Magersucht : Spieglein, Spieglein

„32 Kilo“: Ivonne Thein zeigt in der C/O-Galerie ihre Fotoserie mit virtuell abgemagerten Models.

Jens Mühling
32 kilo
Schlankheitswahn. Die Künstlerin hat normalgewichtige Models fotografiert und sie am Computer auf 32 Kilo verschlankt. -Foto Yvonne Thein

Der erste Schock klingt schnell ab. Ein kleiner Ausstellungsraum in der Fotogalerie C/O Berlin, kahle Betonwände, Bilder von halbverhungerten Mädchen. Magersucht, schlimme Sache, denkt man. Irgendjemand sollte etwas unternehmen. Aufklärungskampagnen, Lichterketten oder so.

Der zweite Schock kommt fünf Minuten später. Ungefähr so lange dauert es, bis man sich halbwegs eingesehen hat in diesen Kosmos anorektischer Mädchenleiber – und erschreckt feststellt, dass man diese Bilder durchaus schön finden kann. Man muss nur richtig hinsehen. Oder falsch hinsehen, je nachdem. Alles eine Frage des Blickwinkels.

Die letzte Anti-Magersucht-Kampagne der Bundesregierung bestand aus Plakaten, auf denen ein sehr dünnes Mädchen im Spiegel ein sehr dickes Mädchen betrachtete. Magersüchtige leiden unter krankhaft verzerrter Selbstwahrnehmung, so die medizinische These der Plakate. In den Internetforen der sogenannten „Pro Ana“-Bewegung wurde die Kampagne mit Spott nur so übergossen. „Pro Ana“, das steht für die positive Umdeutung eines Krankheitsbildes, der Anorexie. „,Pro Ana‘ ist ein Lifestyle, keine Krankheit“, heißt es in vielen dieser Foren, in denen Mädchen (und zunehmend Jungen) akribisch den Fortschritt ihrer Selbstskulpturierung dokumentieren, in denen Detailfotos knochiger Rippenpartien und hervortretender Hüftgelenke zirkulieren, in denen Tipps zur Nichternährung ausgetauscht werden und Strategien zur Verheimlichung vor Eltern und Freunden. „Wenn ich in den Spiegel sehe“, schreibt eine „Pro Ana“-Anhängerin in einem der Foren, „dann sehe ich kein dickes Mädchen. Ich sehe meine geilen Knochen. Ich weiß genau, wie ich aussehe.“

Es ist diese positiv besetzte Selbstwahrnehmung und nicht die gutmenschelnd mitleidige Außensicht, die die Dortmunder Fotokünstlerin Ivonne Thein in ihrer schockierenden Bildreihe „32 Kilo“ nachvollziehbar macht. Sie zeigt Mädchen in den lasziven Posen der Werbe- und Modelästhetik, sie zeigt inszenierte, selbstbewusste Sexualität. Ihre grotesken Frauenkörper schockieren den Betrachter nicht, weil sie krank sind, sondern weil sie sich selbst gefallen, weil sie stolz sind auf ihr Anderssein, auf die selbst erarbeiteten Körperformen. Ihre zerbrechlich dürren Beine strecken sie noch mit Absatzstiefeln, deren Schäfte lose um die Knöchel schlackern, die Gesichter entziehen sich hinter voluminösen Haarmähnen kokett dem Blick des Betrachters. Dass die laszive Unterwäsche der Models aus medizinischen Utensilien besteht, aus Mullbinden und Stützkorsetten, erkennt man erst auf den zweiten Blick, und es wirkt wie eine Fremdzuschreibung von Krankheit, die die Mädchen selbstbewusst zu erotischen Accessoires umdeuten.

Ursprünglich, sagt Ivonne Thein, habe sie ihre Bildreihe mit tatsächlich betroffenen Mädchen inszenieren wollen, mit den Wortführerinnen der „Pro Ana“-Bewegung. Der Ansatz scheiterte, weil keines der Mädchen zur öffentlichen Inszenierung seines Körpers bereit war. Ivonne Thein verlegte sich auf eine alternative Methode: Sie fotografierte „normalgewichtige“ Models und bearbeitete die Bilder nachträglich am Computer, hungerte sie virtuell herunter auf jenes Idealgewicht von 32 Kilo, das der Ausstellung ihren Titel gibt.

Der spektakulären Wirkung ihrer Bilder tut diese Kompositionsmethode keinerlei Abbruch – denn letztlich bedient sich Thein damit ebenjener Mechanismen, die zunehmend auch in der Werbe- und Modefotografie reale Körper durch virtuelle Körperinszenierungen ersetzen. Wie sehr solche digitalen Verfremdungen unsere Körperwahrnehmung beeinflussen können, führt Thein eindrücklich vor: Wenn ihre sexualisierten Aliens attraktiv sein können – wie weit sind die „Pro Ana“-Mädchen dann tatsächlich von der Normalität entfernt?

Bis 11. Mai täglich 11 bis 20 Uhr, C/O Berlin, Oranienburger / Ecke Tucholskystraße, Mitte.

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