London : Royal Academy ehrt Baselitz mit Ausstellung

Die ehrwürdige Royal Academy in London steht Kopf. Eine große Retrospektive des Künstlers Georg Baselitz zeigt von diesem Samstag an rund 60 Gemälde des Deutschen zusammen mit Zeichnungen, Drucken und Skulpturen.

Annette Reuther[dpa]
Georg Baselitz
"Ein Model für eine Skulptur": Eines der Baselitz-Exponate in London. -Foto: dpa

LondonEine außergewöhnliche Ehre für den gebürtigen Sachsen, der für seine Kopfüber-Bilder bekannt ist: Baselitz ist erst der vierte lebende Künstler, der eine Einzelausstellung in dem renommierten Kunsthaus bekommt, das unter anderem mit Skandalschauen wie "Sensation" für Schlagzeilen sorgte.

"Eine Einzelschau ist hier sehr ungewöhnlich. Baselitz ist einer der wichtigsten zeitgenössischen Künstler", sagt der Kurator Norman Rosenthal. Einige Werke des Deutschen, der im kommenden Jahr 70 Jahre alt wird, fanden 1981 das erste Mal mit der Ausstellung "A New Spirit in Painting" ihren Weg in die Royal Academy nahe des Piccadilly Circus. Zwei Jahre später war zum vorerst letzten Mal eine Baselitz-Retrospektive in England zu sehen. Als einer der wenigen ausländischen Künstler ist Baselitz Ehrenmitglied der Akademie.

Amputierter Hitler

Betritt der Besucher die Ausstellungshallen, wird er quasi mit einem Hitlergruß empfangen: Die hölzerne Skulptur "Ein Model für eine Skulptur" stellt eine verstörende, mit Blut beschmierte Figur dar, die ihren einen Arm in die Höhe reckt. "Es erinnert an einen amputierten Hitler", sagt Rosenthal.

Überhaupt spielt Hitler, der Horror des Zweiten Weltkriegs und die Frage nach dem Deutsch-Sein eine vorrangige Rolle in Baselitz' provokantem Werk und somit in der Ausstellung, die fünf Jahrzehnte seines Schaffens abdeckt. Es ist davon auszugehen, dass auch die britischen Besucher, die sich stets für Themen des Zweiten Weltkriegs interessieren, in Scharen kommen werden.

Lieber keine Blumen

Für zarte Gemüter ist die Schau sicherlich nichts, sind doch zahlreiche obszön und schockierend wirkende Werke zu sehen. Darunter das Gemälde, von dem Baselitz einst selbst sagte, "ich werde nie wieder ein besseres Bild malen": "Die Große Nacht im Eimer" (1962-63) zeigt eine entstellte, kindliche Figur mit einem riesigen Penis beim Masturbieren. Baselitz' Mutter soll schockiert gesagt haben, warum er nicht schönere Dinge, wie zum Beispiel Blumen male. "Aber schlimme Bilder zu malen war sehr viel besser als brave", erklärte Baselitz in einem Interview mit dem "Independent".

Auch wer gekommen ist, um die berühmten auf dem Kopf stehenden Bilder zu sehen, wird nicht enttäuscht. Von der ersten Phase, in der Baselitz seine Bilder langsam drehte, bis zu Werken aus dem vergangenen Jahr kann der Besucher diese Entwicklung studieren. Herausragend sind Gemälde wie "Nachtessen in Dresden", bei dem sich Baselitz auf die Dresdner Künstlergruppe "Die Brücke" bezieht, und "Fingermalerei - Der Adler", das sich mit dem Deutschtum befasst. Die umgedrehten Bilder, drückten eine "Form der Folter" aus, sagt Rosenthal, "es heißt soviel wie: Die Welt steht Kopf."

Die Schau, die bis zum 9. Dezember zu sehen ist, endet mit aktuellen Werken von Baselitz. Unter dem Namen "Remix" malte er zahlreiche seiner früheren Bilder erneut. Hier begegnet einem auch "Die Große Nacht im Eimer" wieder - die Figur trägt darauf nun einen Hitlerbart.

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