Kunstmuseum Wolfsburg : Der Blick durchs Schlüsselloch

"Interieur. Exterieur“: Eine große Wolfsburger Ausstellung inszeniert das Verhältnis zwischen Wohnen und Kunst.

Nicola Kuhn
kunstmuseum wolfsburg
Wohnst du noch, oder lebst du schon? Auch das ist Ikea, aus den sechziger Jahren. Ein Musterzimmer des Firmenmuseums, fotografiert...Foto: Katalog

Derzeit machen Modetipps der ungewöhnlichen Art die Runde in Zeitschriften und Internetblogs: Wie kann sich die Fashionista in Zeiten größter Sparsamkeit noch passabel kleiden? Angesichts der Finanzkrise dürften auch feinere Einrichtungshäuser und Wohnmagazine bald nachziehen und Tips für schmalere Budgets abgeben. Wie schön, dass das Wolfsburger Kunstmuseum schon mal die passende Ausstellung zur aktuellen Unwägbarkeit präsentiert: „Interieur. Exterieur. Wohnen in der Kunst“. Mal karg, mal üppig, mal dem Umraum aufgeschlossen, mal nach innen gewandt – querbeet geht es durch die Epochen, mit Inspirationen für die neue Strenge und Räumen für luxuriöse alte Träume.

Wie Alice im Wunderland bewegt sich der Besucher, der sich mal auf der Flokatilandschaft von Eero Aamino lümmeln oder auf einen Barcelona-Chair von Mies van der Rohe setzen darf, in der großen Halle durch zwölf Ausstellungskapitel. Ein Schlingerkurs. Auf die Geradlinigkeit von Bauhaus und klassischer Moderne folgt der Plüsch der Nachkriegszeit, auf die Kuschelhöhlen der Hippiegeneration das minimalistische Design der Siebziger. Verwirrend aber, wie Kunst hier Wohnideen bloß veranschaulicht. Zwar entstehen Kunst und Design in verwandten geistigen Räumen; in beiden reflektiert sich die mentale Verfassung einer Zeit. Aber in Wolfsburg wird die Kunst platt zur Illustration benutzt. Und das bekommt beiden nicht: weder den Bildern und Skulpturen noch dem Mobiliar. Was beim Besuch einer Sammlerwohnung oder in einem Architektenhaushalt Interesse erweckt – die individuelle Zusammenstellung, die Persönlichkeit des Bewohners –, ist hier regelrecht exorziert. Die Kunst wirkt schlecht hingestellt, das Wohnen lieblos vorgeführt.

Dabei ist das Konzept ehrgeizig genug. Der neue Direktor, Markus Brüderlin, forscht auch mit seiner dritten Großausstellung – nach „ArchiSkulptur“ und „Japan und der Westen“ – nach der Moderne im 21. Jahrhundert. Der Schweizer Museumsmann will dieses Projekt partout nicht verloren geben; für ihn bietet die Moderne gerade in Zeiten der Globalisierung Halt. Und nirgendwo lässt sich die Sehnsucht nach Sicherheit besser ablesen als im Interieurdesign.

Kosmos oder Cocooning? Dieser Gegensatz bestimmt den Parcours. Den Anfang machen zwei Gemälde der Romantik: In Caspar David Friedrichs „Böhmische Landschaft“ stülpt sich die Seele in den Außenraum, und Georg Friedrich Kerstings junge Frau am Stickrahmen gilt als Symbolfigur der neuen Innerlichkeit. Und nach fast 200 Jahren Zeitenlauf steht ein Modell von Werner Sobeks gläserner Zelle: Der acht Meter große Wohn ellipsoid kann sich überall niederlassen – für den Liebhaber häuslicher Behaglichkeit eine Schreckensvision weltum armenden Lebens. Keine Wand, nirgends. Nur noch freie Sicht.

Dabei kann sich Schrecken, man weiß es, auch in der kleinsten Kammer verbergen; so verraten es die Bilder von Edvard Munch und Félix Valloton, in denen der Salon zur Bühne des bürgerlichen Dramas wird. Um die Jahrhundertwende erlebte die Interieurmalerei einen echten Boom. Sogar Sigmund Freud erweist die Ausstellung ihre Reverenz, indem sie Robert Longos Kohlezeichnungen aus dem Freud’schen Behandlungszimmer oder Hans Holleins vergoldete Miniaturkopie von Couch und Sessel zeigt.

Sag mir, wie Du wohnst, und ich sage Dir, wer Du bist, raunt es aus allen Räumen. Herlinde Koelbl hat mit ihrer Schlafzimmer-Serie den Blick durchs Schlüsselloch der Deutschen systematisiert. Der Traum vom trauten Heim findet sich auch in den von Miriam Backström fotografierten Ikea-Interieurs von den fünfziger bis zu den achtziger Jahren. Die schöne neue Welt ist spießig klein, was die hinzugestellten Puppenstuben umso mehr betonen. Vis-à-vis hängt die Nierentisch-Malerei des Berliner Künstlers Anton Henning und ein Triptychon von Almut Heise, das den Sechziger-Jahre Schick ins Hyperrealistische treibt.

Gerade in dieser Unentschiedenheit aber steckt das Problem. Die Ausstellungsmacher wollten keine kulturhistorische Schau, andererseits vertrauen sie auch der Kunst nicht. Kuratorin Annelie Lütgens zieht sich elegant auf den Begriff der „Essaysammlung“ zurück, doch geht ein solcher Blick auf Kosten der Tiefenschärfe. So beschert das Wolfsburger Allerlei eher Konfusion denn Erkenntnis. Die Inszenierungen übertönen sich.

Ein regelrechter Auffahrunfall passiert gar mit Tobias Rehbergers „Öffentlichem Platz für eine geschlossene Anstalt“. In seinem Brunnen mit vier Sitzgelegenheiten zeigt sich am deutlichsten die wachsende Verloungisierung der Museen, die Verkunstung des Wohnens. Doch die „verhinderten Skulpturen“, wie er sie nennt, haben einen eingebauten Fehler: Nur als umgestürzte Objekte bieten sie die Möglichkeit, Platz zu nehmen. Rehberger will ästhetisch intelligentes Wohnen als Künstler praktisch umsetzen und kracht mit seinen windschiefen, bunt bemalten Gestängen geradewegs in Andrea Zittels direkt danebenstehende „Cellular Compartment Unit“. Die amerikanische Ambient-Künstlerin hat ihre spartanische Wohneinheit für einen asiatischen Benutzer entwickelt: schmale Kisten zum Schlafen – und für die Teezeremonie ein Steingarten auf dem Dach.

Too much: Das Gefühl von Übelkeit lindert da, wer hätte das gedacht, erst wieder die Wolfsburger Innenstadt, die trostlose Porschestraße, in der sich eine Ladenkiste an die andere reiht. Damals hatte die Moderne noch eine klare Botschaft: Häuser für alle.

Kunstmuseum Wolfsburg, bis 13. April. Katalog 39 €.

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