Madonna : Die himmlische Königin

Schmerz und Schönheit: Eine kostbare Madonnenstatue ist der neue Star des Berliner Bode-Museums.

Christina Tilmann
Madonna
Neuberlinerin. Die Skulptur wurde vermutlich zwischen 1390 und 1420 in Süddeutschland gemeißelt. -Foto: Skulpturensammlung/SMB

Als hätte sie nur kurz den Kopf gewendet. Aber nein, wir, die Besucher, sind es, die um sie kreisen, verlockt vom kühnen Schwung eines Mantelzipfels, gezogen vom zarten Faltenwurf, geführt wie am seidenen Faden, nur ist er hier aus fein gemeißeltem Stein. Je nachdem, von welcher Seite wir sie sehen, wandelt sich ihr Gesichtsausdruck: Von links gesehen, ist da nur Trauer und Schmerz, das abgrundtiefe Leid der Gottesmutter angesichts der Passion des Sohns. Zentral von vorn, das schöne, breite Gesicht voll im Blick, breitet sich Frieden aus, und diese besondere, melancholische Ruhe des in höherer Einsicht in die Notwendigkeit aufgegangenen Leids. Und von rechts meint man in ihrem zart erhobenen Kopf den Stolz zu lesen, der der Himmelskönigin zukommt – auch wenn ihre Krone verloren ist.

Den emotionalen Prozess der Akzeptanz der Passion erkennt Julien Chapuis, der Leiter der Berliner Skulpturensammlung, beim Ausdruckswandel im Gesicht seines neuen Schmuckstücks. Eine besondere Sensibilität, eine zarte Melancholie, wie sie für den in Prag entstandenen Schönen Stil so typisch ist. Diese Madonna, vermutlich zwischen 1390 und 1420 in Süddeutschland geschaffen, darf das Berliner Bode-Museum ab dem heutigen Mittwoch sein Eigen nennen. Eine besonders kostbare Erwerbung – auch und vor allem, weil in diesem Bereich eine schmerzliche Lücke klaffte. Denn das Badener Vesperbild, das Wilhelm von Bode 1903 für das Kaiser-Friedrich-Museum erwarb, verbrannte 1945 im Flakbunker am Friedrichshain, es blieben nur noch die brandgeschwärzten Köpfe von Jesus und Maria übrig. Seitdem träumt man im Haus von einer Neuerwerbung, und konnte es doch kaum fassen, erzählt Chapuis, als 2008 auf der Kunstmesse Tefaf in Maastricht diese bislang unbekannte schöne Madonna aus Privatbesitz auftauchte. Dass so ein Hauptwerk des Schönen Stils noch einmal auf den Markt kommen würde, war kaum zu hoffen gewesen. Und auch nicht, dass es tatsächlich gelingen würde, mit der Hilfe der Kulturstiftung der Länder und der Ernst-von-Siemens-Kunststiftung dieses Werk für Berlin zu sichern.

An diesem Mittwochabend wird sie in der Basilika des Bode-Museums nun feierlich übergeben. Doch thronen durfte sie schon länger unter den Skulpturen des Bode-Museums, zunächst als Leihgabe. Man habe ganz sichergehen wollen, dass sie auch qualitativ mit dem hohen Standard der Berliner Skulpturensammlung mithalten kann, erzählt Chapuis. Und gleichzeitig allen Experten die Chance geben wollen, das Stück auch leibhaftig in Augenschein zu nehmen.

So hat die Madonna viel prominenten Besuch bekommen in den letzten Monaten. Und das Urteil fiel positiv aus. Chapuis selbst freut sich nicht nur über die glückliche Schließung einer kriegsbedingten Lücke, sondern sieht in der Madonna auch einen missing link in der Geschichte der deutschen Skulptur. Und wechselt geschwind zwischen den Sälen hin und her. Die Magdalena von Hans Multscher: Hat sie nicht ein ähnlich flächiges Gesicht, das leichte Doppelkinn in der Untersicht? Und jene andere stehende Madonna des Schönen Stils dort: Bei ihr verhüllt das Kleid die Anatomie des Körpers und macht im Vergleich erst deutlich, wie einzigartig die neue Schöne gearbeitet ist.

Denn trotz des reichen Faltenwurfs, den die Steinmetzen unendlich fein, bis an die Grenze des Bruchs herausgemeißelt haben, erkennt man ihren ganzen Körper in Bewegung. Die kräftigen Knie, vom Gewand mehr betont als verborgen, verankern sie fest im Sitzen auf dem Thron. Doch der Oberkörper mit den abgebrochenen, ursprünglich das verlorene Jesuskind haltenden Armen wendet sich sacht nach rechts, versetzt den ganzen Körper in Bewegung und zieht den Besucher unwillkürlich mit. Eine Skulptur zum Herumgehen, das war sie bestimmt.

Wie es den sicherlich in Prag geschulten Bildhauer nach Süddeutschland, nach Regensburg oder Straubing, verschlug, wo er sein Werk aus Sandstein aus dem Altmühlteil erschuf, gehört zu den Fragen, die noch offen sind. Auch, ob es sich, wie Chapuis meint, um ein Frühwerk des Schönen Stils handelt, das um 1390 entstanden ist, oder ob es eher zwanzig Jahre später zu datieren ist, wie andere Experten meinen. Ein Symposium soll nach Vorstellung des Skulpturen-Leiters Klarheit schaffen. Über den Rang der Erwerbung jedoch gibt es keine Zweifel, sie reiht sich ein zwischen Niclaus Gerhaerts Dangolsheimer Madonna und die Riemenschneider-Werke. Es mögen sich viele Besucher in der nächsten Zeit davon überzeugen.

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