Kunsttherapie : Outsider-Kunst in der Art-Cru

Art Cru: Berlins Galerie für Outsider-Kunst. "Cru", das heißt 'roh' und erinnert an den vom Künstler Jean Dubuffet geprägten Ausdruck der Art brut – rohe, ursprüngliche Schöpfungen aus fieberhaften Momenten. Ihre Vertreter sind Autodidakten.

Juliane Primus

Manchmal fliegen seine Gedanken einfach weg. Innen- und Außenwelt beziehen sich nicht länger aufeinander, das erdrückende Außen entfernt sich, wird kleiner und verliert an Erreichbarkeit. Guy Schumacher findet dann Halt in seiner Kunst. Die Arbeit an den Gemälden und Assemblagen, das Zusammenfügen von grobem Ostseesand, Seegras und unzähligen Muscheln zu einer Collage („Anderswo“, 2200 Euro) geben ihm verlorene Bodenhaftung zurück. Der 46-jährige Schumacher ist Outsider-Künstler, die Kunst seine Therapie.

„Kunsttherapie meint nicht, dass die Bilder uninterpretiert bleiben und der Mensch dahinter als skurriles Objekt betrachtet wird. Die Kunst ist das Objekt“, erklärt Alexandra von Gersdorff-Bultmann. Die diplomierte Textildesignerin arbeitete lange als Ergotherapeutin im Werkraum „Offenes Atelier“ des Berliner St. Hedwigs-Krankenhauses, wo Menschen mit Psychiatrieerfahrung unter Anleitung malen können. Vor knapp einem Jahr hat sie gemeinsam mit ihrem Sohn die Galerie „Art Cru“ eröffnet, die sich auf Kunst von Menschen mit Behinderung konzentriert.

„Outsider-Kunst“ hat sich auf dem Kunstmarkt längst als Kategorie etabliert, die New Yorker „Outsider Art Fair“ geht im Februar in die 18. Runde, Werke der Hamburger Künstlergruppe Schlumper und aus dem Haus der Künstler im österreichischen Gugging haben ihren Liebhaberkreis gefunden. So war es nur eine Frage der Zeit, bis auch in Berlin Outsider jenseits der üblichen Krankenhaus-Rathaus-Schauen einen professionellen Ausstellungsort geboten bekommen und für die Werke angemessene Preise aufgerufen werden. Nicht alle Künstler haben einen realistischen Überblick über ihre Finanzen. Wird ein Bild verkauft, kommt der Gewinn der Wohnstätte oder dem Atelier des Künstlers zugute. Guy Schumacher ist einer der wenigen Selbstständigen. Doch auch er zeigte seine Werke in gemeinschaftlichen Klinikausstellungen, bevor ihm die Einzelschau „AND3ERSWO“ in der Galerie ermöglicht wurde.

„Cru“, das heißt ‚roh‘ und erinnert an den vom Künstler Jean Dubuffet geprägten Ausdruck der Art brut – rohe, ursprüngliche Schöpfungen aus fieberhaften Momenten. Ihre Vertreter sind Autodidakten. Schon 1949 sprach sich Dubuffet in seinem Manifest für die „ungefüge Kunst“ aus: Anders als bei der art culturel habe bei dieser der Nachahmungstrieb keinen Anteil, Gestaltungselemente würden nicht aus Schubladen der Kunstrichtung geholt, die gerade in Mode sei. Die Outsider waren bald erfolgreich und schnell gehörte es zu den vergessenen Dingen, dass die Nationalsozialisten die Werke Geisteskranker als „Irrenkunst“ abgestempelt und Anstaltspatienten als „leere Menschenhülsen“ vernichtet hatten. Juliane Primus

Art Cru (im Kunsthof Oranienburger Straße 27); bis 2. Oktober Di-Sa 12-18 Uhr.

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