Malerei : Die Reise, die sich Leben nennt

"Malerei für den Augenblick": Die Grabmonumente von Paestum werden im Berliner Martin-Gropius-Bau präsentiert.

Michael Zajonz
Heratempel
Wo schon Goethe schwärmte. Der Heratempel in Paestum, 1859 gemalt von Leo von Klenze. -Foto: Katalog

Alle sind sie da gewesen. Goethe als Italienreisender, später dann der romantische Malerpoet Schnorr von Carolsfeld, die Großarchitekten Schinkel und Klenze, mit wachem Blick, jede Steinfuge in sich aufsaugend. Noch Altbundespräsident Richard von Weizsäcker hat auf seiner Hochzeitsreise dort Station gemacht.

Sie alle kamen (und kommen) nach Paestum, in die süditalienische Region Kampanien, wegen der berühmten griechisch-dorischen Tempel. Heute ist der Landstrich 50 Kilometer südlich von Salerno auch wegen seiner Müllprobleme bekannt. Doch die Tradition steht auf festen Fundamenten. Die drei gewaltigen, im sechsten vorchristlichen Jahrhundert entstandenen Tempel von Paestum waren seit dem späten 18. Jahrhundert fester Bestandteil der Grand Tour gebildeter und wohlhabender Zeitgenossen – ein Sehnsuchtsort erster Klasse, wo man in halbwegs bequemer Reichweite zur Musik- und Kunstmetropole Neapel den alten Griechen auf den steinernen Puls fühlen konnte. Ein Pulsschlag wie Musik oder Dichtung. Im „Faust“ schwärmt Goethe: „Der Säulenschaft, auch die Triglyphe klingt,/ Ich glaube gar, der ganze Tempel singt.“

Die Tempel von Paestum: Vom römischen Meistergrafiker Giovanni Battista Piranesi 1778 in einer Serie fulminanter Kupferstiche verewigt, sind sie touristisch und kunsthistorisch längst zur Marke geworden. Die Gräber von Paestum sollen es noch werden. In unmittelbarer Umgebung der dorischen Säulenmonumente – und mit ihnen gemeinsam auf der Unesco-Welterbeliste – befinden sich drei große antike Nekropolen, eine vierte Totenstadt liegt im Norden Paestums. Sie alle bergen reich bemalte Gräber aus dem vierten vorchristlichen Jahrhundert. In den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts begann man sie, nach ihrer Entdeckung 1805, archäologisch auszugraben. Nun folgt, in einer ebenso sinnlichen wie klar gedachten Ausstellung, erstmals umfassend und außerhalb der Region ihre Würdigung. Auch das: eine Ausgrabung.

„Malerei für die Ewigkeit. Die Gräber von Paestum“ ist im Herbst letzten Jahres im Hamburger Bucerius Kunstforum gestartet. Nun hat man die Ausstellung glanzvoll im Berliner Martin-Gropius-Bau reinszeniert. Neun komplette Gräber aus tonnenschweren Kalksteinplatten, einige Grabfragmente: Insgesamt 43 mit zartem Kalkgipsstuck überzogene und farbig bemalte Grabplatten durften erstmals das Archäologische Nationalmuseum in Paestum verlassen. Dort müssen die meisten von ihnen, weil das Museumsgebäude die schweren Lasten nicht trägt, im Depot verborgen bleiben. „Malerei für die Ewigkeit“ wird zur Entdeckungsreise selbst für diejenigen, die Paestum gut zu kennen meinen.

All das verdankt sich einem Mann: Bernard Andreae. Der Ausstellungskurator und langjährige, inzwischen pensionierte Leiter des Deutschen Archäologischen Instituts in Rom verfügt in Paestum und Salerno über einmalige persönliche Kontakte. Giuliana Tocco Sciarelli, der Chefarchäologin der Provinz Salerno, rettete er bei einem Tauchgang während Unterwasserforschungen im Golf von Baiae vor bald vierzig Jahren das Leben. Archäologenabenteuer, die verbinden.

Nun stimmte die maßgebliche Antikenbehörde nicht nur der Leihgabe nach Hamburg, sondern sogar der zweiten, ursprünglich nicht geplanten Station der Ausstellung in Berlin zu. Eigentlich war der Gropius-Bau für die große BabylonAusstellung der Staatlichen Museen reserviert gewesen, die nun jedoch im Pergamonmuseum stattfindet. Als sich die Gelegenheit in Berlin ergab, warf dann sogar Italiens Botschafter in Deutschland Antonio Puri Purini sein Wort in die Waagschale. Und eine große Kunstspedition erklärte sich bereit, die kostbaren Grabplatten fünf Monate lang fachgerecht einzulagern. Diplomatie und Pragmatismus. Andreae ist überglücklich.

Der Kraftakt hat sich gelohnt. Schöner noch als in Hamburg – wie selbst Bucerius-Kunstforums-Direktorin Ortrud Westheider einräumt – präsentieren sich die zusammengesetzten Gräber, die nun auch in ihrer korrekten Ausrichtung gezeigt werden können. Mit dem Kopf im Osten und den Füßen im Westen wurden die Toten der Lukaner bestattet. Der samnitische Ritterstamm, der im vierten Jahrhundert in Paestum die lokale Macht von den griechischen Kolonisten übernommen hatte, glaubte wie alle antiken Hochkulturvölker an ein Leben nach dem Tode. Dazu musste man nach Westen gehen, übers große Wasser, bis zu den Inseln des Paradieses.

Die Grabkunst der Lukaner richtet sich nicht, wie die Pyramiden der Pharaonen, die griechischen Grabstelen, römischen Prunksärge und Monumente, an die prunkliebende Nachwelt. Es ist Gebrauchskunst für den Moment, gemalt auf den frischen Verputz im Innern des aus vorgefertigten Teilen zusammengefügten Steinkastens. Zwischen Tod und Bestattung lagen höchstens 24 Stunden. Für die ausführenden Künstler meist nicht genügend Zeit, um korrekt nach den Regeln der griechischen Malerei vorzugehen, die sich in jenem vierten Jahrhundert Perspektive, Licht und Schatten angeeignet hat. Angesichts der Gräber kann man buchstäblich dabei zusehen, wie sich der Leichenzug genähert haben muss und der Maler, noch längst nicht fertig, zum Ende zwingen musste. Auch Abdrücke der Hanfseile, mit denen die Leiche herabgelassen worden ist, haben sich im frischen Verputz konserviert.

Es ist das Flüchtige, Brüchige der Darstellung, das modernen Betrachtern vertraut erscheint. Selbst wenn es in längst vergangenen Symbolen wie Eiern oder Granatäpfeln um Ewigkeit geht. Oder um mythisch-entrückte schwarze Ritter, wilde Fabelwesen, ächzende Faustkämpfer, schöne Frauen. Die Malerei des Augenblicks baut Brücken, von Mensch zu Mensch, vom Damals ins Jetzt: auf einer Reise, die sich Leben nennt.

Gropius-Bau Berlin, bis 28. September. Katalog im Hirmer Verlag München 23 €. Kurator Bernard Andreae spricht am Mo 30. Juni, 18.30 Uhr, im Kinosaal des Gropius-Baus über „Die bemalten Gräber von Paestum: Licht und Schatten“.

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