Kunstmuseum Cottbus : Märkische Akte

Zwei Maler, zwei Bildhauer und was sie verbindet: Das Kunstmuseum Cottbus zeigt vier DDR-Künstler und ihren Bezug zum Land Brandenburg.

Michael Zajonz

Von Bernhard Heisig wird der Satz kolportiert, man müsse das Flachland aushalten. Was also bringt den großen, 1925 in Breslau geborenen Figurenmaler, der ein halbes Jahrhundert in Leipzig verbracht hat, bei so viel vitaler Skepsis dazu, seinen Alterssitz weit draußen im Brandenburgischen aufzuschlagen? Oder die ostdeutschen Künstlerkollegen Harald Metzkes, Wieland Förster und Werner Stötzer, teils schon seit Jahrzehnten Brandenburger, denen das Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus unter dem Titel „Im Land Brandenburg“ nun zusammen mit Heisig eine schlichtweg großartige Sommerausstellung widmet?

Zwei Maler, zwei Bildhauer: ein Gipfeltreffen von vier jung gebliebenen Altmeistern. Herren um die 80, die mit Chuzpe dem Zeitgeist trotzen. Sie machen tolle, völlig untrendige Kunst, doch sind ganz sicher weder Aussteiger noch Raumpioniere, wie alternative Neusiedler in ostdeutschen Landen neuerdings genannt werden – obwohl klassische Aussteigermotive bei der Lebensplanung durchaus eine Rolle spielen. „Bin richtig glücklich in der märkischen Landschaft. Landschaft – dieses Wort denke ich mit Freude und Ergriffenheit –, lebendige Stille, stoffliche Weite und große Vielfalt“, notiert Förster 1973 in sein Tagebuch. Und Heisig gibt im selben Jahr die Frage zu Protokoll: „Wo soll ich mich sonst aufladen, als vor der Natur?“

Bleibt also die Frage, was im Werk sichtbar wird vom Leben und Arbeiten auf dem Lande? Um es vorwegzunehmen: Als Thesenausstellung ist die von Jörg Sperling kuratierte Präsentation von 41 Gemälden und 26 Skulpturen gescheitert. Es existiert kein Davor und Danach, keine Stadt- und keine Landphase, auch wenn es von den Malern ein paar – eher zweitrangige – Landschaftsbilder zu sehen gibt oder der Bildhauer Förster von der „Verlandschaftung“ seiner Skulpturen spricht. Die Weltsicht dieser Künstler ist anspruchsvoll genug, um einen Wohnortwechsel auszuhalten. Die eigentlichen Abenteuer, meint der alte Heisig, finden sowieso im Kopf statt.

Prägender wurden zweifellos das gesellschaftliche und ideologische Binnenklima der DDR sowie ihr plötzliches Ende, die, trotz unterschiedlicher Karrierewege und Bewältigungsstrategien, ihre Spuren hinterlassen haben. Überdeutlich buchstabiert das Heisig mit seinem Wendebild „Der verbrauchte Ikarus“ durch. „Du stirbst für Dich“, „Deine Leistung wird Dir gestrichen“ und „Es wird Dir nicht zugesehen“ schrieb der enttäuschte Malerfürst, dem damals sein Reich abhandenzukommen drohte, mit dicken Lettern ins Bild. Ein Absturz, auch persönlich.

Im Rückblick 20 Jahre nach der Wende überwiegen bei Heisig zum Glück die Kontinuitäten: seine biografisch aufgeladene Geschichtsmalerei, die das traumatische Kriegserlebnis so kunstvoll wie schreckensreich ins historische Weltenpanorama einbaut. Eine Freude, zwei gleichrangige Bilder wie das „Preußische Stillleben“ mit Pickelhaube von 1983 und die Friedrich-Paraphrase „Der Große König“ von 2008 nebeneinander zu erleben.

Bei den Theaterinterieurs, Stadtlandschaften und bizarren Dorfszenerien von Harald Metzkes steckt das Politische hingegen in der konsequenten Absenz von Politik. Metzkes hat, wohl auch aus Selbstschutz, das Anti-Zeitgeistige kultiviert. In seiner malerischen Delikatesse changiert der langjährige Wahl-Berliner aus Bautzen, der erst 1993 vom Kollwitzplatz aufs Land gezogen ist, zwischen spätem Watteau und frühem Baselitz. Mit so komplexen Figuren- und Gesellschaftsbildern wie „Frühstück zu dritt“ (2003) besetzt er hierzulande eine Nische. In einem Land wie Großbritannien würde er damit wohl ein Star wie Lucien Freud.

Wieland Förster arbeitet sich – wie sein Kollege Werner Stötzer – an der menschlichen Figur ab. In oft kleinformatigen Akten feiern gespannte Oberflächen sinnliche Momente, während das Auge beim Bronzetorso „Marsyas – Jahrhundertbilanz“ von 1999 am rauen, geschundenen Fleisch hängen bleibt. Ein Körper in Auflösung. Bekannt wurde Förster auch für seine Büsten. Ein frühes Selbstporträt, die Tochter Eva sowie das konzentrierte Lauschen des Dirigenten Hartmut Haenchen bezeugen die Zeitgenossenschaft dieser beinahe ausgestorbenen Kunstgattung.

Werner Stötzers Frauenakte kommen elementarer und gebauter daher als Försters Bronzen. Es sind meist imponierende Sand- und Kalksteine oder Marmorblöcke, denen der Thüringer zu Leibe rückt. Lässig liegt „Die Oder“ (2005–2008) da und erfreut sich und uns an ihrer Leiblichkeit. Handwerkliches Maßnehmen am Sichtbaren: voller Ehrfurcht, voller Kraft. Das ist anrührend altmodisch. Und trotzdem so originell und frisch, als müsste es immer so weitergehen mit dem Realismus der alten Männer: auf diesem Niveau.

Im schicken Foyer des Kunstmuseums Dieselkraftwerk bewachen zwei archaische Stelen aus Sandstein, Stötzers 2008 mit 77 Jahren fertiggestelltes „Märkisches Tor“, den Eingang zur Ausstellung. Und laden ein zur Landpartie. Auf nach Cottbus.

Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus, bis 4. Oktober. Der Katalog (be.braVerlag) kostet 12,90 Euro.

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