Kunstprojekt : Menschen am Schnürchen

Die Kunstwelt schaut diesen Sommer nach Kassel – und nach Münster. Dort hat der Brite Mark Wallinger einen langen Faden gesponnen und so fremde Wohnungen miteinander verbunden.

Constanze von Bullion
Mark Wallinger
Mark Wallinger: Zone. -Foto: Roman Ostojic/sp07

Es ist natürlich nicht das Gleiche, ob die Menschen einander verbunden sind oder miteinander. In Münster zum Beispiel verknüpft eine Strippe Lebenswelten, die einander so fremd sind, als lägen sie auf verschiedenen Planeten.

Da ist der Haushalt der Beate Wethkamp, die bei sich selbst daheim ist und gern mal allein.

Da ist der Salon des Dieter Sieger, der zu allem, was er besitzt, jetzt noch Zeit dazu kriegt.

Oder das Wohnzimmer von Ralf Harbaum, der dafür sorgt, dass auch das letzte Zuhause schön wird.

Ein Sommertag in Münster, die Stadt wirkt geschäftig und aufgeräumt wie eine Puppenstube. Es gibt hier viel Traditionsgemäuer, viele Studierstuben und Gotteshäuser, und wer genau hinschaut, sieht zwischen den schmucken Fassaden einen Faden. Es ist eine Anglerschnur, die sich in über vier Metern Höhe um das gesamte Stadtzentrum von Münster zieht, Straßen und Parks durchquert und manchmal abrupt an einem Pfahl vor einem Haus endet. Dahinter taucht sie dann wieder auf wie eine feine, unauffällige Markierung.

„Zone“ heißt die Installation, die der britische Künstler Mark Wallinger bei den Skulptur Projekten Münster 07 zeigt. Wallinger ist jetzt zum zweiten Mal für den Turner-Preis der Londoner Tate Gallery nominiert, und er hat im katholischen Münster einen Eruv errichtet. Das ist ein Bezirk, der in vielen Städten der Welt mit einem Seil eingekreist ist. Es markiert eine Zone, in dem orthodoxe Juden am Sabbat tun dürfen, was ihnen eigentlich verboten ist: Gegenstände außerhalb des Hauses zu tragen. Dieses Trageverbot macht das Leben ziemlich kompliziert, weshalb der Talmud die Ausnahme von der Regel gestattet: im Eruv. Er erklärt den öffentlichen Raum zum privaten und die eingezäunte Zone zum „Heim“ gläubiger Juden. Hier können sie sich frei bewegen. Hier sind sie zuhause und trotzdem vor der Tür.

Graelstaße, ein schlichtes Wohnhaus aus Backstein, auf halber Höhe dockt Wallingers Schnur an. Hier beginnt die „Zone“, hier wohnt Beate Wethkamp, sie ist Psychotherapeutin und in der Straße aufgewachsen. Die Leute im Viertel sind eher kleinbürgerlich, wird sie erzählen, und dass es Nachbarn gibt, die nicht wollten, dass so ein Künstler Löcher in ihr Haus bohrt und einen Faden dranbindet. Sie haben abgelehnt, mochten nicht dazugehören.

Beate Wethkamp mochte schon, und die Strippe verbindet sie jetzt mit einer großen, einer anderen Nachbarschaft. Ihr gefällt dieser Gedanke, sie erforscht gern das Fremde, und in ihrer Wohnung sieht es aus, als sei sie viel unterwegs. Hier dominieren Farben aus wärmeren Zonen, im Regal stehen Reiseführer und ein Foto von einem, der in Holland lebt. Lebensstellung, sagt sie, „der wird da bleiben“. Der Mann von Beate Wethkamp ist Kernphysiker, und weil das ein seltener Beruf ist, hat er sich entschieden, in Holland zu arbeiten. Beate Wethkamp hängt an ihrem Mann, aber sie hat sich entschieden, hier zu bleiben. Ohne ihre Sprache kann sie nicht gut arbeiten und ohne gute Arbeit geht sie ein, sagt sie. Sie hat unruhige Jahre hinter sich, viel Hin- und Her und innere Zerrissenheit, aber jetzt ist sie angekommen.

Wer Beate Wethkamp fragt, was „zuhause“ heißt, hört als erstes: „Wo mich keiner stört.“ Sie kommt ganz gut damit zurecht, abends mal allein zu sein, niemandem zuhören zu müssen, in sich selbst reinzuhorchen. Dann verkriecht sie sich „zur Selbsterforschung“ in ihren schweren Ohrensessel, „in dem man sitzt wie bei der Mama auf’m Schoß“. Manchmal hört sie da Jazz, singt laut, und es kommt vor, dass die Musik sie aus dem Sessel spült. Dann lässt sie sich von den Tönen bewegen, macht irgendwelche skurrilen Verrenkungen. Fühlt sich gut an innendrin, sagt sie, und draußen guckt sowieso keiner.

Im Eruv darf sich jeder frei bewegen, aber er bleibt eingebunden in das, was Beate Wethkamp „in-group“ nennt. Zu manchen gehört man, zu anderen nicht, und sie selbst hat meistens versucht, aus so einer Gruppe rauszukommen. Sie hat Theologie studiert, aber wollte keine Religionslehrerin werden. Sie hat eine Praxis in feiner Citylage, aber hält sich leise abseits von Münsters besserer Gesellschaft, von selbstgewissen Ärzten und der „merkantilen Mentalität“ ihres Gemeinwesens. Beate Wethkamp ist eine Grenzgängerin. Sie sieht nicht unglücklich dabei aus.

Ein Stück nach Norden am Faden entlang, dann kommt man ans Kreuztor und zu einer herrschaftlichen Villa. Hier lebt Dieter Sieger mit seiner Frau Fransje und seinen Schätzen, die er manchmal streichelt wie andere Leute ihre Kinder. Gleich an der Haustür tänzelt eine Nana von Niki de Saint Phalle. Im Salon dann, der hoch genug ist, um drin zu reiten, warten ein Picasso und rundum jede Menge zeitgenössische Kunst, große Namen, große Objekte, der Platz reicht nicht mehr für sie.

Die Siegers sind Sammler und sie leben hinter vier Millimeter schusssicherem Glas in einer Welt voller Blumenduft. Wer sie besucht, wird mit großer Liebenswürdigkeit bewirtet und mit fröhlichen Geschichten aus der „in-group“ derer, denen man nichts mehr schenken kann außer Beachtung.

Dieter Sieger redet schnell, er erzählt davon, wie er zum ersten Mal die Schallmauer durchbrochen hat. Er ist Architekt, hat erst landwirtschaftlich gebaut, dann luxuriös, schließlich das Innenleben einer Yacht. 1981 stand das Boot auf der Messe. „Das war so, also ob ich den Schiffbau neu erfunden hatte.“ Die Yachten sind immer länger geworden und die Kunden reicher, Glücksspielbarone kamen, Ölminister, dollarschwere Amerikaner.

Dieter Sieger, das ist heute eine international agierende Designfirma für Edelbadezimmer, Armaturen und Luxusbecken aller Art. Und es ist der Name eines Mannes, dessen Lebenswelt mit dem Erfolg gewachsen ist. Zuletzt haben die Siegers auf über 2000 Quadratmetern in einem Schloss mit Park gelebt und gearbeitet. Und weil sie ihre Produkte in 80 Ländern vertreiben, sind die Menschen aus diesen Ländern in ihr Schloss gekommen. Eigentlich waren da immer fremde Leute, und eigentlich waren die Siegers immer unterwegs.

Wer Dieter Sieger fragt, was „zuhause“ für ihn bedeutet, guckt in ein etwas ratloses Gesicht. Naja, sagt er, „eine Tür aufzumachen und sagen zu können: Das ist zuhause“. Er hatte ja mehrere Zuhauses, jetzt das hier in Münster, davor das Schloss, das Penthouse in Venedig und das Anwesen auf Mallorca, und meistens war er sowieso in Hotelzimmern. Dieter Sieger mag keine Hotelzimmer. Also hat er seine Frau mit auf Reisen genommen, seit die Söhne so um die zehn waren.

Die Familie, sagt Dieter Sieger, ist das einzige, was bleibt, wenn man alles erjagt hat. Und Zeit ist der allergrößte Luxus. Auch davon hat er ja jetzt etwas mehr, als er braucht, die Söhne führen die Fima, aber rumsitzen, „das ist für mich tödlich“. Also hat er noch eine Kollektion entworfen. „Besessen“, sagt seine Frau zwischen zwei Wimpernschlägen, und bevor man fragen kann, wie sie das meint, sagt ihr Mann, dass da eigentlich nichts mehr ist, was er sich noch wünscht. Naja, er würde gern mal wieder Spaghetti bei alten Freunden am Küchentisch essen. Nur, dass die Freunde das irgendwie nicht wollen.

So ein Eruv kann exklusiv sein und manchmal auch ein Ghetto, aber es leben in dieser „Zone“ auch Menschen, die Grenzen sowieso nur ungern überschreiten. An der Schnur entlang wieder nach Süden, Norbertstraße, ein Mietshaus. Im Erdgeschoss werkelt ein Geigenbauer, oben wohnt Ralf Harbaum mit seiner Frau Bettina. Die beiden haben geheiratet und drinnen ist es enger geworden, seit sie ihren Kram in die Einbauwand geräumt hat.

Die Harbaums sind Menschen, die das Leben so zu nehmen scheinen, wie es ihnen entgegenkommt. Sie arbeitet bei einer Versicherung, er leitet eine Gesellschaft für Dauergrabpflege, beides Berufe also, die sich der Sicherheit widmen. Dauergrabpflege, das heißt, dass eine Firma garantiert, dass ein Grab dauerhaft gepflegt wird. Macht sowas nicht die Familie? „Auf dem Land funktioniert das vielleicht noch“, sagt Ralf Harbaum. Aber die moderne Gesellschaft und das „räumliche Verzugsproblem“, alles Feinde der Gewissheit.

Wenn jemand also Sorge hat, dass sein letztes Zuhause nicht aussieht, wie er sich das vorstellt, kann er einer Firma zu treuen Händen eine gewisse Summe überlassen. Sie sorgt nach seinem Tod dafür, dass die Gärtner ordentlich pflanzen und die Angehörigen das Geld nicht anderswo verpulvern. Ist doch tröstlich, wenn man weiß, wohin die Reise geht, findet Ralf Harbaum, für den ein schönes Grab aussieht, wie das seiner Großeltern: Bodendecker, Omas Vogeltränke, „bisschen konservativ“.

Er ist kein Mensch, der seinen inneren Orbit verlässt, auch wenn er in Dortmund arbeitet. Ralf Harbaum ist in Münster geboren, er lebt hier, seine Eltern sind Friedhofsgärtner. „Die Ureinwohner bilden hier so eine Art geschlossene Gruppe“, sagt er, „tiefschwarz, aber liebenswert.“ Fragt man ihn, ob er da manchmal ausbricht, als Ausnahme von der Regel sozusagen, nickt er vergnügt. Er war mal Karnevalsprinz und wenn er einen Wunsch frei hätte, würde er Rock’n’Roll-Tourneen organisieren. Macht er aber nicht. „Erst mal alles so lassen“, sagt seine Frau leise. Draußen vor dem Fenster spannt sich eine feine Schnur.

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