Kunstinstallation : Ordnung der Undinge

Wegträger und Sammler: Georges Adéagbo macht Kunst aus Müll. In Berlin entsteht jetzt seine neueste Installation.

Daniel Völzke

BerlinEs ist eine bewegende, märchenhafte Geschichte. Sie erzählt sich über Gegenstände, die andere weggeworfen hätten. Einer abgewetzten Taschenbibel, schwarz mit schimmerndem Kreuz auf dem ledernen Umschlag; einer rotbraunen, dreist grinsenden Keramiksonne aus irgendeinem deutschen Vorgarten; einer blauen, leeren „Baltika“-Bierdose mit kyrillischen Buchstaben. Vielleicht müsste man mit einem goldenen Schlüssel anfangen. Kein echter, nur ein Pappflyer in Schlüsselform, der für einen Schlüsseldienst wirbt. Noch liegt er auf dem Asphalt. Georges Adéagbo kommt vorbei, hebt ihn auf und steckt ihn in die Tasche.

„Tout de moi à tous” – Alles von mir an alle. So nennt sich die Ausstellung des westafrikanischen Künstlers in der Daad-Galerie. Hier sind sie gelandet, die Bibel, die Sonne, die Dose, geborgen aus dem Berliner Alltag. Nun sind sie Teil einer die ganze Galerie einnehmenden Installation, gemeinsam mit hunderten anderen Ausstellungsstücken: handschriftliche Notizen, Bücher, Werbetafeln, DVDs, Schallplatten, Flyer, Magazincover, Poster. Und hier könnte auch der goldene Schlüssel landen. Ein Stück Pappe, das vorgibt ein Schlüssel zu sein, ein Schlüssel, der vorgibt, wertloser Müll zu sein, wertloser Müll, der vorgibt Kunst zu sein. Adéagbo interessiert sich für solche Verwandlungen. Er selbst wurde dafür einst in Benin von der eigenen Familie für verrückt gehalten und wegen seiner Installationen in die Psychiatrie gebracht. Heute ist er ein gefeierter Künstler.

Seit fast dreißig Jahren ordnet der 1942 im damaligen Königreich Dahomey geborene Afrikaner in riesigen Bodeninstallationen Zeitungsausschnitte, traditionelle afrikanische Kunst, Bücher und Dinge an, Dinge, die ihn irgendwie faszinieren. „Installationen“, so nannten das irgendwann in den neunziger Jahren Leute jenseits von Afrika, die sich plötzlich für diese Arbeiten interessierten. Anfang der Siebziger waren diese damals belächelten Arrangements im Hof des Adéagbo-Wohnhauses Ausdruck eines individuellen Willens. Ein Versuch, sich verständlich zu machen und zu verstehen. Die Familien der Eltern bekämpften sich, Vater und Mutter stritten selbst unentwegt miteinander – Georges Adéagbo fühlte sich schon als Kind zwischen Fronten als Vermittler.

Diese Rolle hat er bis heute nicht abgelegt: In seinen Arbeiten beschäftigt er sich stets mit der Frage, wie Konflikte entstehen. „Wer bin ich, in welcher Situation befinde ich mich?“ Darum gehe es hier, sagt Adéagbo, der nun nach seinem Spaziergang rund um den Checkpoint Charlie angekommen ist in der Galerie, „in seinem Laden“, wie er scherzhaft meint. Eine Ausgabe von „Le Monde“ hat der Bilderjäger gekauft und zerschneidet sie sofort. „Es geht um die Geheimnisse, die einen Menschen umgeben.“ Die großen Fragen werden bei Adéagbo von kleinen Gegenständen beantwortet. Man mag an Animismus denken, den Glauben an die Beseeltheit der Dinge, Tiere, Pflanzen, ein Glaube, der in Westafrika weit verbreitet ist. Vielleicht ist es aber auch einfach Adéagbos Fähigkeit, Sachen zusammenzudenken, die man eigentlich nur getrennt wahrnimmt.

So redet er auch. Gleitet von einem Thema zum nächsten, scheinbar ohne Zusammenhang. Von der Familienfehde geht es zu den französischen Präsidentschaftswahlen, von dem verlogen-exotischen Afrikabild der Europäer zur christlichen Ikonografie, die er nicht begreife. Je weniger man versteht, desto eindringlicher spricht Adéagbo. An seinen Handgelenken rasseln Ketten und Armreifen, wenn er gestikuliert. Es liegt etwas Ergreifendes in diesem Vertrauen auf die Kommunikation, auf das Verstehen, über alle kulturelle Grenzen hinweg.

Dieses gewaltige Vertrauen strahlen auch die Arbeiten aus, die trotz der Suggestion, das alles mit allem zusammenhängt, nichts Paranoides haben. Der Blick wandert von in Rahmen gepressten Socken zu einer Ausgabe des „Landser“ über Postkartenidyllen und lächerlichen Klischeebildern Afrikas zu Holzpaneelen, auf denen ein Schildermaler aus Benin „Spiegel“-Cover abgemalt hat. Wie die Umkehrung einer kolonialen Wunderkammer wirkt diese Anordnung. Besonders die Vitrinen, die der Künstler neuerdings benutzt, erinnern an museale Präsentationsformen. Seit Adéagbo im September für sein Daad-Stipendium nach Berlin gekommen ist, füllt er die Schaukästen, sammelt, kauft, schaut, staunt.

Diese Offenheit für das Andere hat er sich bewahrt, seit er als junger Mann in Frankreich studierte, dort mit einer Französin verlobt war, die Studentenproteste im Mai ’68 miterlebte (missbilligend, da sie ihn am Lernen hinderten) und vor einer Karriere stand. Diese Offenheit verteidigte er gegen seine Familie, die ihn nach dem Tod seines Vaters ins Elternhaus holte und zum Bleiben zwang. Und es war diese Offenheit, die über zwanzig Jahre später einen französischen Kurator begeisterte, der zufällig auf den Hof der Familie kam, eine seiner Installationen entdeckte und die aschenputtelhafte Verwandlung des Sonderlings zum Künstler auslöste. Kein Zufall, sondern Vorbestimmung sei das gewesen, ist sich der Beniner sicher.

Kein Zufall war es sicherlich, dass Adéagbo in den Neunzigern bekannt wurde, als das Interesse am postkolonialistischen Diskurs zunahm. Adéagbo wurde am Rande der Biennale in Venedig ausgezeichnet, nahm an Gruppenausstellungen teil, an der Documenta 11, präsentierte „seinen Laden“ im New Yorker P.S. 1.

Georges Adéagbo, heute 65 Jahre alt, sieht nun doch noch die Welt. Wer weiß, ob sie ihn versteht, wenn er sich wieder „mit allem an alle“ wendet. Aber sie hört zumindest zu. So müssen Märchen enden.

„Tout de moi à tous”: daadgalerie, Zimmerstr. 90/91, Berlin-Mitte, bis 25. August. Täglich 11-18 Uhr, So geschlossen

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