Kunsthalle Berlin : Schmetterling im Sand

Erster Spatenstich: Die Temporäre Kunsthalle Berlin wird endlich gebaut. In zwei Monaten soll die zweckmäßige Kiste auf einer Grundfläche von 20 mal 56,25 Metern stehen, bei einer Höhe von 11 Metern.

Nicola Kuhn
Schlossplatz
Auf dem Schlossplatz soll im Oktober die neue Kunsthalle eröffnen. -Foto: ddp

Die Kulisse ist spektakulär. Wer sich auf dem sandigen Baugrund einmal um die eigene Achse dreht, der hat die wichtigsten Bauten Berlins im Panoramablick: Dom, Zeughaus, Bauakademie, ehemalige Kommandantur und Staatsratsgebäude, Friedrichswerdersche Kirche, Marstall und die Reste vom Palast der Republik. Und genau an diesem Punkt, gleich neben dem Spreekanal, mit der schönen Adresse Schlossfreiheit Nr. 1, soll sie entstehen, die Temporäre Kunsthalle Berlin. Womit die zeitgenössische Kunst „made in Berlin“ endlich auch real an dem Ort angekommen ist, an dem sie sich schon lange wähnt – im Zentrum des Geschehens. Auf dem ganzen Globus stellen in Berlin arbeitende Künstler aus, nur nicht da, wo sie leben.

Kein Wunder, dass die Organisatoren das Wort vom „historischen Moment“ gerne im Munde führen, zumal beim gestrigen ersten Spatenstich. Sportlich rammten der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit, Constanze Kleiner als Geschäftsführerin der Kunsthalle sowie Volker Hassemer von der Stiftung Zukunft Berlin mit dem Wiener Architekten Adolf Krischanitz ihre Schaufeln in den Sand und ließen eine immense Staubwolke aufwirbeln. Das hatte fast schon etwas von einer Kunstaktion.

Der Anfang ist gemacht, in zwei Monaten soll die zweckmäßige Kiste auf einer Grundfläche von 20 mal 56,25 Metern stehen, bei einer Höhe von 11 Metern. Im September werden Fassadenkletterer die gepixelte Wolke des österreichischen Künstlers Gerwald Rockenschaub als Riesenbild auf die Außenwand malen. Das hat natürlich einen hoch symbolischen Gehalt, als Anspielung auf einen Satz des Philosophen Ludwig Wittgenstein. „Eine Wolke kann man nicht bauen,“ hat er einmal gesagt. Die Berliner Kunsthallen-Initiatoren treten mit dem ersten Spatenstich den Gegenbeweis an. Ihr Wunschgebilde wird nun Wirklichkeit. Im Oktober schon wollen sie hier die erste Ausstellung mit der südafrikanischen Videokünstlerin Candice Breitz präsentieren.

Bei der auf den ersten Spatenstich folgenden Pressekonferenz im Zeughaus-Kino formulierte die neue kuratorische Managerin Angela Rosenberg ihr Erstaunen über dieses plötzliche Tempo nach zwei langen Jahren der Vorbereitungszeit: „Das geht jetzt Schlag auf Schlag.“ Schon sind für 2009 die nächsten beiden Ausstellungen geplant mit der Malerin Katharina Grosse und dem amerikanisch-kubanischen Künstlerpaar Jennifer Allora & Guillermo Calzadilla. Weitere Projekte für die insgesamt zweijährige Laufzeit wurden noch nicht genannt, auch nicht der Künstler, der als Zweiter die Außenhaut des Baus gestalten darf. Denn diese soll die Farbe wechseln können wie ein Chamäleon.

Die Bezeichnung temporär stehe für den „Laborcharakter“ des Unternehmens, seine „Flexibilität als Kommunikationsraum“, so Rosenberg. Der Charakter des Experimentellen gilt allerdings auch für die Geschäftsbedingungen. Nachdem der Berliner Kunstsammler und Mäzen Dieter Rosenkranz 950 000 Euro für die Errichtung der Hülle bereitgestellt hat, muss nun die Kunsthallen-GmbH die laufenden Kosten stemmen – durch Pachtverträge mit dem Café-Betreiber und der Buchhandlung Walther König, Eintrittsgelder und Sponsoren, zu denen auch der Unternehmensberater McKinsey zählt.

Auf einem der begehrtesten Stückchen Land der Republik, in der kurzen Zeitspanne bis zum Baubeginn des HumboldtForums, wird auf privat finanzierter Basis das Wagnis Kunsthalle eingegangen, nicht zuletzt als Probelauf für eine bleibende Institution. Der Architekt Adolf Krischanitz fand dafür ein poetisches Bild. Er nannte seinen Kubus einen Pavillon, ein Begriff, der von papillon – Schmetterling – komme. Ein solcher Schmetterling sei eine traumartige Erscheinung, so Krischanitz, die sich zwar am falschen Ort niederlasse, aber dadurch erst beim Betrachter das richtige Bewusstsein wecke – eben für die dauerhafte Installation einer Kunsthalle.

Bislang stehen auf der Baustelle nur vier knallrote Container übereinander gestapelt, mit großem Hinweisschild. Das erinnert an die einstige Infobox am Potsdamer Platz, damals, als dort noch alles Baustelle war und man sich, die Zukunft imaginierend, einmal um sich selbst drehte.

Informationen unter www.kunsthalle-berlin.com

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