Mahnmal-Kritik : Bergsteiger auf Stelen

"So macht die Schoah richtig Spaß": Eine Ausstellung im Berliner Fotomuseum zeigt das Holocaust-Mahnmal als Farce.

Jens Hinrichsen
Holocaust-Mahnmal
Foto: ddp

In ihrer kunstwissenschaftlichen Dissertation über Vorgeschichte und Konstruktion des Berliner Holocaust-Mahnmals bezeichnet Simone Mangos die Gedenkstätte schon im Titel als „Monumental Mockery“ – was übersetzt Verhöhnung, Gegenstand des Spottes oder Farce bedeuten kann. Ihre Fotoserien, Materialcollagen und die begehbare Installation im Museum für Fotografie setzen indes weniger beim Eisenman-Entwurf selbst an. Vielmehr fragt die seit 1988 in Berlin lebende Australierin, welche Formen wir der Erinnerung geben – und wie stark unser Blick dabei Geschichte verformt.

Mit skeptischem Impetus rollt die Multimediakünstlerin in ihrer Ausstellung zunächst die Entwicklung des historisch belasteten Areals der einstigen „Ministergärten“ zum „Lieu de Mémoire“ auf. Ihre Kritik überzeugt dort, wo sie sich mit hohem Beunruhigungsfaktor der touristischen Aneignung des Stelenfelds widmet. „So macht die Schoah richtig Spaß“, lautet eine Fotoserie. Quader werden als Sonnenliegen genutzt, ein jugendliches Paar scheint mit den Stelenabständen auch die eigenen fatalen Wissenslücken zu überspringen. Ein „Gipfelstürmer“ trägt eine Sportjacke mit dem „Lonsdale“-Logo, das wegen der darin versteckten Buchstabenkombination „NSDA“ vorzugsweise von Rechtsextremen getragen wird.

Im kriegsversehrten Kaisersaal des Museums für Fotografie stellt Simone Mangos als skulpturale Skizze ihre Alternative zum Holocaust-Mahnmal vor. Damit wird die Aura rohen Mauerwerks ein letztes Mal genutzt, bevor hier 2008 ein White Cube für Fotoausstellungen eröffnet wird. Noch steckt der Ort voller Symbolkraft für das Vorhaben, die „Ideologie des Gedenkens“, wie sich der Ausstellungstitel übersetzen lässt, zu problematisieren: Der Kaisersaal war Ballsaal preußischer Offiziere und diente im Ersten Weltkrieg als Lazarett. 1966 machte hier die umstrittene Wanderausstellung zum Frankfurter Auschwitz-Prozess Station. Bei Simone Mangos wird der Ort zur Passage in die deutsche Geschichte. Ausrangiertes Mobiliar, Bodenfunde vom Mahnmalsgelände säumen den Parcours. Das Arrangement folgt dem Grundriss von Goebbels’ Bunker, der unter dem Mahnmalgelände versiegelt ist. Mangos setzt auf ein Labyrinth widersprüchlicher Zeichen statt auf ein modernistisch-abstraktes Konstrukt. Jens Hinrichsen

Museum für Fotografie, bis 4. 11.

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