. Andererseits war der Meistermaler über lange Lebensphasen hinweg opportunistisch genug, sich mit den Mächtigen einzulassen, nur um in Ruhe gelassen zu werden.

Rund 70 Gemälde bietet der Rundgang in der Rotunde der Berliner Volksbank, darunter Hauptwerke wie die Leipziger Fassung der „Lebenserinnerungen des Dr. jur. Schulze“ oder das nach der Scheidung von seiner ersten Frau 1977 entstandene juwelenhafte „Familienbildnis in sizilianischen Marionettenkostümen“ aus dem Fundus der Nachlass-Stiftung. Gleich daneben hängt übrigens ein „Selbstbildnis auf bulgarischer Ikone“; Tübke hat darin das Konterfei des Heiligen durch seine eigenen Züge ersetzt.

Wie viel Chuzpe besaß ein Maler, der sich auf Augenhöhe mit Tintoretto und El Greco wähnte? Im „Selbstbildnis mit Palette“ aus der Sammlung des Frankfurter Städel, entstanden nach der ersten Italienreise 1971, inszeniert sich Tübke als barocker Malerfürst, der aus dünner Luft auf uns hinabschaut. Auch in alten Filminterviews tritt der Mann als rhetorisch brillanter Angreifer und Vernebelungstaktiker auf. Sympathisch oder gar leutselig ist der Professor und zeitweilige Rektor der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst wohl nie gewesen. Zampanos vom Schlage eines Neo Rauch haben sich viel von ihm abgeschaut.

Semantisch nimmt die Bildkunst von Tübke, der schon früh erklärte, die lineare Zeitachse vom Gestern ins Morgen sei für ihn „nicht nur perforiert, sondern im Grunde nicht existent“, das Collageprinzip der Postmoderne vorweg. Mit dem bedeutenden Unterschied, dass Tübke nicht massenmedialen Bildvorlagen, sondern allein den eigenen Augen traut. Für ihn war das Reiseprivileg – stetes Druckmittel der Staatsmacht gegenüber ihren Künstlern – überlebenswichtig. Nur vor den wandgroßen Originalen in Rom, Florenz, Venedig oder Madrid war der heilsame Schock der Begegnung mit den Alten Meistern möglich. Fuhr Tübke nach Spanien, malte er hinterher morbide wie Velasquez – bis zum nächsten Fundamentalerlebnis.

Nach 1989 hat Tübke noch zwei Großaufträge angenommen, die sein Oeuvre panoramagleich runden, schließen und entgrenzen. Im Auftrag der Evangelischen Landeskirche Hannover malte er für die Kirche St. Salvatoris in Clausthal-Zellerfeld im Harz das Retabel für den Hochaltar. Die lebenslange künstlerische Beschäftigung mit christlichen Bildthemen mündete in einer Arbeit, die endlich in einem religiösen statt im musealen Kontext steht. Zuvor hatte Tübke für eine Bonner Freischütz-Inszenierung gleich einen ganzen Reigen von Bühnenbildern entworfen: seine erste und zugleich letzte Arbeit für die Bühne. Der Maler des Welttheaters ist schließlich zur großen Oper vorgestoßen. Eigentlich war es eine Heimkehr.

Kunstforum der Berliner Volksbank, Budapester Straße 35, bis 3. 1. 2010. Katalog (E. A. Seemann Verlag) 29,90 Euro.

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