Kunsthistorischer Exkurs : Die Kunst, die aus der Kommune kam

"Utopia matters": Die Deutsche Guggenheim Berlin stellt Künstlergemeinschaften vor.

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Zwei Mal schöne Männer, splitterfasernackt, nur Sandalen an den Füßen. Zwei Mal hauchen sie ihr Leben aus. Im Gemälde des französischen Malers Jean Broc hält Apoll den unseligen Hyazinth in den Armen, dem er eifersüchtig zuvor eine Diskusscheibe an den Kopf geschleudert hat (1801). Bei Jean-Pierre Franque stützt Angelique ihren Geliebten Médor, auf dessen Brust eine Wunde klafft (um 1816). Zwei Mal das Motiv Tod, zu Beginn der Ausstellung. Das kann kein gutes Ende nehmen. Auch die Bruderschaften, in denen sich Künstler immer wieder als Gegenmodell zur Gesellschaft zusammenschlossen, brachen schnell auseinander.

Jean Broc und Jean-Pierre Franque hatten sich Ende des 18. Jahrhunderts mit anderen Malern in einem Nonnenkloster nahe Paris zurückgezogen. Dort frönten sie in ihren Bildern dem italienischen Quattrocento und modulierten erotische Figuren mit weichen Linien, statt den harten Vorgaben des Klassizismus zu folgen. Sterben ist auf ihren Gemälden ein ästhetischer Genuss. Die Mitglieder der Gruppe, Schüler von Jacques-Louis David, trugen Bart, kleideten sich in wallende Gewänder und verzichteten auf Fleisch. Als „Les Primitifs“ oder „Les Barbus“ (die Bärtigen) gingen sie in die Kunstgeschichte ein.

Doch lange hielt es die Schar nicht beieinander aus. Ihr Zusammenleben blieb dennoch ein Modell, ein Vorbild: Wenig später gründeten sich in Wien die Nazarener, die mittelalterliche Kunst und deren Zünfte nachahmten. Immer wieder hat es seit der französischen Revolution solche Lebensgemeinschaften unter Künstlern gegeben. Wer, wenn nicht sie, sollte den utopischen Traum einer besseren Gesellschaft wagen.

„Utopia matters“ ist die 50. Ausstellung in der Deutschen Guggenheim überschrieben, ein erlesener kunsthistorischer Exkurs, zugleich ein Signal für die Zukunft. Neun Bruderschaften stellt Vivien Greene vor, die Kuratorin des New Yorker Guggenheim-Museums. 130 Jahre Kunstgeschichte passieren Revue, das Jahr 1933 und die Auflösung des Bauhauses setzen den Schlusspunkt. Was bei den Künstlern des 19. Jahrhunderts als verklärender Blick in die Vergangenheit begann, wo man ein besseres Dasein wähnte, führte im 20. Jahrhundert mit De Stijl und Konstruktivismus umgekehrt in eine nüchtern rechtwinklige Zukunft. Das Neue musste es sein. Allen Gruppen gemeinsam ist jedoch der allumfassende Anspruch, der Versuch, Kunst und Leben zu vereinen.

Darin besteht die besondere Qualität der 80 Werke umfassenden Schau: Sie verknüpft nicht nur künstlerische Bewegungen über eine große zeitliche und räumliche Distanz, sondern vereint unterschiedlichste Gattungen: Malerei, Skulptur, Fotografie, Möbeldesign, Buchdruck, Tapetenentwürfe.

Der Besucher kann die Linie weiter in die Gegenwart verlängern. Das Comeback der Sixties brachte erst zuletzt die Kommunen wieder in Erinnerung, ihre in alle Sphären des Alltags diffundierende Idee vom selbstbestimmten, freien Leben, das von der Gestaltung eines Plattencovers bis zur Mode reichen kann. Nicht von ungefähr stammt die Idee zur Ausstellung aus den USA, wo Barack Obamas Wahl zu neuen Hoffnungen für alle Anlass gab, zu Hoffnungen auf eine bessere Zukunft.

So erzählt die Ausstellung zwar vompermanenten Scheitern der künstlerischen Gemeinschaften und der Unerreichbarkeit ihrer Ideale. Gleichwohl gingen von allen wichtige Impulse aus. Als letztes Jahr der 100. Geburtstag des Bauhauses gefeiert wurde, wurde vielen zum ersten Mal klar, was dieser Schule alles zu verdanken ist. „Utopia matters“ stellt mit wenigen Beispielen die Verbindung zur britischen Arts-and-Crafts-Bewegung noch im 19. Jahrhundert und den Konstruktivisten her. Unversehens liegen eine Stickerei aus der Manufaktur von William Morris, ein Vorhang der Bauhäuslerin Anni Albers und ein Stoffentwurf von Ljubow Popowa nicht mehr so weit auseinander. Dass ihre Arbeiten zu exklusiven Objekten für wohlhabendere Schichten wurden, steht auf einem anderen Blatt.

Dt. Guggenheim, Unter den Linden 13/15, bis 11. 4.; tägl. 10-20 Uhr. Katalog 32 €.

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