Kunstmesse Turin : An der Autobahn

Turins Artissima öffnet den Blick für Kunst aus Asien und Osteuropa. Die Messe funktioniert aber auch sonst etwas anders als gewohnt.

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Thomas Scheibitz: "Rock" (2013)
Thomas Scheibitz: "Rock" (2013)Foto: Studio Thomas Scheibitz

Für seinen Auftritt nutzt der junge italienische Künstler Nico Vascellari eine Lücke im brausenden Verkehr der Stadtautobahn, setzt sich auf die Mittelleitplanke unter dem Messegelände und verharrt eine gefühlte Ewigkeit. Sichtlich erleichtert verlässt er seinen riskanten Sitzplatz, als der Autostrom einen Moment abreißt. Die erschreckendste Erkenntnis dieser Aktion zur Eröffnung der Turiner Artissima war die weitgehende Gleichgültigkeit der Verkehrsteilnehmer angesichts der lebensgefährlichen Situation. Der Rest des Programms jener Kunstmesse, die diesmal auf ihr neues Format „Per4m“ setzt, findet leider in der Halle statt und erinnert in seiner Beliebigkeit an jenen marodierenden Wanderzirkus, der schon auf der Frieze genervt hat. Hier hat die Artissima eine Chance vertan. Das erstaunt, hat sie doch zuvor mit der Abteilung „Back to the Future“ ein Format geschaffen, dass sogar von der Art Basel nachgeahmt wird.

Auch aktuell ist die Kunst vergangener Jahrzehnte der Prüfstein, an dem sich jüngere Generationen messen müssen. Das funktioniert allerdings ebenso in umgekehrter Richtung. Manche Position aus der zweiten Reihe liefert im Kontext die Rechtfertigung für die damalige Bewertung. Andererseits sind unter den Altvorderen noch echte Entdeckungen zu machen: Grazia Varisco ist die letzte Überlebende der Gruppo T, einem italienischen Zero-Zweig. Schon Ende der 50er-Jahre schuf sie nicht nur kinetische Objekte, sondern auch partizipative Werke wie eine schwarze Metalloberfläche, auf der der Betrachter Tischtennisbälle mittels Magneten selbst arrangieren kann. Im schon seit Jahren heißlaufenden Markt für italienische Nachkriegskunst steht Varisco noch am Anfang ihrer späten Marktkarriere. Vor drei oder fünf Jahren hätten ihre Werke nicht einmal 5000 Euro gekostet, erzählt ihr Galerist Gianfranco Composti von Ca' di Fra’ aus Mailand. Mittlerweile kann er bis 70 000 Euro verlangen, noch immer ein Bruchteil der Preise ihrer berühmten Mitstreiter.

Die Entsprechung zur historischen Sektion will „Present Future“ sein, eine kompakte Präsentation von 20 jungen Künstlern. Vielleicht ist es ein Trend oder gehorcht auch nur den Vorlieben der Kuratoren: Es fällt auf, wie sehr diese jungen Künstler gesellschaftlichen Fragen und der Lebenswirklichkeit mit künstlerischen Mitteln zu Leibe rücken. Ein Grund könnte sein, dass die Hälfte der Positionen aus Asien, Lateinamerika oder Osteuropa kommt. Der frische Gesamteindruck setzt sich bei den 19 „New Entries“ fort, wo wiederum Galerien aus Lateinamerika und Osteuropa vertreten sind. Möglicherweise rücken gerade diese Regionen zurzeit in den Fokus, weil es in ihren Szenen noch weniger marktorientiert zugeht.

Ohne den Markt geht es wiederum auch nicht. In diesem Punkt kann die als verkaufsschwach geltende Artissima davon profitieren, dass es diesseits der Höchstpreise zurzeit kaum irgendwo gut läuft. Ihr Vorteil ist die Verlässlichkeit der italienischen Sammler. „Das sind meine treuesten Kunden“, erklärt Luise Nagel von der Produzentengalerie (Hamburg/Berlin). Ähnlich, wie man es den Belgiern nachsagt, wären die Italiener keine Impulskäufer, von denen man später nie wieder höre, sondern folgten den Künstlern und ihrer Galerie. Entsprechend entspannt ist die Stimmung und die hektische Jagd wie auf den Top-Messen unbekannt.

Das Geschäft läuft langsam an; der zweite Tag scheint für viele Aussteller der bessere. Aber das kennen die Galeristen schon. Anlass zur Kritik ist beinahe unisono das Begleitprogramm, das in diesem Jahr etwas dürftig ausfällt. Es wird einzig von Maurizio Cattelans Schau „Shit and Die“ im Palazzo Cavour herausgerissen, die spektakulär und erwartungsgemäß kontrovers ist.
Artissima, Turin, bis 9.11.

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