Kunstsommer : Immer auf die Großen

"Bodycheck": Die Kleinplastik-Triennale in Fellbach lädt zum Selbstversuch.

Ralf Christofori
Bodycheck
Die Dinge schauen zurück: Tamara Grcics "Autoteile und Decken" (2000). -Foto: Katalog

Die hohen Erwartungen an die Stationen der Grand Tour dieses Kunstsommers sind einer gewissen Ernüchterung gewichen. Das mag an den kuratorischen Rezepten liegen, die bereits im Vorfeld zur Genüge studiert und kommentiert wurden. Vielleicht liegt es auch an der schieren Größe der Großereignisse in Venedig, Kassel und Münster, die den Grand Touristen per se überfordert. Nur wenige Arbeiten hinterlassen einen bleibenden Eindruck. Der kuratorische Größenwahn scheint dem Einzelnen (Künstler, Werk oder Betrachter) mehr zu schaden, als er dem Ganzen nützt. So resümiert Thomas Wagner in der „FAZ“ zum Abschluss der Tour, das Ganze sei sinngemäß das Abbild „einer selbstunsicheren Gegenwart, die nicht weiß, wie sie mit der unreduzierbaren Quantität an Kunstwerken umgehen soll“.

Angesichts dieser Ernüchterung werden Biennale, Documenta 12 und Skulpturenprojekte natürlich trotzdem nicht an Besucherschwund leiden – aber sie könnte den vermeintlich abseitigen aktuellen Ausstellungsprojekten zu mehr Aufmerksamkeit verhelfen. Die 10. Triennale Kleinplastik in Fellbach bei Stuttgart ist großartig – und das, obwohl sie den Diminutiv schon im Titel trägt. Nicht alles ist klein, was die Triennale zu bieten hat – aber sie hat doch mit dem diesjährigen Motto „Bodycheck“ den menschlichen Körper zum Maß aller Dinge erhoben. Die Schau richte sich „an den wahrnehmenden ganzen Leib“, so die Kuratoren Matthias Winzen und Nicole Fritz: Wie geht der Mensch mit den Dingen um, wie setzt er sich zu anderen Körpern in Beziehung und wie antwortet Skulptur als plastische Präsenz auf ihr Gegenüber, den Betrachter?

Mehr als fünfzig Künstler geben zeitgenössische Antworten auf diese Fragen – inmitten einer riesigen alten Kelter, die durchaus nicht leicht zu bespielen ist. Dafür schafft dieser weite Raum die Möglichkeit, dass die gezeigten Arbeiten nicht bei sich bleiben, sondern aufeinander reagieren.

Jason Rhoades’ monumentaler Klappaltar „The Great See Battles of Wilhelm Schürmann“ (1994–95) – eine Hommage an den Sammler und an Marcel Duchamps „Boîte en Valise“ – ergießt sich wunderbar in Tamara Grcics „Autoteile und Decken“ (2000), um dann in Daniel Knorrs „Senke“ aus blutroter Farbe auszulaufen. Während man als Besucher an Antal Lakners absurden Fitnessgeräten den eigenen Körper stählen kann, inszeniert das Berliner Künstlerpaar (e.) Twin Gabriel eine Art körperliche Anverwandlung im Selbstversuch, und zwar in der Rolle von Urmenschen, die sich wie Jäger und Sammler im Wohnmobil von Berlin nach Fellbach durchschlagen.

Auch Isa Genzken findet sich in Fellbach ein – mit einem „Kleinen Pavillon“ von 1990, der weit mehr Ausstrahlung zu besitzen scheint als Genzkens gesamter Auftritt bei der Biennale in Venedig.

Unweit davon präsentiert Rita McBride ihre wunderbaren „Middle Manager“: funktionslose Schaltkästen, die ebenso konzeptuell wie ästhetisch überzeugen. Gerade dort, wo der Umgang mit funktionslosen Dingen körperliche Konventionen und Sanktionen infrage stellt, bewegt sich Georg Winters Arbeit seit Jahren. In Fellbach präsentiert er das „Mobile Harajuku“ – ein hölzernes Klapphandy der jüngsten Generation, das dem erlernten Reiz-Reaktions-Schema mobiler Telefonitis gehörig zuwiderläuft. Ähnlich verwirrt beobachtet man den Mann, der in Artur Zmijewskis Video „Books“ (2005) geradezu zwanghaft mit Büchern kämpft, ohne auch nur eine einzige Zeile darin zu lesen.

In diesen Arbeiten wird der künstlerische „Bodycheck“ zum nachgerade physischen Erlebnis – was die Nachhaltigkeit der Eindrücke garantiert. Darüber hinaus leistet sich die Ausstellung ein Auswahlprinzip, das sich gerade in letzter Zeit nicht mehr unbedingt von selbst versteht: Matthias Winzen hat es sich nicht leicht gemacht, indem er weniger namhafte Künstler präsentiert – der Name allein bürgt nicht für Qualität –, sondern in erster Linie gute Kunst.

Zum Beispiel Stephan Balkenhols riesige Säule, aus der kleine Nischenfiguren herausgearbeitet sind. Oder Stefan Demarys acht Karate- und Shaolin-Kämpfer, die mit ganzem Körpereinsatz luftgeknetete Plastiken formen. Oder das vielleicht „übersinnlichste“ Werk der Ausstellung von Karin Sander und Harry Walter. Die beiden hatten die eingeladenen Künstler der Triennale gebeten, ihre Arbeiten zu beschreiben. Die Texte wurden in die Blindenschrift Braille transkribiert und in einem wunderschönen Buch zusammengefasst. Wer darin zu lesen beginnt, wird nichts erkennen – aber er wird für die Körperlichkeit dieser Ausstellung zusätzlich sensibilisiert.

Alte Kelter Fellbach (bei Stuttgart).Täglich außer montags, bis 23. September. Informationen unter www.triennale.de. Der Katalog kostet 22 Euro.

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